Liobastraße ehemals Pfarrgasse

Die Liobastraße hat den größten Teil ihres historischen Baubestandes in mehreren Abrißwellen verloren. Um die gegenüber der alten Pfarrkirche größere St. Martinskirche in den dicht geschlossenen Stadtkörper hinein zu bekommen, wurden in nördlicher und westlicher Richtung um 1912 viele Häuser, Hinterhöfe abgerissen. Für den Bau des Landratsamtes wurden neben dem Riedernhof weitere Häuser in den 1960ern geopfert. Für die heute nicht genutzte Rasenfläche vor der Kirche trat ein erneuter Verlust auf: Der Abriss des Heckerhauses und weiterer Baulichkeiten. 1969/70 rissen der Bau der Volksbank, des Mainkaufhauses weitere Lücken in das ehemalige Pfarrviertel. In den 1980ern kam der bisher letzte Schub der flächenhaften Abrisse. Eine Seite der Liobastraße wurde vom Marktplatz aus bis zur Treppengasse in Richtung der Stadtkirche niedergelegt. Im Mundartbändchen "Wasst no?" von Eberhard Bärthel findet sich auf Seite 29 ein Foto der heruntergekommenen Hausfassaden von Friedrich Oeppling, einem Meisterfotografen von Büscheme und Umgebung. Gegenüber dem Haupteingang der St. Martinskirche standen früher die Garagen der Büschemer Feuerwehr.


 

Diesen alten Häckerquartieren, diesen kleinwinkeligen Häuserzeilen der ehemaligen Pfarrgasse, der historischen Bausubstand des Pfarrviertel wurde noch manch sehnsüchtiger Hilferuf nachgeschickt: "Erhaltungswürdig ist diese Häuserzeile mitten in Tauberbischofsheim, an der ehemaligen Pfarrgasse, jetzt Liobastraße. Traurig, gottverlassen und in einem jämmerlichen Zustand stehen die Häuslein da. Verputz bröckelt ab, Moos fällt herunter; die Fensterscheiben sind blind oder eingeworfen. Verwunderlich ist, daß wenigstens auf der Traufseite zur Gasse die Dachziegel noch verhanden sind. Ein wenig aufrecht hält sich nur das putzige Zwerghüttlein rechter Hand. Dies alles gibt trotz aller Verlassenheit und Trostlosigkeit wenigstens für den Zeichner noch ein malerisches und romantisches Motiv ab. Doch diese Art von Wohngebäuden waren früher typisch einheimisch büschemerisch und sie mögen, neu errichtet, für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich gewesen sein. Auf jeden Fall stammen sie aus einer wirtschaftlich darniederliegenden Zeit, unter dem Kurfürstentum Mainz, etwa um 1600, 1700, als es hier fast ausschließlich nur kleinbäuerlich und kleinbürgerlich zuging. Da gab es hier, wie auf dem Bild zu ersehen, das einfache Bauerngehöft, das man durch das große Hoftor betreten mußte, neben dem Häuschen des Weinberghäckers oder dem noch kleineren des Schusters oder Schneiders. Sie, die anderen Gassen und auch die Hauptstraße spiegeln zum Teil jetzt noch diese Vergangenheit anschaulich wieder und sind ein wesentliches Stück Stadtgeschichte." (FN 11.8. 1988 hp) Längst ist der Abrißbagger über diese Häuserzeile hinweggegangen. Daneben standen die Häuser der Weinhäckerzunft, der Weinbruderschaft, der St. Urbans-Bruderschaft vor der Kirche, nun ein banaler Rasenplatz. Teile des Schmuckfachwerkes fanden ihre Wiederverwendung als vorgehängte Fachwerkattrappe der Sternapotheke.


 

In Tauberbischofsheim läßt sich nur noch teilweise die sozial-ökonomische Topographie und Typologie des Weinanbaus anhand der Siedlungsquartiere und der Gestaltung der Häuser ablesen. In der Hauptstraße und am Marktplatz finden wir die Wohnungen und Höfe der reichen Weinhändler und Weinbauern, später der Kaufleute, die die Häuser der Weinhändler nach dem Niedergang des Weinanbaus größtenteils übernahmen. Die Seitengassen waren geprägt von den Häusern der Häckerfamilien und der kleinstädtischen Unterschichten, der Tagelöhner, Kleinbauern, Handwerker. Um die Kirche stand ein großes Quartier der Häcker, das fast vollständig abgerissen ist: Der Neubau der Kirche mit dem Rasenfreiplatz, der Bau des Mainkaufhauses, die neuen "winkeligen" Ladengeschäfte haben den Standort eingenommen.  Entlang Armengasse, heute Frauenstraße, Liobastraße, Gartenstraße, Blumenstraße, Badgasse, Manggasse, Untere, Mittlere und Obere Gasse und weitere waren die hoch verdichtet bewohnten Häckerquartiere. Ehemalige Freiräume und Gärten waren längst überbaut worden. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich gerade diese einfachen Häuser oftmals verändert, wobei Teile der oft mittelalterlichen Bausubstanz einfach wieder verwendet wurden. Nach 1945 wurden viele dieser Quartiere dem Verfall preisgegeben. Man wohnte nun in den Neubaugebieten. Danach übernahmen die Einwanderer und EinwanderInnen die billigen Mietswohnungen der Altstadt. Inzwischen grassieren Flächenabriße, um Platz für die Ladengeschäfte und für die neue innenstädtische Wohnkultur des finanzkräftigen oder sich verschuldenden Mittelstandes zu machen. Aber auch die alteingesessenen Familien haben das Bedürfnis nach neuem Wohnraum und Lebensstandard. Die jüngere Generationen errichten nun neue Häuser auf dem Standort der alten Wohnhäuser, sanieren die alte Bausubstanz oder bauen um. Durch diese Patchwork artige Neu- und Weiterbebauung verändert sich zwar auch das historische Bild, aber es bleibt nur noch ein Restcharakter des ehemaligen Quartierbildes bewahrt. Das Pfarrviertel um die Stadtkirche herum, die Liobastraße / Pfarrgasse haben in Büscheme den größten baulichen Substanzverlust erfahren müssen.


 

Heute kaum noch verständlich, warum man den gut erhaltenen Riedernhof abgerissen hat und das allzu große, von der Architektur allerdings banale Landratsamt in das Stadtgefüge hineingedrückt hat. Da hätte es auch noch andere Flächen, Standorte geben können. In Büscheme spricht man halt gern von der Tradition, von der Historie. Aber im städtebaulichen Denken und Handeln bleibt das nur Gerede. Da können die Heimatkundler nur an die Wichtigkeit der Historie erinnern, daran gemahnen. Die Abrissbagger ziehen das hinterher glatt. Und bereinigen den alten Stadtkörper von zuviel Historie.


 

Das Ende des Riedernhofes war wohl auch Ende für einigen Ümgehnerspuk im Riedernhof: Im Mittelbau, oben in der Dachkammer, erscheint ein Mann, die Türe springt mit Krachen und Lärm auf, das Zimmer ist hell erleuchtet. Der Spuk verschwindet wieder. Hier soll früher jemand umgebracht worden sein. TuD 113. IV Geisterspuk im früheren Bezirksamt (Riedernhof)   48. Im großen Ecksaal soll eine vornehme Gesellschaft von Herren im Frack Karten spielen. TuD113. VII Noch ein Spuk im Riedernhof  (51). Das Heckerhaus war neben den Versammlungen der Weinbruderschaft, den St. Urbansbrüdern, auch schauriger Spukort: Ein Gehenkter geht im Heckershäuschen um. (88)

 


 

Blick vom Marktplatz in Richtung Liobastrasse