Büschemerisch


 

Mit dem Bischemer Dialekt beschäftige ich mich immer wieder mal. Recht früh fiel auf, dass der Bischemer Dialekt nur in einem sehr kleinen regionalen Bereich gesprochen wurde. Kam man nach Großrinderfeld, in den Gau, nach Würzburg, nach Bad Mergentheim, nach Buchen, klang die dortige Sprache schon ganz anders. Der Bischemer Dialekt gehört zum Taubergründer Dialekt. Dieser wird zum Ostfränkischen Sprachraum zugerechnet. In Abgrenzung zum Rheinfränkischen, das sich bis Buchen bemerkbar macht. Der Bischemer Dialekt, der Taubergründer Dialekt wird also in einem Übergangsraum, in einem Mischgebiet gesprochen. Vom Rheinfränkischen ist er durch die p-Linie abgetrennt. In Richtung Großrinderfeld und Gau verläuft die a-Linie. Sagt man in Bischeme noch Näwel, ist das in Großrinderfeld schon ein Naawel. Die Germersheimer-Linie durchschneidet das Tauberbischofsheimer Gebiet. In Bischeme heißt es noch „host“, dagegen in Dittigheim hört man schon „hoscht“.


Otto Heilig hat in seiner Grammatik und seinem kleinen Wörterbuch den Taubergründer Dialekt kleinräumig untersucht. Wichtigster Autor des Bischemer Dialekts ist Josef Dürr. Allerdings ist zu beachten, dass sich die von Dürr gewählte Schreibweise des Bischmerischen von der ersten Auflage, die noch Otto Heilig besorgte, in der Neuauflage von 1967 wesentlich geändert hat. Von den Herausgebern Bertl Dahl, Franz Döhner, Franz Dürr, Hugo Pahl und Hans Anton Sack wurde eine neue Schreibform entwickelt. Ebenso wichtig als Bischemer Sprachautor ist Hugo Pahl mit seinen Bischemer Böse Buwe, 1955 verlegt. Auch hier finden sich noch Unterschiede in der Schreibweise zu der Neuauflage der Schlehe und Hoasselnüss von 1967. Otto Heilig dagegen hat in seinen beiden Publikationen das Taubergründer in Lautschrift widergegeben. Eine vollständige Einheitlichkeit in der Schreibweise ist also nicht gegeben. Selbst in Schlehe und Hoasselnüss unterscheiden sich gelegentlich die Schreibweisen für das selbe Wort.

Die Schleh und Hoasselnüss bringen in einem Anhang Worterklärungen zum Bischmerischen. Eine sehr gute Quelle. Und Sammlung. In der ersten Auflage von Otto Heilig als erläuternde Anmerkungen zusammengestellt. In der Auflage von 1967 alphabetisch geordnet und in erneuerter Schreibweise präsentiert. Zum Vergleich gut geeignet ist die Sammlung von Franz Fleger zu Niklashausen und die Wertheimer Mundartsammlung.


Als ich um 1978 erste Versuche machte, Gedichte auf Bischmerisch zu schreiben, fiel mir die richtige Schreibweise sehr schwer. Das Bischmerische hat seine Herkunft aus ländlicher Tätigkeit. Landwirtschaftlicher, handwerklicher. Für viele neue Begriffe wie Infrastruktur ist deswegen erst eine Schreibform zu suchen. Schon damals kam in mir der Wunsch auf, eine Wörterbuch des Bischmerischen zu haben. Oder zu erstellen.


Bei einer intensiveren Beschäftigung mit den Werken von Wilhelm Weigand begegnete mir der taubergründer Dialekt erneut. Auch Weigand hat viele Worte, Begriffe aus diesem Dialekt in seine Bücher einfließen lassen. Im Frankenthaler, der mit jeder Neuauflage, Neuüberarbeitung immer mehr Bischmerisch wurde.


Ab Sommer 2014, als ich endlich wieder durch die Bischemer Fluren streifen konnte, Fotos machte und mich anschließend danach mit den Geschichtchen dieser Fluren beschäftigte, stieß ich erneut auf den Bischemer Dialekt. Als ich zwei Versuche im Bischmerischen machte, stieß ich erneut auf die Schwierigkeiten, wie schreibe ich nun ein Wort richtig Bischmerisch. Oder was heißt dieses bischmerische Wort eigentlich? Was bedeutet es. Erneut hatte ich die Schwierigkeit neue moderne Begriffe auf Bischmerisch zu schreiben: Googlen – Guucheln oder Herumgooglen – Herümguucheln. 


Als ich auf der Suche nach Geschichtchen zu den Bischemer Fluren war, nahm ich mir mal wieder sehr intensiv die Bischemer Böse Buwe vor. Fand viel, was bisher überlesen wurde. Oder schon wieder vergessen war. Stieß auf die Schönheit, Eigenwilligkeit des Bischmerischen. So reifte der Gedanke, ein vor fast 40 Jahren erstmals konzipiertes Projekt anzugehen: Eine Wörtersammlung des Bischmerischen. Diese Wörtersammlung muß langsam reifen. Ich werde noch einige Zeit damit beschäftigt sein. Was im Moment zu lesen ist, ist also nur vorläufig. Ein aktueller Bearbeitungsstand. Noch kein vollendetes Werk. 


 

Zunächst wird versucht, die Wörtersammlung aus den bischmerischen „Wörterbüchern“ von Josef Dürr und Hugo Pahl zu erstellen. Schleh unn Hoasselnüss, Bischemer Böse Buwe. Das sind die Asse der Auswertung. Zusammenstellung. Die absolute Basis. Grammatik und Wörterbuch von Otto Heilig sind zu nutzen – mit der Einschränkung, dass sie die Bischemer Gemarkung überschreiten.  Und damit nicht mehr exakt den Bischemer Dialekt wiedergeben. 1889/1890 hat Otto Heilig eine Facharbeit mit dem Titel ‚Laut- und Flexionslehre der Tauberbischofsheimer Mundart’ vorgelegt. Hier waren die Forschungen Heiligs also noch auf die Bischemer Gemarkung bezogen. Eigene bischemer Spracherfahrungen werden eingebracht. Viele bischemer Wörter werden heutzutage nicht mehr gesprochen, aus der landwirtschaftlichen Nutzung, Arbeit, Verarbeitung, die aus Bischeme weitgehend verschwunden ist, aus der Zubereitung der Lebensmittel, die Nutzung der naturbürtigen Ausstattung, der Vegetation, die heute höchstens Hobby ist. Viele Lebensbereiche, die früher Wörter ins Bischmerische eingebracht haben, aber heutzutage nicht mehr lebensnotwendig, sind damit verschwinden, nicht mehr im Gespräch sind. Spezielle Begriffe, die spezielle Tätigkeiten bezeichnen, gehen verloren. 


Die Zusammenstellung zeigt immer noch die Stärke des bischmerischen Dialekts an. Er lebt, wenn er auch viele Wörter verloren hat. Es kann an diese erinnert werden, indem sie wie hier in eine Sammlung aufgenommen werden. Sprache muß allerdings leben, aktiv genutzt werden. Das entscheidet, welche Elemente aktuell, oder rein historisch sind. Das Bischmerische wird weiterleben, auch wenn keiner mehr seine Kinder mit Deihenker schimpft, oder eine Menge Leute mit Wiwel umfasst. Oder das Kennjum nicht mehr auf Schienen nach Königheim fährt. Die historische Dokumentation des längst Vergangenen ist wichtig, noch viel wichtiger aber ist die Botschaft, dass das Bischmerische weiter gesprochen wird, auch wenn es viele Wortelemente verloren hat. Genauso wichtig wäre es, die Transformation aktueller Begriffe ins Bischmerische festzuhalten. Schließlich wurden fremde Begriffe wie Diskurs auf bischmerische Weise in Disgors, oder Lafoor für Lavoire ins Sprachleben eingebracht. Das findet auch heute noch statt. Wenn auch kaum bemerkt. Nicht dokumentiert. Heute wird herum gegoogelt. In Bischeme also Herümgeguuchelt. Eigentlich müßte immer irgendwo in Bischeme ein Tonband, ein Aufzeichnungsgerät mitlaufen, ob die Veränderungen des Bischmerischen festzuhalten. Aber das ist die Schwäche der Gegenwart, nicht zu verstehen, dass auch sie historisch ist, wird. Die Gegenwart weiß leider nicht, wie wenig sie Gegenwart ist. Sie hält ja genau genommen nur sekundenlang, nur für einen kürzesten Puls. Kommt aus der Zukunft, flüchtigst in der Gegenwart und ist schon Vergangenheit. Aber wir vergessen zu leicht diese schnellste Historie.


Dennoch hat Bischeme sprachlich gesehn viel Glück gehabt mit Josef Dürr, Hugo Pahl und Otto Heilig. Dass das Bischeme, das noch stark aus der Bearbeitung der naturbürtigen Austattung abhängig war, in dieser Zeit in den Gedichten, Sprüchen, Liedern, Grammatiken, festgehalten wurde. Sonst wären viele Wörter verloren gegangen, nachdem ihre Nutzung obsolet wurde.


Im Grunde genommen müßte man alte Bischemer immer wieder vor ein Mikrofon zerren, ihre Mundartartikulationen aufzeichnen, ihnen Texte geben, Frage stellen, und das bischmerisch Gesprochene festhalten für alle Zeiten. Alles ändert sich. Auch das Bischmerische. Es wird weiterhin gesprochen. Wenn auch nicht mehr mit all den schönen Begriffen, die aus bäuerlicher Tätigkeit stammen. Die damaligen Wörter, die niemand mehr kennt. Eine Sammlung kann diese nur festhalten. Aber nicht mehr selbst ins bischmerische Gespräch bringen. Sicherlich kann es Revitalisierungen geben, aber nicht mehr so vollständig. Das Bischmerische verliert viel, hat viel verloren. Aber es lebt noch. 


Eine kleine bischmerische Geschichte will ich hier noch anhängen. Josef Dürr stammt aus einem Elternhaus in der Frauenstraße. In der Frauenstraße vereinigte sich mein Opa, über Werbach – Böttigheim nach Bischeme kommend mit Elisabeth Noe. Im Nachbarhaus gegenüber wohnend. Einer Jugendliebe Josef Dürrs. Siehe das Gedicht mein erstes Ständchen „Mey(n) ärschd’s Stendle“. Insofern verbinde ich das damals nicht zustandegekommene nun neu, indem ich dem Dürrschen Werk eine neue Chance gebe, sich mit dem Noeschen zu verbinden. Wenn auch durch das Wohlfarth’sche gefiltert. Eine vergangene, nicht zustande gekommene Liebe nun neu zu vereinen, scheue ich mich überhaupt nicht, mich in dieser Sammlung kräftigst bei Josef Dürr zu bedienen. Fast wären wir Verwandte geworden, wenn nicht ein Wasserguß auf den Dichter diesen Verbindungsversuch abgegossen hätte. Und uns getrennte Wege bescherte. Bis zu dieser Wiedergutmachung. Josef Dürr hatte Elisabeth Noe auch ein handgeschriebenes Gedicht überlassen. Leider habe ich nur davon gehört und nie das Gedicht gesehen, gelesen. Auch hier kann nur die Erinnerung schwach aufs Blatt geworfen werden. Das Gedicht leider bleibt verschwunden. Wie soviel des Bischmerischen. Das Lääwe geht weiter – auch in Bischeme. Mitsamt dem Bischmerischen. Wie einer Notiz in Schleh und Hasselnüss entnehmbar, hat Josef Dürr gern den direkten Nachbarn gelauscht, wenn diese Bischemer Sprüche von sich gaben. Noe’sche Wortschöpfungen oder Spuksen haben sicherlich den Weg in die Schleh und Hasselnüsse gefunden, auch wenn diese nicht mehr identifizierbar sind. Die Beschäftigung mit Dürr ist also auch eine Beschäftigung mit meinen Noe-Vorfahren. Möge diese unvollkommene Wörtersammlung etwas dazu beitragen, dass das Bischmerische mit seinem Reichtum, wenn auch nicht mit allem, weitergetragen wird.


Von einer frisch Studierenden hörte ich, dass sie mit ihrem Bischemer Dialekt schnell am Studienort aufgefallen ist. Das ist gut so. Denn das Besondere darf ruhig besonders vorgetragen werden. Früher wurde man z. B. in Stuttgart schon merkwürdig angeschaut, wenn man eine Antwort etwas bischmerisch vortrug. Als ob Schwäbisch Hochdeutsch wäre. Und nichts anderes möglich wäre. Die Hohenloher Herrscher haben ihre Huldigung gegenüber den Württemberger Herrschern jahrelang verzögert. Das alles soll heutzutage nicht umsonst sein. In wirtschaftlicher Prosperität kann das Hinterländische des Bischmerischen ohne Knickung des eigenen Selbstbewußtseins vorgetragen werden. Es ist halt etwas Besonderes, weil einzigartiges. Auch wenn es nicht in das Schwäbische, in das Badische, und erst recht nicht in das Baierische, nicht in das Unterfränkische hinein passt, sondern eine eigene Sprachregion hat. Die des Bischmerischen!


Mit zunehmender Bearbeitung des Bischemer Dialekts den unterschiedlichen Quellen zeichnet sich ab, dass zunächst mal keine Homogenisierung auf eine „verbindliche“ Schreibweise möglich ist. Insofern werden auch unterschiedliche Schreibweisen für ein Wort angeführt. Eine besondere Schwierigkeit ist die Übernahme von bischemer Begriffen aus der phonetischen Schreibweise bei Otto Heilig. Hier gilt es Kompromisse einzugehen bzw. auch Entscheidungen zu treffen. Deutlich wird auch, dass Josef Dürr in seinen handschriftlich vorliegenden Gedichten eher zart dosiert die bischemer Mundart eingesetzt hat. Erst in der Bearbeitung von Otto Heilig in der ersten Auflage der Schleh und Hasselnüss und vor allem in der kräftigen Überarbeitung der Schreibweise in der 2. Auflage von 1967 zeichnet sich eine deutliche bischemer Schreibweise der Mundart heraus. Unklar allerdings, welche der Schreibweisen die klarere ist. Diese Unsicherheit, Vielfältigkeit der Bischemer Schreibweise schlägt sich in dieser Wörtersammlung nieder.


Auch zeigt sich deutlich, welche Aufgabe ein Bischemer Wörterbuch zu erstellen tatsächlich wäre. Meine Bischemer Wörtersammlung ist nur ein erster Weg dahin. Ich beschäftige mich ja nur quasi ehrenamtlich nach bzw. vor meiner Berufstätigkeit bei schlechter Wetterlage damit. Das schränkt das Engagement in dieser Richtung stärkstens ein. Wenn man im Vergleich den Aufwand nimmt, der zur Bildung des Unterfränkischen Wörterbuches an der Universität Würzburg betrieben wird. Die ja den Anspruch einer lexikographischen Bestandsaufnahme hat und von mehreren Personen quasi hauptberuflich geleistet wird. Und auch auf viele Gewährspersonen in vielen Orten zurückgreifen kann. Aber wie fast alle fränkischen Betrachtungen aus dem zu Bayern dazugeschlagenem Franken sind hier politische Grenzziehungen mehr als verinnerlicht worden. Und bedeuten leider auch das Ende der Betrachtung, wenn es anstünde, die politisch gezogene Grenze Unterfrankens zu überschreiten. Und den Taubergrund, den taubergründischen Dialekt einzubeziehen.


Auffällig war ja schon immer, dass es Bischeme und Bischi gibt. Bischeme ist lautgesetzlich von Bischemer abgeleitet. Eigentlich müßte es korrekt Bische heißen. Das –heim entfällt ja im Ostfränkischen oft, bzw. wird deutlichst abgeschwächt. Bischmerisch ist ja auch die Kunst Wortteile sehr zu verkürzen, aus drei Worten quasi eines zu machen, in einem Zug auszusprechen. Es gibt auch interessant Lautverschiebungen.  Deshalb führe ich diese spezielle bischmerische Wortkonstruktionen, Wortverkürzungszusammenziehungen, auch individuell auf. Z. B. gäm-mer-m : geben wir dem. Hier wird aus dem w von gäwe verkürzt ein m. Beim Wort Wiwel, das eine Menge Leute beschreibt, also einem Gewimmel, wurde aus dem m ein w.


In Wikipedia hat ja der Taubergründische Dialekt eine kurze Erwähung bereits gefunden:

http://de.wikipedia.org/wiki/Taubergr%C3%BCndisch

Hier werden wiederum, in wohl modernisierter Schreibweise des Taubergründischen, des Bischmerischen, einige Worte aufgeführt. Leider ohne Nachweis, woher diese Schreibweise entlehnt ist. Nach welchen Regeln sie erfolgt. Schon mal ein weiterer Hinweis, mit welcher Komplexität ein Bischemer Wörterbuch zu erstellen wäre. Da mehrere Schreibformen für ein Wort vorliegen. Da werden wohl Germanisten, Linguisten, Phonetiker benötigt, bzw. deren Zusammenarbeit um ein „endgültiges“ Bischemer Wörterbuch vorzulegen. Dazu müßte die Würzburger Universität ihre auf Unterfranken angelegte Bezogenheit, die das nahe fränkische Gebiet außerhalb der bayrischen Grenzen fast gänzlich ignoriert, ablegen, was nicht zu erwarten ist.


Mit laufender Beschäftigung mit der Wörtersammlung kommen immer mehr die Zweifel auf, wie ein Wort zu schreiben ist, zu schreiben sei. Besonders die Verwandlung der phonetischen Lautsprache, die Otto Heilig verwendet hat, in eine bischmerisch geartete Schreibform gelingt immer weniger, verstärkt die Zweifel an der eigenen Sammlung, an der gewählten Wortkreation. Auch wenn sehr viele vergessene Worte gefunden wurden, kann immer weniger eine zufriedenstellende Wortschöpfung gefunden werden. Willkürentscheidungen sind aber nun mal nicht die Sache dieser Sammlung. Die nun leider auf halbem Wege stehen bleiben wird, da die Fortsetzung der Arbeit an dieser Sammlung so kritisch ist, solange die eigenen Zweifel nicht ausgeräumt werden können.


Nach Monaten intensiver Beschäftigung mit der Wörtersammlung, einer trotz gestiegenen Umfanges immer noch sehr unkompletten, unvollständigen, schwierigen lege ichmal eine Pause ein, bevor ich völlig überwältig werde. Ich merke schon bei der Arbeit mit Hochdeutschen, wie sehr das Bischmerische mit überwältigt hat und neige dazu die bischmerischen Wortverkürzungen nun auch auf das Hochdeutsche zu übertragen. Neben den schon erwähnten Schwierigkeiten ein Wort in seine bischmerische Schreibform einzufügen lassen sich nun in der bereits fortgeschrittenen Sammlung weitere Mängel erkennen. Es fehlen noch viele bischmerische Namen aus dem Pflanzenbereich, aus dem Essenbereich wie Gemüse, Gartenpflanzen, aus der Zubereitung von Essen, aus dem Handwerk, viele Begriffe aus dem bäuerlichen Betrieb. Hier wäre nun ein eher systematischer Abgleich notwendig sowie Personen, die noch die Aussprache kennen. Auch ein vergleichender Blick in das Wertheimer Mundart-Wörterbuch zeigt, wieviele Worte noch fehlen.


 

Otto Heilig hat zwar eine Grammatik des Taubergründischen vorgelegt, die aber in ihrer Ausarbeitung ausschließlich der phonetischen Aussprache folgt. Wäre man ein Lehrer, hätte man nun noch eine langwierige Aufgabe, eine Bischemer Grammatik zu erarbeiten, wie man Worte dekliniert, konjugiert. Ein weites Feld der Beschäftigung.


Eine erste Kritik an der Wörtersammlung zeigt, dass sie gar nicht so büschmerisch ist, wie ich mir das so vorgestellt habe. Ich bekam von einer Büschemer, die noch sehr büschmerischt, und das Büschmerische stark vertritt, den Hinweis, das Josef Dürr's Dichtungen nicht im reinen Büschmerischen gehalten sind. Sondern sich der Mutterdialekt niederschlagen würde. Die Mutter Josef Dürrs stammt aus Grünsfeld. Zwar neben dran an Büscheme doch durch den a-Sprachlimes von Büscheme entfernt. Die 1919er Ausgabe der Schlehe und Haselnüss zeigen noch den sehr vom Grünsfelder Mutterdialekt geprägten Dürr. Bei der 1967er Ausgabe wagten die fünf Herausgeber eine sehr starke Überarbeitung der Gedichte Josef Dürrs. Sie schoben eine Anpassung an modernere Schreibweisen vor. Tatsächlich handelte es sich aber um den sprachlichen Versuch, das Nicht-Büschmerische an Josef Dürrs Gedichten auszumerzen. Ihn zu büschmerisieren. Diese büschemer Schlitzohren! Damit konnte Josef Dürr als büschemer Heimatdichter, als der Heimatdichter stilisiert werden. Obwohl in in seinen Originalgedichten taubergründisch erweitert war. Auch bei Hugo Pahl soll sich der Mutterdialekt wiederfinden. Dessen Mutter stammt aus Ümpfi. Auch knapp neben dran. Aber in Nuancen anders. Die Sprooch.


 

Die Mütter prägen die mundartliche Aussprache, sofern sie aus einem anderen Ort stammen. Meine Mutter stammt aus Uissigheim, was sich wohl auch bei meiner Dialektaussprache niederschlägt. Mache ich nun eine Büschemer Wörtersammlung oder eine taubergründisch erweiterte? Wo ist die Meßlatte? Zunächst werde in meiner weiteren Arbeit das Trennen, was zunächst zusammen gehörig schien. Ich werde für die unterschiedlichen Werke zunächst getrennte Wörtersammlung durchführen. Damit auch ein Nachweis vorhanden ist, woher das Wort, die Schreibweise stammt. Damit auch nachvollziehbarer wird, ob nun Büschmerisch oder Einfluss eines benachbarten Dialektes. So langsam dämmert mir, dass ich mir eine Lebensaufgabe auflade. Bzw. zumindest eine, die mich noch einige Jahre begleiten könnte. Ob ein endgültiger Abschluss geschaftt werden kann ist noch unklar. Oder ob es eine Möglichkeit gibt, eine Wörtersammlung eines eindeutig Büschmerischen zu fassen. Und dazu in einer eindeutigen Schriftform, d. h. Schreibweise eines Wortes.


Die Tübinger Kulturwissenschaftlicher unter Hermann Bausinger, Arno Ruof haben jahrelang in Württemberg die gesprochene Sprache erforscht. Allerdings nicht die Grenze zum Main-Tauber-Kreis überschritten. Erstaunlich, denn den südbadischen Teil der Dialekterhebungen leitete der aus Pülfringen stammende Freiburger Volkskundler Johannes Künzig. Ebenso überschritt der südwestdeutsche Sprachatlas, hier federführend die Uni Freiburg, nicht die Sprachgrenzen in den Taubergrund. Obwohl nicht vollendet, wurde um 2010 die Arbeit am Südwestdeutschen Sprachatlas für abgeschlossen erklärt.


Dennoch gab es wohl kurz vor Toresschluss noch punktuelle Mundartforschungen im nordbadischen Raum. Auch in Büscheme. Auf Anregung der sprachlich engagierten Büschmerin. Sobald eine Niederschrift des Büschmerischen vorläge, gäbe es eine moderne Möglichkeit, die Schreibweise des Büschmerischen zu fixieren. Zumindest zu vergleichen, mit den bisherigen Schreibformen von Josef Dürr, vom 1967 büschmerisierten Josef Dürr, von Hugo Pahl und den von Otto Heilig, auch wenn der fast nur phonetische Zeichen verwendete. Allerding wohl noch ein älteres System. Da die für die oberdeutschen Mundarten entwickelte Lautschrift "Teuthonista" erst nach den Arbeiten von Otto Heilig zum Taubergründer Dialekt sich durchsetzte. 


Warum eigentlich Beschäftigung mit Mundart. Mit dem Bischmerischen? Büschmerischen? Oder genauer? Bischemerischen? Büschemerischen? Als Jugendlicher versuchte ich der Bischemer Enge, Lokalität, der Bischemer Provinz zu entkommen. Da ich nicht von Bischeme wegzog eher in innerer Emigration. Mit Distanz auch zum Dialekt. Ich fand meinen Aktionskreis eher außerhalb Bischemes. In den umliegenden Kleinstädten wie Wertheim. Regionale Orientierung statt lokaler. Die führte mich zur regionalen Geschichte. Wie 1976 die Beschäftigung mit dem Pfeifer von Niklashausen. Mit der intensiven Auseinandersetzung mit Provinz, mit der Struktur von Kleinstädten, mit Dorfleben, mit der geschichtlichen Spurensuche. Die Schlehe und Hoaselnüß von Josef Dürr wurden allerdings immer hoch geschätzt. Da diese lokale Gedichtkunst lokale Schwerkraft überwandt. Mehr war. Mitte der 1970er Jahre kam es auch zur Wiederentdeckung des Dialekts. Wyhl. Dialekt war auch Widerstand gegen zentralistische Tendenzen, Zuweisungen, Vernutzungsplanungen. 1978 die Teststrecke Boxberg. Der Widerstand dagegen. Damals schrieb ich einige Gedichte im taubergründer Dialekt. Im nachgeahmten Duktus von Josef Dürr. Das blieben Versuche. Brachten aber einem den Dialekt wieder. Auch wenn er heute nicht mehr Widerstand ist. Von vielen Verlusten bäuerlich, handwerklicher Begriffe gekennzeichnet ist. Was nicht mehr ausgeübt wird, geht verloren. Die Beschäftigung mit dem Dialekt ist auch eine Reise in die eigene Kindheit. Was wurde damals gesprochen? Wie wurde es vor allem ausgesprochen? Eine Rückkehr in vergangene Alltäge, vergangenes Alltagsleben. Vergangene Sprache. Wer spricht heute noch von Hornissen als Neudötern? Da schütteln die meisten den Kopf und meinen, das verwechselst du wohl mit den Neuntötern! Da ist man froh, wenn man dieses Wort in den Bischemer Bösen Buwen findet. Im Internet gibt es dazu keine Spiegelung. Das Internet ist Neudötern-los. Kennt die nicht. Wohl auch verwandte fränkische Dialekte kennen die nicht. War wohl ein lokal begrenztes bischemer Wort für Hornissen. Oder nach der Müttertheorie zu schließen: ein Wort, das wir Kinder von den Müttern, die aus direkt benachbarten Dörfern stammten, gelernt hatten? Ich kannte es nur von meiner Mutter. Die nicht aus Büscheme stammt. Hugo Pahls Mutter stammte aus Impfingen. Die Beschäftigung mit Dialekt ist wie eine detektivische Spurensuche. Hat man ein Wort verortet, weist aber womöglicherweise woanders hin. Aus Büscheme hinaus. 


Ich blättere gerade in einem Bändchen aus den 1970er Jahren. Dialekt - Wiederentdeckung des Selbstverständlichen? Da kommt das Büschemerische nicht vor. Mehr das Schwäbische, Alemannische, Elsässische. Man liest in den Betrachtungen, dass es ein Amtsschwäbisch gab. Ein Honoratiorenschwäbisch. Das Amtspersonen in die entlegenen Landesteile Württembergs gebracht haben. Die ja fränkisch, hohenlohisch, hallisch sein konnten. Im nördlichen Teil Württembergs. Gab es auch ein Honoratiorenbüschemerisch? Wohl nein. Otto Heilig schrieb, dass es die Bauern, Gewerbetreibenden, die einfachen Leute sprachen, der gewöhnliche Manne, nicht die Gebildeten. Die Geschichten, Gedichte in Schlehe un Hoaselnüss, in den Bischemer Böse Buwen, in den Beispielen der Sprachforschungen von Otto Heilig geben das Leben, Arbeiten, Wirken einfacher Leute wieder. Als der Stoange Kasber einen Selbstmord bei der Polizeit meldete, und der Amtsrichter mit ihm, einem Schreiber und einem Polizisten zum vermeintlichen Tatort fuhren, sprach nur der Amtsrichter keinen Büschemer Dialekt. Allerdings ein Bischemer Original, dr Dr. Mock, der scheute vor Büschmerisch nicht zurück. Die Lebenswirklichkeit, die Alltagswelt des Büschemerischen, Dürr, Heilig, Pahl beschrieben gibt es nicht mehr. Die Stadtviertel der Unterstadt erleben Abrisse, Modernisierungen, Veränderungen der Bewohnerschichten. Die Grundlage des Büschemerischen ist entzogen, verändert. Der ackerbürgerliche, resignative, kreisläufige Zug des Büschemerischen ist aufgebrochen. Gewandelt. Damit auch viel dieser Alltagswirklichkeit, die sich in der Sprache, in den Sprüchen wiederfand, verloren. Die damaligen Worte können nur dokumentiert werden. Eine Wiederkehr scheint unmöglich. Die Dialektik des Dialekts ist weitergezogen. Dialekt, besser die Dialektdichtung konnte eine Ausweichmöglichkeit sein. Um es mit Brecht zu sagen. Vieles, was in Büscheme über Büscheme nicht gesagt werden darf, darf über Laude gesagt werden. Dialekt als verfremdete Sprachwaffe. Davon war das Büschemerische aber eher entfernt. Und ist auch heute wohl nicht mehr nötig? Schaut man sich die kommende Neuverpflasterung der Unterstadt an, könnte mancher allerdings in Versuchung geraden, einen der besonderen Büschemer Sprüche leicht gewandelt anzuwenden: "Drääg is schönn degeeche". Das würde dem Bürgermeister weniger gefallen, der schon angesichts der zukünftigen Verschönerung durch das neue Pflaster die Benutzungsgebühren für die Cafes, die ihre Tische und Stühlchen auf das neue Pflasterwerk stellen, erhöhen will, weil ja nun viel schöner als vorher. Das Büschemerische könnte also doch punktuell als sprachlicher Stachel dienen. Wenn auch eher im Kleinkleinkrieg. Wagt es jemand diesen noch einzusetzen?



Büschemerisch Wörtersammlung