Wörtplatz

 

  

Bischemer Flaneur an der Tauber

 

"Die Ringmauern, von Moos und Efeu umkleidet, standen zu Beginn der achtzehnhundertachtziger Jahre nur noch an einzelnen Stellen, und auf dem alten Wall, der einst den wehrhaften Ort umschlo0, spazierte (und spaziert heute noch) an warmen Sommerabenden, im kühlen, golddurchzitterten Schatten uralter mächtiger Kastanien, die schöne Welt und wetzte ihre Zunge."

Wilhelm Weigand, Die Frankenthaler

 

"Die Wallpromenade, in ihrem westlichen Teil zur charakterlosen Ringstraße vollends verflacht, wird heute noch im ganzen 'der Graben' genannt. Durch sein Eibirnrund ziemlich mitten hindurch zieht sich die Hauptstraße, die gleich dem Stiel einer Frucht über den Stadtkörper hinausragt und als Tauberbrücke dem Fluß aufsitzt. Wer deshalb in Tauberbischofsheim Zeit zum Flanieren hat, den, einem Blutkörperchen in der Lebensbahn vergleichbar, ergreift und schwingt die räumliche Bewegtheit der Stadt unwiderstehlich in ihren Rhythmus ein. Dieser eingeborene Kreislauf des Bischofsheimer Lebens, wo er als Bummel sich offenbart, heißt deshalb bei den Spaziergängern: 'De Growe rüm un d' Schodt ro.' Und so wiederholt er in Führung seiner Eingeborenen, wohligen Umschwungs durch die Zeiten hin, heimlich den sanften Strudel des Tauberwassers überall längs seiner südnördlichen Zuges zur Mündung."

Friedrich Alfred Schmid Noerr, Erinnerung an Tauberbischofsheim

 

Die historischen Bilder des Bischemer Flaneurs durch die alleehafte Wall-Kastanienpromenade stimmen längst nicht mehr. Städtebauliche Maßnahmen der Schaffung einer Steinöde haben ihrer Ästhetik ein Ende gesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

Der neue Wörtplatz - versteinert und auf Sand gebaut

 

 

 

Riehl ist Frühzeuge, dass in dieser Kleinstadt kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Fast. Wo einst der Wörtplatz war, ist nun eine Steinwüste. Nachträglich wurde am Rand Unmengen Sand aufgeschüttet, um diese Einöde Stadtstrand nennen zu können. Das nennt sich städteplanerische, städtebauliche Aufwertung des Stadteingangs. Eher auf Sand gebaut, das Ganze, das noch nicht einmal was richtig Halbes ist. Nachdem sich herausstellte, dass die Versprechungen der hier umgestaltenden Entwurfsfanatikern aus Stuttgart nicht eintrafen, nämlich eine Alltagstauglichkeit der schiefen Ebenen, sinnlosen Hochwassermauern, Höhenversätzen, Pflasterorgien, wird nun mit teuren Methoden der Aktionsgestaltung der leere Platz bevölkert. Gelegentlich. Eine Demonstration von Verdi wurde hierher beordert, die Tour de Ländle nahm den Platz ein, mit 6000 Besuchern. Der Stadtstrand, einige Meter über der Tauber und noch mehr Meter vom Ufer entfernt, gibt nun der ehemals gerühmten, aber alltagstauglichen Kastanien-Wallpromenade den Rest. Der Weg ist nun völlig versandet. Und dies, nachdem den Stuttgartern Entwerfern, Low-Performance, High-Money-Honorar, es schon längst gelungen war, die Kastanienallee so zusammen zu stutzen, die Erinnerung an diese Wallpromenade, die ja in einigen Stadtbeschreibungen eingegangen ist, endgültig unter den Entwurfskosten, vor allem der Entwurfshybris zu begraben. Wieder einmal gab sich eine Kleinstadt her, im Wunsch nach Modernisierung, den Stuttgarter Entwerfern als zu gestaltender Leerraum zu dienen. In diesen Leerraum kippte man alle angeblich heilsbringenden Entwurfspraktiken hinein, die man für Gestaltung hielt. Den Unterschied zwischen Entwurf und Planung wird diese Truppe niemals verstehen. Eine gute Planung würde z. B. dann auf einen Entwurf verzichten, wenn das Bestehende sich als das Bessere erweisen würde, als das im hohlen Entwurf in den scheinbar leeren Raum hinein Geschleuderte. Dazu müsste man allerdings fähig sein, das Bestehende zu verstehen. Nachdem die Steinwüste nicht von allein funktioniert. Sand drüber!