Klosterhof

Das Kloster von Lioba lag an einem gestauten Bach. Das dürfte der Mühlbach sein. Das spätere Kloster soll an der Stelle des alten Klosters errichtet worden sein. Als Viereckanlage. Heute fehlt ein Teil dieser Anlage. Eröffnet aber den tief ins Stadtbild eingeschnittenen Klosterhof. 2016 brannte es erneut im Klosterhof. Wir gingen in den frühen 1960ern in den Klosterhof als unsere Grundschule. Ganz geheuer war uns das Gebäude nicht. Erst später erfuhren wir, dass ab 1933 die NSDAP-Kreisleitung des Kreises Tauberbischofsheim hier residierte. Sowie der Sturmbann III/112 der SA.


 

In der Grundschulzeit, da ging es noch in den Klosterhof, der damit eine Jahrhunderte alte Schultradition an dieser Örtlichkeit fortsetzte, gab es noch Lehrer von altem Schrot. Wie der Lehrer Bauer. Ein Bastler. Dafür gab es im Klosterhof auch einen eigenen Werkstattraum. In dem wir Drachen, noch mit dünnen Holzleisten, Transparentpapier, Schnüren bastelten. Aber auch ein Flurgänger. Durch die bunten Wiesen, Haine, Raine. Mußten wir streifen. Und Namen von Blumen aufsagen. Imposant waren seine nahezu unendlichen Augenbrauen. Augenbrauen wie ein freischwebendes Vordach. Aufgetürmt. Nach vorne und nach oben aufgewallt. Aufgebauscht. Hoch wie der Höhberg. Wenn es regnete konnte Lehrer Bauer darunter im Trockenen stehen. So lästerten wir. Über den Alten.



Die Grundschule wurde von uns oststädtischen Schülern noch in den Räumen des ehemaligen Klostergebäudes absolviert. Zur körperlichen Stärkung bekamen wir ab und zu mal zehn Pfennig mit, um ein Glas Milch während der großen Pause zu erwerben. Hinter der Liobakapelle, vormalig Elisabethkapelle, war dem Klosterinnenhof zugewandt eine Milchsammelstelle. Solange es noch genügend Bauern in der Stadt gab. Was nicht mehr lange der Fall war. Aufhören. In die Industrie gehen. Aussiedeln waren hier die Parolen. Vor dem Gebäude der Milchsammelstelle waren die Milchkannen aufgestellt. Für uns als grundige Schüler ein willkommenes Eroberungsgebiet. Dabei konnte es nicht ausbleiben, dass auch mal auf die Kannen gestiegen wurde. Seltener kam es vor, dass mal der Deckel der Milchkanne nachgab und ein Bein in der Milchkanne versank. Dann machten wir uns schnellstens aus dem Staub und verschwanden in der anonymen Schülermasse auf dem Klosterhof. Starke Konkurrenz zum Glas Milch war das Angebot, das der Hausmeister präsentierte. Kakaomilch aus der Verpackungstüte. Einiges teurer als das Glas Milch. So dass schon einige Glas Milch gespart werden mussten, um an die Kakaomilch heranzukommen. Die schmeckte halt sehr gut. Süß. Das leere Glas gaben wir wieder zurück. Noch ohne Pfand. Die leere Verpackung wurde weggeworfen. Unter dem strengen Auge des Hausmeisters, der auch die Klosterhoffläche reinigen musste, in den Papierkorb. Außerhalb dessen Augenradius auch mal daneben.

 

Der Gedanke an das ökologischere Produkt wurde anfangs der 1960er Jahre sowieso noch nicht gestellt. Auch nicht an Müllvermeidung. Wenn auch zunehmend die Haushalte vor das Problem von anfallendem Müll gestellt wurden. Waren wurden zunehmend in Verpackungen gesteckt, die man im eigenen Haushalt nicht wiederverwenden konnte. So fingen die Büschemer an, Müll weg zu werfen. An Grabenränder, in Löcher, am Waldrand, Raine, Haine, Klingen. Der Büschemer Müllplatz Richtung der Flur Neuberg, Kühruh war auch noch keine sortierte Mülldeponie, wie sich heute die Müllstätten präsentieren, nicht abgedichtet. Müllteile, Müllreste flogen weit im hinteren Bereich des Büchelberges herum. Gummireifen wurden noch abgebrannt. Was dunkelste Rauschschwaden ergab. Mit Hausmeisters Mahrhofers teuerer Kakaomilch fing also nahezu initial und paradigmatisch die Büschemer Abfallbeseitigungsproblematik an. Jedenfalls für uns Grundschüler im Klosterhof.



Im Klosterhof war für uns oststädtische Schulkinder die Grundschule. In gemischter Klasse mit Kindern aus der Unterstadt. In der ersten Klasse malten wir so ne Art Regenschirm auf die Schiefertafel. Mit einem Schwämmchen wischten wir das Gekrakel wieder weg. Dieses Schwämmchen hing uns beim in die Grundschulegehen aus unserem altmodischen Schulranzen heraus. Da zogen wir die anderen daran. Damit sie ins Wanken gerieten.  

 

An der Tauberkreuzung vor der Tauberbrücke gab es noch keine Ampel. Aufgrund des anarchischen Autoverkehrchaos versuchte ein Schutzpolizist das Ganze mit Handzeichen zu lenken. Wir kannten diese Zeichen nicht so richtig. Gingen, als wir nicht gehen sollten. Standen, als wir laufen sollten. Fuhren mit unserem Fahrrad an, wenn wir stehen zu hatten. Standen mit dem Fahrrad, als wir schon längst unterwegs sein mußten. Wir wurden deshalb kräftig zur Sau gemacht. Vom grünen Männeken. Unser Grundvertrauen in die Ordnungsfunktion der Polizei war schon von früh auf ramponiert. Beschädigt.  

 

Auf der Tauberbrücke angekommen rempelten wir uns kräftig an. Manche fielen hin. Die Durchquerung der Unterstadt, wenn auch nur die der Hauptstraße, war risikoreich. Es gab ja noch keine Fußgängerzone. Vielmehr versuchte der Autoverkehr auf Teufel komm raus durch zu kommen. Sowohl rein, als auch raus. Alle Geschäftshäuser waren mit dem Geschäftsbereich noch nicht ebenerdig zur Straße. Sondern hatten noch Treppen hoch. Die in die Straße hinein verlängert waren. Und damit Verkehrshindernisse waren. Besonders für uns junge Grundschüler, die jeden Morgen die büschmerische Odyssee durch die büschmerische Unterstadt zu leisten hatten. Vom Autoverkehr an die Wände gedrückt wurden.  

 

Der Klosterhof war unser Freigelände. Unser Aufmarschgebiet. Wir zogen den Schulranzen verkehrt rum auf. Er lag nun vor unserem Bäuchchen. Wir trommelten auf den Ranzen. Sangen 1963 Yeah Yeah Yeah. 1964 Humba Humba Täterä. Wir hatten Kurzschuljahre. Mußten trotzdem lange auf die Sommerferien warten. 1962 tauschten wir noch Fussballbilder von der WM in Chile. Obwohl wir schon längst gegen Jugoslawien ausgeschieden waren. Wir hatten halt kein Geld. Und der Wert unserer Helden wie Farian im Tor war drastisch gesunken.

 

Der Abort im Klosterhof war noch ein richtiger 1960er Abort. Es wurde an die Wand oder in einen Trog gepinkelt. Offen für beide Seiten war die Schwingtür. Nach Innen und Außen. Rumste gegen mein Auge. Gegen mein bald blaues Auge. Das passte zu Cassius Clay. Gegen Sonny Liston. Die beidseitigen Treppenbereiche des Klosterhofgebäudes wurden kräftig gewichst. Glatt wie eine Eisfläche. Wir flogen entweder hoch. Oder runter. Oder schubsten uns ins Holzgeländer.  

 

Irgendwie, irgendwann kamen wir auch in der Räumlichkeit an, die uns für den Unterricht festhielt. Die Holzbänke waren noch aus der Prä-VereinigtenSchulmöbelzeit. Mit einem Einlaß für ein Tintenfässchen. Erst ab dem zweiten Schuljahr durften wir die Tinte daraus per Füller auf andere Klassenkameraden abschießen. Ein Jahr lang galt Wisch und Weg. Auf der Schiefertafel. 1965 war unser Pausenhit im Klosterhof „My Baby balla balla“. Die Schule ging irgendwie voran. Dramatisch war immer wieder ein Auftritt eines Vaters aus der Unterstadt. Der ziemlich unverständlich im Klassenzimmer herumbrüllte. Wir waren uns nicht einig, ob er aus der Dörgei, der Wallachei, oder der Bolagei stammte. Er fand auf jeden Fall immer wieder mal den Weg ins Klassenzimmer und brüllte laut herum. Die Hausaufgaben überforderten zunehmend nicht nur die Grundschüler, sondern vor allem die Eltern. Dabei stand die Mengenlehre noch gar nicht auf der Tagesordnung. Die Mengenlehre beschädigte nach 1966 grundlegend die Autorität der Erwachsenen. Da diese keine Ahnung von Mengenlehre hatten.  

 

Wir verstanden allerdings die Auslesefunktion der Grundschule. Die guten ins Gymnasium, die Angestellten in die Realschule, die Bauarbeiter in die Hauptschule. Büscheme lebte vom Klassensystem. Der Deklassierung. Das war offen kaschiert. Der Büschemer an sich benennt keine Klassenunterschiede. Er idealisiert sie. Tut so, als wäre die ackerbürgerliche Klasse das Büscheme an sich. Das es nie war. Die Honoratioren gehörten nie dazu. Sie imitierten höchstens. Ein Gemeinsames. Dabei war die Trennung in Ober- und Unterstadt eindeutig. Auch als die Oberklasse an die Hänge von Sprait, Wellenberg und Brenner zog, einen offensichtlichen Höhenunterschied einnahm. Blieb die Illusion des Büschemerischen. Ohne Unterschiede. Ein Fiktion. Eine unreine. Die Grundschule sortierte nach einer System der Klassifikation ein und aus. Das hatten wir verstanden. Trotz „We all live in a yellow submarine“. Das zum Abschluss der Grundschulzeit folgte.