Matthias Grünewald - Matthäus Gotthardt Neithart - Meister Mathis

Die Leiden Jesus sind die Leiden der Bauern

 

 

Die Tauberbischofsheimer Kreuzigung. Das wahre Meisterwerk von Matthias Grünewald, genauer von Mathis, dem Maler! Jesus, übergroß, ans Kreuz genagelt, zwischen Maria und Johannes. Der geschundene Körper Jesus, die surrealistisch verdrehten Beine, im Maßstab vergrößert gegenüber der Darstellung von Maria und Johannes. Der schmerzverzerrte Blick geht nach unten, die Hände durchbohrt, greifen, zeigen nach oben, wirken antithetisch. Das Lendentuch Jesus zerfetzt! Zerfetzt? Wer trägt zerfetzte Kleider, ramponierte Kleidung, durchlöcherte Kleidungsstücke?

 

Die Mutter Jesus, aus dem überprächtigen Sonntagsstaat der Stuppacher Madonna, aus dem „Sommeridyll des Kleinbürgerfriedens von Stuppach" (Zülch) zurückgekehrt an die Seite ihres gekreuzigten, überaus leidenden Sohnes, in sich versunken, einfach gekleidet, ärmlich aussehend. Auch Johannes, am Kreuz an der Seite Jesus, trägt teilweise löchrige Kleidung! Fetzen, Löcher und Flecken im Wams trugen Bauern, trugen die Bauern des 16. Jahrhunderts. Dürers Bauernbilder geben davon beredtes Zeugnis. Jesus ein Armer, Johannes ein Armer, Maria ärmlich, Armer wie Bauer, Bauer wie Armer. Radikaler als Mathis hat noch nie vorher ein Künstler, ein Maler, Jesus direkt in die aktuelle Zeit gestellt, in die deutsche Landschaft eingefügt, in die kommende revolutionäre Bewegung des Bauernkrieges vorgereiht. Walter Karl Zülch identifizierte Johannes in seiner grandiosen Studie über den historischen Mathis als fränkischen Bauer, mit entschlossenen Gesichtszügen zu Zukünftigem bereit. Johannes wird mit diesem Gesichtsbezug zum Fränkischen, zum kommenden fränkisch Aufständischen, zum personalisierten Aufstandsbotschafter. Wohl 1523 oder auch bis kurz vor dem Bauernkrieg gemalt zeigen die Tauberbischofsheimer Tafeln vom revolutionären Up-To-Date-Seins Matthias Grünewalds. Seltener als Mathis hat ein Künstler die Zeichen seiner Zeit auf eine Leinwand gemalt!

 

Joris-Karl Huysmans, der als einer der ersten - in seinem Roman La-Bas (Tief unten) - die ihn nahezu schockierende Wirkung der Grünewaldschen Kreuzigung schilderte, hat auch wie kein anderer, als Franzose wohl forciert, erkannt, daß Grünewald in der Tauberbischofsheimer Kreuzigung nicht biblische Personen, fremdländische Gewänder, ferne Landschaften, sondern deutsche Gegenwart des 16. Jahrhunderts auf die Leinwand farblich wirksam malte. Grünewald der malerische Zeitgenosse, im Pulsschlag einer Aufruhr schwangeren Zeit, in Wunsch nach einer grundlegenden Reformation, in der intellektuell-künstlerischen vorausschauenden Solidarität mit der bäuerlichen Schicht. Der brutale Realismus, der das Entsetzen und die qualvolle Peinigung detailreich wiedergebende Naturalismus Grünewalds bei der Tauberbischofsheimer Darstellung Jesus am Kreuz wirft die Fragen nach dem Warum auf. Die zu deutenden Zeichen der Tauberbischofsheimer Tafeln öffnen den Blick auf die zur Zeit von Mathis aufbrechende Gegenwart, auf die aufkommende Hoffnungsbewegung des 16. Jahrhunderts. Der Bauernkrieg, die frühbürgerliche Revolution, die evangelische Reformation, klopfen mächtig an. Die Tauberbischofsheimer Tafeln Grünewalds sind der gewaltige, lautstarke Paukenschlag einer sich bereits im Untergrund formierenden Aufstandsbewegung. Die Leiden Jesus sind die Leiden der Bauern! Sie sind als eine der letzten von Grünewald gemalten Bilder auch Zeugnis seiner persönlichen Integrität und Überzeugung, einer der sich auch durch den Dienst als Hofmaler beim mächtigsten deutschen Kirchenfürsten, nicht verbiegen ließ, nicht die Augen vor der bedrückten Wirklichkeit des bäuerlichen Standes verschloß.

 

Zwar ist heutzutage nichts urkundlich Belegtes über Aktivitäten von Mathis im Bauernkrieg zu finden, aber der Meister Maler war nicht blind, vor allem nicht zeit- und regionsfremd! Er war nicht nur am richtigen Platz in seiner Zeit als Bilder zeichnender Vorschein einer kommenden Reformation, er war auch aufgeschlossen zum Raum, zur Region, in der er sich befand. Man muß Grünewald in seiner Zeit und in seiner Region, die war um 1525 der fränkische Oberstift von Kurmainz, sich vergegenwärtigen, um ihn zu verstehen, deuten zu können. In dem 1528 erstellten Inventar seines Frankfurter Nachlaßes sind deutlichste Belege zu finden: „27 predeg Lutters ingebunden", „1 cleyn buchelgin ingebunden, erclerung der 12 artikeln des christlichen glaubens", „1 rol uff eyn geburgen der uffror halben", also 27 Lutherpredigten, gebunden, 1 Erklärung der 12 Artikel der Bauern, gebunden in einem kleinen Format, eine Urkunde über den Bauernaufstand. Seligenstadt, in dem Mathis seine Werkstatt hatte, über den 9-Städte-Bund mit Tauberbischofsheim damals verbunden, war ein Brennpunkt des bäuerlich-bürgerlichen Aufstandes am Untermain. Selbst wenn über Mathis keine Dokumente der direkten Beteiligung am Aufstand vorliegen, er gehörte zu den intellektuellen, künstlerischen Wegbereitern. Und nicht umsonst wird er sich vor der Ankunft von Erzbischof Albrecht in Aschaffenburg davon gemacht haben. Von der Forschung kaum beachtet, wohl nicht verstanden, ist die Beschreibung im Inventar: „2 lid an eyn taffel sin wiß bereidt und uff dem einen 1 crucifix, Maria und Sant Johannes", also zwei Altarflügel, auf dem einen ein Kreuz, sowie Maria und Johannes: Die Tauberbischofsheimer Kreuzigung mit Maria und Johannes auf dem Bild und die zweite Tafel die Kreuztragung!

 

Die Tauberbischofsheimer Kreuztragung verläßt die künstlerische Tradition in Grünewalds Zeit radikal. Neues, noch nie vorher Gesehenes tritt in diesem sorgfältig komponierten, konzipierten Bild auf. Die Renaissance artige Hintergrundarchitektur steht nicht in Jerusalem, sondern bringt Rom als Sitz des Papstes aufs Bild. Die Inschrift aus Esaias 53, also Jesaias 53, „Er ist umb unser sund willen gesclagen", trägt eine wichtige Interpretationsgrundlage der Komposition direkt auf dem Gebäude des Laterankomplexes, der Kathedrale Romes, wie Maria Lanckoronska in ihrer Studie zu Mathis entziffert. Passend dazu ist die Bekleidung vieler der Schergen mit nahezu purpurroten Farbmischungen, also der Farbe der römischen Macht, versehen. Einer der Schergen ist mit einem einer Mozetta ähnlichen Schulterkragen ausgestattet, dem Kleidungsstück höherer katholischer Geistlicher. Am linken Rand, auf einem Pferd sitzend, identifiziert Lanckoronska eine Gesichtskarikatur von Papst Leo X., anhand der kurzsichtigen Augen und der hervorspringenden Unterlippe erkennbar. Jesus wird also in Rom geschlagen, vor der päpstlichen Kirche, von päpstlichen Helfern!

 

Die Tauberbischofsheimer Kreuztragung ein reformiertes Passionsbild, das vom bisher unbekannten Auftraggeber als Bildprogramm mit Grünewald übereinstimmend, konzipiert wurde? Lanckoronska und Arndt/Moeller neigen zu dieser Auffassung! „In jener bibelstarken Epoche der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert bedeutete bereits die Wahl einer Stelle aus dem Propheten Jesaias, der in einer Zeit religiösen Sittenverfalls lebte, eine Parallele zur Gegenwart. Wie Jesaias gegen die religiös-sittliche Entartung seiner Zeitgenossen predigte, so will auch der Auftraggeber der Tafel, ein lutherischer Geistlicher, durch diese seinen Unwillen über die Sündhaftigkeit der Umwelt und ihre Verspottung Gottes zum Ausdruck bringen." Auch Arndt/Moeller zielen in die Richtung, daß die Kreuztragung als reformiertes Bildprogramm konzipiert wurde und auch dass das Neue dieses Bildes ausmacht. „Dem von Luther eingeforderten gereinigten, keineswegs ja grundlegend neuen Verständnis des Leidens Christi entspricht die von Mathis Gothart komponierte Szene sowohl in dem, was sie zeigt, als auch in dem, was sie eben nicht zeigt! Die Kreuztragung steht uns in einer Umformung vor Augen, die mit der Konzentration auf die schlagenden Schergen das Jesaja-Wort vergegenwärtigt und zugleich alle in der Tradition selbstverständlich gewordenen, die Einfühlung der Gläubigen stimulierenden 'compassio'-Motive konsequent ausschließt. Man darf also festhalten: In kaum zu leugnender Parallele zu dem Sermon von 1519 muss es dem unbekannten Auftraggeber der Tauberbischofsheimer Tafel – und im Einklang mit ihm dem Maler – darauf angekommen sein, ein „reformiertes" Passionsbild zu konzipieren." Inschrift und Bildkomposition passen also zusammen.

 

Ebenso sind beide Bilder, Kreuztragung und Kreuzigung, als reformierte Einheit ansehbar, als Vorklang zum Bauernkrieg, der als frühbürgerliche Revolution eine christliche Reformation errichten wollte. Der Tauberbischofsheimer Bürgermeister Aichhorn legte nach der Niederschlagung des Bauernkrieges, an dem sich Tauberbischofsheim führend im kurmainzischen 9 Städte Bund im Oberstift beteiligt hatte, einen Rechenschaftsbericht vor, daß es die Absicht der Tauberbischofsheimer war „das heilig wort gotts und ein christlich reformation helffen uffrichten und handthaben". Arndt/Moeller spekulieren, dass auch Bürgermeister Aichhorn Stifter des Werkes hätte sein können. Die Tauberbischofsheimer Christliche Reformation, die beiden Tauberbischofsheimer Tafeln Kreuztragung und Kreuzigung hätten damit einen weitaus größeren Zusammenhang als bisher bekannt. Der 9-Städte-Bund im kurmainzischen Oberstift als reformatorische Bewegung schon vor dem Bauernkrieg?

 

Waren im Frankfurter Inventar die beiden Tauberbischofsheimer Tafeln gemeint, dann wären diese erst nach 1528 nach Tauberbischofsheim gekommen, wohl in einer Zeit nach dem Bauernkrieg, in der die Reformation Tauberbischofsheim allerdings nur kurzfristig wieder erreichte. Mit der Niederlage im Bauernkrieg ist es in Tauberbischofsheim nicht zu Bilderstürmen gekommen, obwohl ab 1550 die Reformation wieder diese Kleinstadt tangierte. Der Tauberbischofsheimer Pfarrer Paulus Jörg gedachte sich zu verheiraten. Die Grünewaldschen Bilder haben in der Tauberbischofsheimer Kirche im stillen Winkel einer Seitenkapelle die Jahrhunderte überdauert, wenig beachtet, bis sie von einer wenig an ihnen interessierten altgläubig katholischen Geistlichkeit und dem Stiftungsrat 2 mal verschachert wurden und so in die Karlsruhe Kunsthalle kamen. Ein später Sieg des Tauberbischofsheimer Katholizismus über Grünewald? Tauberbischofsheims größter Schatz wurde zum größten Verlust innerhalb der vielen historischen Verluste, die diese Kleinstadt an der Tauber meistens sich selbst verursachte. Leider verhinderte kein zweiter „Zugelder", der dem Abriß des Türmerturmes mit einem entschiedenen Einsatz entgegenwirkte, die Verschacherung der beiden Bilder.

 

Der aus Gissigheim stammende Schriftsteller Wilhelm Weigand, der 1889 in seinem Erstlingswerk „Die Frankenthaler" Tauberbischofsheim und seine Lebenswelt als Vorbild nahm, porträtierte und charakterisierte, ließ am im Städtchen zu dieser Zeit herrschendem klein- und spießbürgerlichen Kleinstadtgeist wenig Vorteilhaftes übrig: „Alles, ohne Unterschied der Person oder des Standes, lebte gedankenlos von der Hand in den Mund. Die großen Streitfragen und Probleme, über die sich draußen Parteien und Stände heiser redeten, sowie die gewinnbringenden Verkehrswege berührten längst den Ort nicht mehr, und die Gewerbetreibenden, samt den Stadtbauern, die mit den gleichen Augen wie ihre friedlichen Ochsen durch die Tore zogen, hatten Mühe genug sich auf den Beinen zu halten, und waren, aus purer Angstmeierei, jeder fruchtbaren Neuerung von Grund aus abgeneigt. Ja, sie betrachteten Männer wie ihn, der die Welt und den die Welt gesehen, mit blöden, mißtrauischen Maulwurfsaugen." Weigand listet noch ganze Batterien der Bildhaftigkeit auf, um Tauberbischofsheim und die Bischemer um 1900 auszumalen: „Mostschädel", „Häfelesgucker", „Duckmäuser", "Weinspießer", „Weinsumpf", „behäbige Kleinstadt", „gottverlassenes Heuchlernest" usw.  Das paßt durchaus zu einem altväterlichen Milieu, das Bilder von besonderer Güte und Klasse, die dem katholischen Betrachter wie ein Stachel schmerzen, kurz nach der Wiederentdeckung aus dem stark begrenzten Kirchturmshorizont hinausbeförderte.

 

Als PDF erhältlich: Die Leiden Jesus sind die Leiden der Bauern

Eine Spurensuche in den Tauberbischofsheimer Bildtafeln Kreuztragung und Kreuzigung von Matthias Grünewald

 

 

 

 

 

Kopie der Kreuzigung in der St. Martinskirche Tauberbischofsheim. Eine weitere Kopie der Kreuzigung und Kreuztragung im Tauberfränkischen Museum, Schloß Tauberbischofsheim. Abbildung siehe unten:


 



 



Kreuztragung:



 


 

 

Literatur

 

 

Maria Lanckoronska, Matthäus Gotthart Neithart. Sinngehalt und Historischer Untergrund der Gemälde. Darmstadt 1963

 

Karl Arndt / Bernd Moeller: Die Bücher und letzten Bilder Mathis Gotharts des sogenannten Grünewalds. Nachrichten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. I Philologisch-Historische Klasse. Jahrgang 2002, Nr. 5. Göttingen 2002

 

Eberhard Ruhmer, Anmerkungen zu den Tafeln. In: Matthias Grünewald. Die Gemälde. Köln, London 1958