Manggasse

Revitalisiertes Wohnviertel. Schöne vielgestaltige Rückansicht der Kunkel'schen Walkmühle. Die mit dem Nepomuk am Hauseck zur alten Boach. Die Manggasse leitet sich vom Beruf der Manger ab, den Walker, heute als Gewebeglätter bezeichnet. In der Walkmühle wurde Stoffe zu Filz verarbeitet, das Leder gewalkt. Lateinisch lautet die Berufsbezeichnung der Manger als telarum politor. Neben der Kunkel'schen Walkmühle stand die Reidel'sche Walkmühle. Abgerissen. Freiplatz, Parkplatz. Direkt auf die Kunkel'sche Walkmühle folgte die Badmühle. Eine Getreidemühle. Heute Gebäude der Buchbinderei Stein. Der Mühlbach gab diesem noch malerischen Stadtquartier den schönen Namen Kloa-Venedich.

 

Die Manggasse, die ja in eine vordere und hintere bzw. untere und obere Manggasse aufgeteilt war, hieß möglicherweise um 1850 herum auf einmal Türkeigasse. Bzw. ein Teil der Manggasse. Wohl nachdem der Beruf der Manger, Walker, rückgängig war, die Walkmühlen nicht mehr in der Manggasse waren. Man wohl nicht mehr richtig wußte, was das Mang der Gasse bedeutete. Wie man dann auf Türken kam, ist unklar. Die Türken kamen nicht bis nach Tauberbischofsheim. Scheiterten vor Wien. Obwohl es durch den ungeheuren türkischen Einfluss auf Europa durchaus auch zu Straßen und Plätzen kam, mit Türken drin. Aber zu dieser Zeit machte man in Büscheme durchaus Tabula rasa mit alten Gassennamen. Das Frauengäßchen wurde zur Blumenstraße, die arme Gasse zur Frauenstrasse. Warum also nicht auch die Manggasse zur Türkeigasse? Oder ein Teil der Manggasse zur Türkeigasse? Obwohl wegen des sehr Venedigen an der kanalhaltigen, brückenlastigen oberen Manggasse eher Venediggasse, oder auch Italiengasse angebracht gewesen wäre. Dann wäre statt der Dörgei vielleicht ein Little Italy in Büscheme gelandet.


Aber bevor wir die Manggasse und die Dörgei zu vorschnell zusammenbringen, ein genauerer Blick auf die Details. Ein tiefererer Beschau der Umstände. Müller / Gehrig bringen auf Seite 214 eine Verordnung beim Vogtgericht: "Die alte Manggasse oder Türkeigasse, die Klostergasse, die Gerbgasse und die Seitengasse in der Vorstadt sind gehörig auszubessern, und zwar mit fein geschlagenen Steinen, nicht mit Kies, welcher hier zu viel Erde und große Steine enthält." Die Nebengassen waren bis dahin also nicht gepflastert, sondern locker mit Kieselsteinen bedeckt. Das hat auch Wilhelm Weigand im Frankenthaler für die Seitengassen so beschrieben. Interessanter für uns Dörgeiforscher ist allerdings der Beginn der Gassenaufzählung: "Die alte Manggasse oder Türkeigasse ...". In dieser Vogteiverordnung werden also Manggasse, genauer alte Manggasse und Türkeigasse als identisch gesetzt. Die Frage ist hier, welche Gasse ist nun die alte Manggasse? Welcher Teil der Manggasse ist die alte Manggasse? Die Manggasse, die von der Hauptstrasse in Richtung des Platzes beim Fischgäßchen, abgeht, wird ja von der entlang des Mühlbaches führenden Gasse beeinmündet, bei der Bachmühle / Versbachmühle. Heute heißt diese schöne Gasse auch Manggasse. Die Manggasse gabelt sich also, spaltet sich auf, geht in zwei Richtungen weiter. Ein sehr seltsames Verhalten für eine deutsche Gasse. Auch für eine büschemerische! Ein echter Stolperstein. Sollte diese Mühlbach begleitende Gasse also die alte Manggasse sein? Die Türkeigasse? Da eröffnen sich doch erhebliche Zweifel. Zudem passt der Name Kloa-Venedich viel besser für diese bachgebleitende Gasse als Dörgei. Die Manggasse wird ab der einmündenden mühlbachbegleitenden Gasse auch in Lageplänen aufgeteilt in vordere und hintere Manggasse. Die vordere Manggasse ist die, die ab der Hauptstraße abgeht, die hintere die ab der Einmündung in Richtung Platz beim Fischgäßchen führt. Manchmal Fischmarkt genannt. Ist die hintere nun die alte? Und diese alte die Türkeigasse? Klarheit besteht hier nicht.


Der "Handriss über einen Theil der Stadt Tauber-Bischofsheim Zu der Untersuchung die Tödtung des ledigen Nachtwächters Bruno Hodis von Tauberbischofsheim" als Lageplan von 1865 verkompliziert die Verortung der Türkeigasse, auf dem Plan als sog. Türkeigasse als Fortsetzung der hinteren Eichgasse. Diese Türkeigasse läge dann ab der Mündung Kloster/Spitalgasse, Badgasse bis zum Fischgäßchen. Setzt sich als Hintere Eichgasse fort bis zum Mühlbach, dann als Obere Eichgasse bis zur Hauptstraße. Die Gasse am Mühlbach entlang bis zur Badmühle, Kloa-Venedich, heißt ebenso auf diesem Plan Eichgasse. Die Manggasse gibt es in diesem Handrisslageplan zweigeteilt: Als Manggasse und hintere Manggasse in Richtung Fischgäßchen. Sind hintere und obere Manggasse identisch? Die Bezeichnung obere Manggasse macht nur dann Sinn, wenn sie auch oberhalb ist, über, höher. Und nur die Gasse von der Mühle hoch entlang des Mühlbaches steigt an. Macht ein oben sinnvoll. Wurde das allerdings früher so topographisch genau gesehen? Es gab die untere und obere Gerbergasse. Bzw. Gerbgasse. Die untere ist die heutige Gerbergasse. Die obere wird heute Bachgasse genannt. Ein besonders topographisch auffälliges Gefälle trennt diese beiden Gassen aber nicht. Nimmt man den Verlauf des Mühlbaches zum Maßstab, dann kann man die Bachgasse obere Gerbergasse, die heutige Gerbergasse die untere Gerbergasse nennen. Wenn auch mehr von der Reihenfolge her gesehen.


Auf einem weiteren Lageplan aus dieser Zeit ist ebenfalls "Türkei" für dieselbe Lage ab der Mündung Kloster/Spitalgasse/Badgasse bis zum Fischgäßchen verzeichnet. Gar in das Fischgäßchen hinein. Unklar ist auf diesem Plan, wie die Gasse mit den Walk- und Getreidemühle entlang der Mühlbach zwischen Eich-Gasse und Manggasse heißt.



In der Dörgei, in der Manggasse geht ein schwarzer Pudelhund um, der bis zum Marktplatz läuft und an einen Mord an einem Nachtwächter erinnert. 1865 erfolgt am Nachtwächter Bruno Hodis.



 

Als Kinder der Oststadt hatten wir auferlegte Verpflichtungen. Die unsere Freiheit, Freizeit stark begrenzten. Mitarbeit im Garten, Haushalt, Obstwiese an der Tauber, Opa Essen bringen, war selbstverständlich. Dann gab es auch noch Pflichttermine wie Fahrrad und Schuhe putzen. Fast wöchentlich. Auch der Friseurbesuch gehörte zu diesen Terminen, die die eigene persönliche Anwesenheit erforderten. Haarschneiden wurde in der Stadt beim Friseur Baumann Ecke Marktplatz / Hauptstrasse / Manggasse exekutiert. Es gab in den frühen 60er Jahren nur die Auswahl Fassonschnitt oder Stupfelruß. Beim Fassonschnitt blieben ein paar längere Haare ganz oben übrig. Der Stupfelruß oder Mecki war Haarkürzen auf 1 Millimeter Länge. Beim Friseur hatten wir es ganz und gar nicht eilig, auf die alten, hölzernen Stühle vorzurücken. Wir machten es uns gemütlich im Wartebereich. Schließlich war das ja der eigentliche Grund, warum wir unsere Haarlänge opferten. Im Wartebereich lagen Mickeymouse-Hefte aus. Die wir uns vornahmen. Panzerknacker 671-176 first! Wenn der kürzungswillige Friseur, eine schon etwas ältere Version eines Dieschdemers, den Nächsten zur Exekution vorrief, schüttelten wir nur den Kopf und hoben demonstrativ das Mickeymouse-Heft höher vor unseren Kopf. Als ob wir nicht angesprochen wären. Obwohl wir schon längst an der Reihe waren. Erst erledigten wir die angenehme Kür, dann die schwere Pflicht.

 

Waren wir mit den ausgelegten Heften fertig, dann erst durfte uns der ältliche Friseur vornehmen. Wir erstiegen den Friseurstuhl. Und wurden nach weiter oben befördert. Per Drehung des Holzstuhles. Als wir etwas kindlich gesehen älter waren, wurden wir per Pedalenfußtritt hydraulisch erhöht. In die Reichweite der Friseurhand und –werkzeuge. Zunächst wurde uns eine Art Schmirgelpapier um den Hals gezerrt. Das nützte recht wenig vor dem Abfall der gekürzten Haare in unseren Halskragen, Halsbereich hinein. Dann verschwand der Körper vollkommen unter einem Umhang. Nun war man völlig der Gewalt des Friseurs ausgeliefert. Zunächst musste man die Art der Frisur angeben. Wir nannten immer Fassonschnitt. Obwohl wir nicht richtig wussten, wie man das Wort schrieb, und was das eigentlich für eine Frisurart war. Aber hier blieb mehr dran als beim Stupfelruß. Und es gab keine weitere Auswahl. Wir kannten auch keine. Der ältliche Friseur unter Umständen auch nicht. Zäher war die Konversation mit dem Friseur. Meistens war es ein vom Friseur vorgegebenes Thema, über das er dann selbst lachte. Oder es war eine Frage an uns, auf die wir etwas kurz angebunden antworteten. Der Friseurakt war halt nun mal nicht ein Tempel bürgerlicher Bildungskonversation, sondern ein Ort der Kürzung. Wir waren vom Mickeymouse-Konsum ja durchaus gesättigt und hingen unseren eigenen Gedanken nach. Und benötigten ja nur die Dienstleistung, und nicht das Gespräch. Mit einem Rasierapparat wurden wir hinten und an den Seiten kräftigst geschoren. Nur ganz oben blieb spärlich etwas übrig. Einige längere Haarstreifen. Was die Essenz des Fassonschnittes war. Zum Abschluß wurden wir mit einer Art Parfüm besprüht. Was sich gut machte, da wir als Kinder eher noch selten badeten. An der Kasse stand der Inhaber. Auch nicht mehr der jüngste. Hier gaben wir das für die Exekution mitgegebene Geld ab. Für den Friseur selbst, dem ältlichen, hatten wir 20 Pfennig mitbekommen als Trinkgeld. Das wir dem Friseur in seine Arbeitsmanteltasche steckten. Der Dieschdemer Friseur fuhr immer mit dem Motorrad und einer altertümlich wirkenden ledernen Haube über dem Kopf zur Arbeit. Und auch nach Hause zurück. 

 

Als wir älter geworden, weitaus seltener als früher zum Friseur Baumann gingen, wiederholten wir die alte Masche. Erst Mickymousehefte, dann die Exekution. Die Konversation mit uns wurde indes noch schwieriger. Da wir inzwischen in völlig anderen Welten unterwegs waren, als der immer noch ältliche Friseur. Irgendwann gaben wir das Friseurgehen völlig auf. Mickeymouse verlor zudem unser Interesse. Wir wandten uns anderen Lesestoffen zu. So hatten wir dann auch in der Manggasse weniger geschäftliche Termine. Hobby-Ries wurde noch öfters angesteuert. Bastelzeug, Materialien zum Drachenfliegenlassen, Bausätze für Flugzeuge und Schiffe, Kohlestifte zum Zeichnen.



Die Manggasse, wohl in präurbanen, vorstädtischen Zeiten Wohn- und Arbeitsort, soll den Roten Hof beherbergt haben. Der in einigen Sagen eine Rolle spielt. Zunächst Teil der Brennerbesiedlung, nach dem großen Brand dort, talseits wieder aufgebaut. Nach büschemerischen Wissen in der Manggasse. Mit der Hausinschrift: "Dies Haus, das steht in Gotteshand, Zum roten Hof bin ich genannt." Da schon in den Liobasagen erwähnt, wohl eine frühe Besiedlung nahe dem Kloster, was die Manggasse gewährleistet.


Der Rote Hof spielt in diesen Sagen eine Rolle:  TuD 71.II  (3) Lioba-Sage "Eine Krankenheilung"; TuD 71.IV  (5) Lioba-Sage "Errettung in Feuersgefahr"; TuD 96. Sage vom Brenner (27); TuD 129.  Silberbrünnlein  (67); TuD 130.  Die sieben Höfe (68)