Frauenstrasse - Arm(en)gasse 

Der der Hauptstraße zugeneigte Teil der Frauenstrasse hat den größten Verlust von historischen Gebäuden erfahren. Um deren Erhalt sich auch niemand richtig gekümmert hat. Nun Platz für Seniorenwohnungen. Die architektonisch wenig in die Frauenstrasse passen. Friedrich Alfred Schmidt Noerr fand in seinen Erinnerungen an Tauberbischofsheim noch den Reiz der Frauengaß: "Immer wieder umlauschten wir die alten Winkel, in denen, wie etwas in der malerischen Frauengaß, das altfränkische Fachwerkhaus mit seinen Rebenbäumen an der Hauswand und mit seinen behäbigen, gleichfalls rebenüberschatteten Hofeinfahrten zu zeichnerischen Versuchen oder gar zum Geschichtenerzählen lockte" (S. 252).Hmm? Meinte Schmidt Noerr mit Frauengaß nun die arme Gasse, heute Frauenstraße oder etwa die Frauengasse, also die heutige Blumenstraße? Abgebildet wird die Frauenstraße. Prächtig renoviert das Limbach-Haus. Früher spielte der alte Limbach dort gern vor Kindern Kasperletheater. Das hintere Gebäude beim Limbachhaus hat man nun 2016 abgerissen. Eine Scheune, mit altersbedingter Patina. 


 

Die Frauenstrasse, Jahrhunderte lang die arme Gasse genannt, bildete das Armengassenviertel. Viertel der armen Leute, also der bäuerlichen, kleinbäuerlichen Bevölkerung. Zu den Frauen in der Strasse kam die Gasse erst, nachdem die direkt anschließende Frauengasse (auch Frauengäßchen genannt) im 19. Jahrhundert in Blumenstraße umbenannt wurde. Dann hatte man in Büscheme von der armen Gasse genug und nannte sie Frauenstrasse. An der kleinbäuerlichen Struktur änderte sich damit zunächst wenig. 


 

Die Frauenstrasse ist auch die Strasse des Büschemer Heimatdichters Josef Dürr, auch wenn sich in direkter Bezug zur Strasse der eigenen Herkunft in nur wenigen Gedichten Dürrs direkt feststellen läßt. Die parallel verlaufende Ringstraße entwickelte sich erst nach dem Fall der Mauern mit einer weiteren Häuserreihe am bisherigen Mauerverlauf. In der Frauenstrasse kann man bei Höfen und den Abrißstellen Einblick in die verschachtelte und verbaute Baustruktur finden, in die Hinterhöfe, Hinterhäuser, Anbauten. Nicht nur malerisch war die Armengasse befand Schmid Noerr, sondern regte auch zum Geschichtenerzählen an. Der größte Geschichtenerzähler war Josef Dürr. Ihm gelang am Besten das Büschmerische Versmaß, ihm gelang das Büschmerische aus der lokalen Enge herauszuholen und in die tauber-fränkische Region hinein zu heben. Er verließ ja auch in seinen Gedichdli den Horizont des Dörnersduures. 


Die mittlere Gasse wurde erst mit der Anlage der Ringstrasse zu einer Durchgangsgasse. Vorher war sie eine Sackgasse. Parallel zur mittleren Gasse gab es eine heute nicht mehr nutzbare Gasse zu den Hinterhöfen der Frauenstraße (armen Gasse / Grabengasse (Ringstraße). Neben dem Noehaus abgehend. Man gelangte zu den Scheunen, Anbauten, Gärten. Konnte auch in die Grabengasse kommen. Und durch eine Kehre wieder durch den Bogen des Throm'schen Hauses wieder zurück in die Frauenstraße. Das sieht man gut anhand des Stadtmodells von 1750. Durch spätere Errichtung von Baulichkeiten = Scheunen, Hallen wurde der Weg unzugänglich. Wohl auch durch die mittlere Gasse substituiert, überflüssig.


Auch die gegenüberliegende Seite des armen Gassen Viertels, Richtung der unteren Hauptstrasse war früher sehr durchlässig, durchsetzt mit Hintergassen (Innengassen), Zugängen zu den Hintergebäuden, Hinterhöfen. Die "Schwanengasse" ( Siehe Schwanengasse) führte vom Marktplatz aus, vom Gasthaus Schwanen, später das Gebäude von Albitz-Trapp, das breiteste, längste Gebäude an der Ostseitenmitte des Marktplatzes, fast parallel hinter der ersten Häuserreihe der unteren Hauptstraße in Richtung der gekrümmten, in die untere Hauptstraße einmündenden Frauenstraße. Das Grundstück hinter dem Gebäude von Zigarren-Baumann, auch heute noch ein Geschäftsladen mit Rauchwaren, Zeitungen, Geschenkartikel, war immer von Bebauung frei geblieben. Ein Garten. Einen Hintergassendurchgang zu dieser Gasse, der von mir betauften Schwanengasse, gab es neben einem der größten Gebäude in der Frauenstrasse, dem Dürrhaus, Geburtsort von Josef Dürr, dem büschemerischsten Gedichdli und Geschichdli Erzählers. Einen weiteren gab es da, wo in den 1960er Jahren die Einfahrt zu den Garagen der Gastwirtschaft Grüner Baum Pfeil war. Man konnte im armen Gassen Viertel also auch hintenrum kommen und gehen. Erst als die Gebäude der unteren Hauptstraße nach hinten erweitert wurden, Anbauten erhielten, Lagerschuppen eingerichtet wurden, verlor die Schwanengasse ihre Durchlauffunktion. Die Flächen wurden privatisiert, privat genutzt. Die Büschemer Hintergassen wurden vergessen. Aus dem Bewußtsein verloren. Das Stadtmodell von 1750 ist zu loben, diese Durchgänglichkeit wieder visuell gemacht zu haben. In Büscheme war mehr drin, als man es ihm heute ansieht. Es wird eine Büschemer Gassenkunde, die besonders eine Hintergassenkunde, Hintergebäudekunde sein muß, gebraucht um diese Wege wieder ins Büschemer Gedächtnis zu bringen.


Das Limbachhaus, Frauenstrasse Nr. 29, von den Tauberfränkischen Heimatfreunden renoviert, mit einer Erinnerungsstube an die jüdischen Büschemer, an die büschemer Landjuden, deren Kultur und Lebensweise versehen, ist eines der sonderbarsten, wunderbarsten, erstaunlichsten Gebäude der Frauenstraße. Sehr auffällig, von der Baunorm eines Wohnhauses abweichend, ist das sehr hohe Erdgeschoß. Das bei den älteren Büschemer Wohnhäusern in der Unterstadt viel niedriger ist. Es ist offensichtlich, dass das Limbachhaus zuerst als Nicht-Wohnhaus gebaut worden ist. Zudem hat es ein erstaunliches Alter. Älter als die meisten noch vorhandenen alten Wohnhäuser. Um 1480 errichtet. Nicht als Wohnhaus. Als Speicher. Als Fruchtgebäude. Deshalb auch das hohe Erdgeschoß. Ohne Fenster zunächst zur Frauenstraße. Nachträgliche Umbauten wandelten das Limbachhaus in das heutige nicht mehr bewohnte Wohnhaus. Leider wurde die später angegliederte Scheune mit ihren Um- und Einbauten abgerissen. Geopfert der reinen Stadtansicht. Die einer Säuberlichkeit der Ansehung frönt. Die geschrumpeltes, original patiniertes Altes vergessen, ungesehen macht.

 

Sagenhaft war zudem die Armen Gasse. Magisch durchsetzt. Katzen können hier sprechen und magische Sprüche verteilen (siehe TuD 113.III  Schwarze Katze   (47): In der Armengasse wurde eine im Bett schlafende Katze von der Hausfrau verjagt und reagiert mit dem Spruch: "Host du meiner nit geschont, sollst du werde krumm unn lohm." Am nächsten Tag war die Frau tatsächlich lahm. Auch in den schmalen Höfen, Hinterhöfen der Armengasse tat sich Zauberisches auf: In einem Hof in der Armengasse versammelten sich fünf Männer. Darunter ein Pfarrer. Beteten das Christofelesgebet. Schauten in die Helle des Schneckenturmes beim Schneckengraben. Plötzlich ertönt ein Höllenkrach. Der Teufel stand mit einer Kiste Gold in ihrer Mitte. Allerdings konnte der Teufel dem Pfarrer etwas Böses nachweisen, dass dieser als kleines Kind getan hatte. Er konnte deshalb das Gold wieder mitnehmen. TuD 120.  Christofelesgebet   (58)

 

 

Mehr siehe: Frauenstrasse 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inzwischen abgerissene Limbachscheune

 

 

 

 

Inzwischen abgerissene Limbachscheune mit Fachwerkgiebel



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die beiden Häuser links sind inzwischen abgerissen, frühere Einfahrt Garagen Grüner Baum, Durchgang zu den Hintergassen des armen Gassen Viertels


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Neben dem Noehaus führte früher eine Gasse in den hinteren Bereich der armen Gasse und direkt zur Grabengasse (Ringstraße)


Arme Gasse (Frauenstrasse), Stadtmodell 1750






















Arme Gassen Viertel zwischen Frauenstraße (arme Gasse) und untere Hauptstraße, hier sieht man die frühere Durchlässigkeit des Viertels mit Hintergassen (Innengassen), Zugängen zu den Hinterhöfen und Hintergebäuden
Steinverluste Dez. 2016?

 

Früher Zugang zur Innengasse ("Schwanengasse") des Armen Viertels