Bahnhof

Der Büschemer Bahnhof bedeutete den etwas späten Einzug der Moderne im provinziellen Büscheme. Bahnsteigsperren verhinderten nach 1900 den ungestörten Zugang zu den Bahnsteigen. Auch der Wartesaal durfte nicht auf eigene Initiative verlassen werden. Erst kurz bevor der Zug eintraf, durften die Reisenden auch auf den Bahnsteig. Wer ohne Fahrkarte auf den Bahnsteig wollte, musste für einige Pfennige eine Bahnsteigkarte erwerben. Ebenso kompliziert war das Verlassen des Bahnsteiges. Man musste die Fahrkarte beim Verlassen abgeben. Die Bahn führte ein rigides Raumregime über ihr Bahngelände. Das wurde in Büscheme etwas laut einigen Geschichtchen von Valentin Ries gestört. Gelegentlich hatte der Fahrdienstleiter erhebliche Schwierigkeiten, den Zug abfahren zu lassen. Ein Pfiff von Valentin Ries kam ihm zuvor. Als ein Zug schon in der Abfahrt war, ruderte Valentin Ries mit seinen Armen und mit großem Krach auf dem Bahnsteig herum. Der Zug fuhr wieder zurück, um den Gast noch mitzunehmen. Von Valentin Ries war nur zu hören: „Droo kriecht“ und stieg nicht in den Zug. 1935 warf sich Alfred Rosenbaum vor den einfahrenden Zug, um sich seinem Abtransport in das Konzentrationslager Dachau zu entziehen. 


Exzellenter Kundenservice war ja nicht gerade der Charakterzug der damaligen Bundesbahn. Man übte als Beamter ja quasi herrschaftliche Amtsgewalt aus. Das ließ man seine Kunden merken. Beim Fahrkartenkauf hatte man oft das Gefühl, zu stören. Und man bekam nur unwillig sein Billet. Ein Kärtchen, auf dem das Fahrtziel und Datum aufgestempelt wurden. Der Fahrkartenverkauf hatte einen umfangreichen Stapel von vorgefertigten Billets. Für unser kindliches Gemüt ein wunderbares Zeugnis einer vorgeordneten Welt. In der alles seinen Platz hatte. Innerlich wusste man selber allerdings zunehmend immer weniger wohin man gehörte. Aber noch lange nicht wohin. Der Bahnhof signalisierte einem, dass man fortkommen konnte. Der Schienenbus leistete mit seinen abgewetzten und durchgesessenen Bänken den lokalen Eisenbahnverkehr. Es gab ja auch noch ein Gleis in Richtung Königheim. Wenn auch bald nur noch Güterverkehr. Immerhin fuhr ein Eilzug von Frankfurt bis Friedrichshafen über Tauberbischofsheim. Nicht schnell, aber immerhin eine ziemliche Entfernung. Wie ein Fernzug. Heute ist der Regionalverkehr vom Prinzip her nur noch Stückwerk. Also kurze Strecken.

Inzwischen fehlen neben den verschiedenen Funktionen auch viele Nebengebäude. Das große Lagerhaus abgerissen. Früher waren wir öfters im Lagerhaus. Ein Kriegsversehrter, der dort arbeitete, beeindruckte mit seinem Handersatz. Der wie ein eiserner Stempel von ihm auf die Papiere gelegt wurden, wenn er diese abarbeitete. Als Kinder war eine Bahnfahrt auch immer Anlass, von den Eltern am Kiosk ein Fix&Foxi Heft abzuverlangen. Damit wir eine längere Fahrt ohne größere Störung der Eltern durchhielten, bekamen wir auch eines. Meistens zwei. Sonst nicht. Der Fahrplan war ja noch ein Monument des Eisenbahnverkehrs. Die Eisenbahn fuhr noch sehr oft vom Bahnhof ab. Und kam auch noch spät abends noch an. Mit der Bahn hatte man das Gefühl immer wegzukommen. Und auch wieder zurück. Mitte der 1970er Jahre wurden die Dampfloks zur letzten Fahrt gelassen und die Fahrpläne kräftig ausgedünnt. Bei jedem Fahrplanwechsel fuhren weniger Züge. Der Bahnhof verlor einen großen Teil seiner öffentlichen Raumfunktion. Das setzte sich in den Jahren danach fort. Hier bin ich noch weiter auf den Büschemer Bahnhof eingegangen:


http://www.traum-a-land.de/Tauberbischofsheim/Tauberbischofsheim-6

http://www.traum-a-land.de/Tauberbischofsheim/Tauberbischofsheim-14


Josef Dürr widmete in einem Gedicht "Marktfahrt", das eine Bahnfahrt zur Königshöfer Meß beschreibt, dem Büschemer Bahnhof, dem Bahnsteig, der Abfahrt des Lokalzuges in Richtung Lauda, Königshofen, eine wunderschöne Hymne einer Fahrt im überfüllten Zug. Nichtraucher gab es noch nicht. Abstand auch nicht. Nur dichtes Gedränge. Sowohl auf dem Bahnsteig, als auch im Zug. Das unterstreicht die Bedeutung der Bahn zu dieser Zeit, der Beitrag der Bahn zur Mobilität der Bevölkerung. Mit der Bahn kam man zu Zielen, zu wichtigen Ereignissen in der Region, wie die Königshöfer Meß. Ein regionales Weltwunder zur damaligen Zeit. Das sich keiner entgehen ließ. Deshalb auf zur Bahn, zum Bahnhof, hinein in den Zug mit wenigen Wägen. Wer keinen Platz hatte, oder sich zu einem freien Platz durchkämpfte, trat den anderen auf die Füße, also auf die Schuhe, vornehmlich im vorderen Zehenbereich. Wer auf die Königshöfer Meß will, muß auch etwas leiden, bevor er die neusten Weltwunder erleben kann. Die Heimfahrt wurde ebenso im überfüllten Zug angetreten. Und endete auf dem ebenso zunächst überfüllten Büschemer Bahnsteig, Bahnhof, der sich dann rasch entleerte.


Josef Dürr - Marktfahrt in Schleh un Hasselnüss' (1919)


Wie mer kumme naus die Bahn
Steht do schärr die halwe G'maan,
Menner, Weiwer, Borsch' un Maadli:
All mit Hüüt un Sunndaachsklaadli,
Korze Ärmel, lange Ärm
Hendschich, Brosch un Sunneschärm.
Wenn die wölle all nein 'n Zuuch,
Hot er g'wiiß nid Wääche g'nuuch!
Uffgebaßt, jetz fehrt er 'rein!
Dunnerkeil, werd's do aam eng,
Schärr verschdickt mer im Gedreng!
Üüwerlaafe dunn die Aache,
Wal sie Stinkadores raache;
Tritt geit's uff die Zehespitze,
Awwer närchends Platz zum Sitze.
Immer völler werd der Zuuch,
Un scho' lang sann's haufeg'nuuch.
Wu's a klans Statiönle geit,
Kumme widder frischi Leut.
- Endli' hilt's. Gottlob un Doonk!
Alles is scho' halwer kroonk.
'Raus steicht jeder voller Fraad,
Bloß 'em Fritzle is es laad;