Dörgei - Walachei, Mongolei, Bolagei, Kloa-Venedisch

 

 

Die Büschemer bezeichnen das Stadtviertel der kleinen Leute, der Armen, der Häcker, Tagelöhner, Ziegenbauern, der Rothgerber, Manger, der unteren Schicht mit den kleinen, schiefwinkeligen Häusern, mit vielen Anbauten, innerstädtischer Verdichtung als Dörgei. Wo aber genau liegt die Dörgei. Läßt sie sich genau abgrenzen? Seit wann wird dieser Name verwendet? Was bedeutet er genau? Woher läßt er sich ableiten? Wie sieht es mit anderen Stadtquartiernamen wie Walachei, Mongolei, Bolagei, Kloa-Venedisch aus? Sind das reale Bezeichnungen von genau kennzeichenbaren Straßenzügen oder eher Scherznamen?

 

Hugo Pahl widmet sich in seinen Büschemer Böse Buwe einige Male der Dörgei, Walachei, Bolagei, Mongolei und Klein-Venedisch. Er beschreibt die Dörgei mit

"Schpitzichi Giewel,
krummi unn gonz engi Gasse,
Miesthöuf vorm Haus,
Drääg "en Masse":
däss iss for die meiste Leud
Di Bischemer Dörgei.
Iech oawwer
hoab oanneri Aache.
MIr gfellt's doohinne guud.
Drumm
duu iech's Euch aa zaache." (S. 34)

 

Mit "doohinne" findet sich eine Lagebezeichnung der Dörgei. Ähnlich wie die Provinz Hinterland ist, ist die Dörgei die Hinterstadt Büschemes. Also fern der Hauptstraße, des Marktplatzes. Eine genauere Lagebeschreibung und auch Schilderung der Dörgei findet sich bei Carlheinz Gräters schmalbandigem, aber wortstarkem Portrait von Tauberbischofsheim: "Zwischen der Hauptstraße und dem Straßenring des mittelalterlichen Wallovals liegen die Gassenquartiere der Türkei. Hugo Pahl, ein Träumer und Schaffer, hat den Expressionismus der Spitzgiebel eigenwillig in Holz geschnitten. Hier wölben sich noch breitmäulige Keltertore, hier rankt der Weinstock um die Fenster, schläft Fachwerk hinter bröckelnden Verputz, grünt die Donnerwurz auf dem Torborgen. Die Madonnen über dem Türbalken sind vielleicht nicht so aufgeschmückt wie ihre großen Schwestern an der Hauptstraße, aber dafür häufiger." (S. 13)

 

Der Mühlkanal / Mühlbach ist das Gewässer der Dörgei:
"Doo flimmerd's in dr alde Boach" (S. 35, Bischemer Böse Buwe). Die Dörgei liegt also am Mühlkanal, der alden Boach. Also links der Hauptstraße. Carlheinz Gräter kannte eine "südliche Türkei" und auch den Mühlbach als Bach der Türkei: "Ein Unikum der südlichen Türkei ist auch noch der Mühlbach, der sich, halb überwölbt, halb freifließend, quer durch die krummen Gassen zur Tauber schlägt. ... An einem der Bachhäuser steht ein farbig gefaßter St. Nepomuk." (Gräter, S. 13)

 

Eine weitere Ortsangabe der Dörgei findet sich in der Sage "Um den Hexenturm" in den Büschemer Böse Bube auf Seite 19. "Mitten in der Bischemer Dörgei, dort wo die Klostergasse auf die Eichstraße stößt, stand einst der Hexenturm." Nimmt man das "mitten in der Bischemer Dörgei" ernst, heißt das ja auch, das weiter unten, weiter oben, weiter seitlich auch die Bischemer Dörgei ist. Also runter zur Bachgasse, hoch zum Fischgäßchen. Also fast alles Kleinquartierliches, was südlich im unteren Bereich der Hauptstraße ist. Aber läßt sich die Dörgei nicht genauer bestimmen? Konkreter örtlich oder an einer bestimmten Gasse fixieren?

 

Bischofsheim wurde in vier Viertel eingeteilt. Genauer gesagt mit der Vorstadt in fünf Viertel. Die Aufteilung von vier Viertel in der zusammenhängenden Ummauerung beschreiben Gehrig/Müller:

"Die Straße vom unteren zum oberen Stadttor (Heute Hauptstraße/Fußgängerzone) als Längsachse und quer dazu die Straße ungefähr vom Hexenturm an der Südseite der Mauer vorbei am Kloster über den Marktplatz zur nördlichen Stadtmauer etwa in Höhe des Schneckenturms zerlegten die Stadt auf überschaubare Weise in vier Teile." (S. 328)


Heutzutage bezeichnen viele das Resttürmchen beim Schlosszwinger / Mühlbach als Hexenturm. Tatsächlich aber war der Hexenturm in Verlängerung der Klostergasse an der südlichen Stadtmauer. Der Schneckenturm stand an der nördlichen Stadtmauer in Verlängerungen der heutigen Blumenstraße, früher Frauengasse.

 

Diese Aufteilung ergab die vier Viertel:
- Burgviertel / Schlossviertel einschließlich der Vorstadt;
- Pfarrviertel, also das nordwestliche Viertel um die Stadtkirche herum;
- Arme Gassenviertel, das Viertel um die heutige Frauenstraße, früher arme Gasse genannt
- Bachviertel, auch Kloster- und Hospitalviertel genannt, das Viertel vom unteren Stadttor zum Kloster hin.
Allerdings erschließt sich aus diesen Viertelnamen noch keine klare Ableitung für die Stadtviertelbezeichnung Dörgei.

 

Gehrig/Müller spüren der Historie des Begriffes Dörgei / Türkei nach. Stellen allerdings fest, dass die Namensbezeichnung von keinem besonderen geschichtlichen Alter ist, wie oft behauptet wird. Gern wird die Ableitung von torculum für Kelter genommen, was in einer Weinbaustadt wie Bischofsheim als offensichtlich erscheint. Bei zuvielem Weingenuss torkeln, dörgeln die Weinseeligen nach Hause. Die Dörgei wäre also ein Viertel des überschwenglichen Weingenusses. Ein Viertel der Trunkenheit. Was durchaus vielen als zutreffend schien. Charakteristisch für die Dörgei. Gehrig/Müller aber leisten Widerstand gegen diese verallgemeinernde Ableitung und Zuschreibung.

 

"Die Bezeichnung "Türkei" für das bekannte Viertel der Altstadt - von den alten Tauberbischofsheimern liebevoll "Dörgei" genannt - taucht erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts auf: ein frührerer Beleg ist nicht zu finden, auch nicht in anderer Schreibweise." (S. 215) Hier ist ein kleine Korrektur angebracht. 1797 ist der erste Hinweis auf die Türkei / Dörgei im Schrifttum zu finden.


1845 ist in einer Verordnung zu lesen: "Die alte Manggasse oder Türkeigasse, die Klostergasse ..." Hier wird die Dörgei klar einer bestimmten Gasse zugeordnet: Die Manggasse ist die Türkeigasse. Die Dörgei liegt also um die Manggasse herum. Da dort die Manger, die Walker mit ihren beiden Mühlen am Mühlbach arbeiteten. Allerdings gibt es speziell für den Straßenzug an der Manggasse entlang der alten Bach auch den schönen Namen Kloa-Venedisch, also Klein-Venedig. 1856 gab es eine Anordnung die untere und obere Türkeigasse herzurichten. Das entspricht auch dem heutigen zweiteiligen Charakter der Manggasse. Die Dörgei läge also im Burgviertel (Schlossviertel).


Der "Handriss über einen Theil der Stadt Tauber-Bischofsheim Zu der Untersuchung die Tödtung des ledigen Nachtwächters Bruno Hodis von Tauberbischofsheim" als Lageplan von 1865 verkompliziert die Verortung der Türkeigasse, auf dem Plan als sog. Türkeigasse als Fortsetzung der hinteren Eichgasse. Diese Türkeigasse läge dann ab der Mündung Kloster/Spitalgasse, Badgasse bis zum Fischgäßchen. Setzt sich als Hintere Eichgasse fort bis zum Mühlbach, dann als Obere Eichgasse bis zur Hauptstraße. Die Gasse am Mühlbach entlang bis zur Badmühle, Kloa-Venedich, heißt ebenso auf diesem Plan Eichgasse. Die Manggasse gibt es in diesem Handrisslageplan zweigeteilt: Als Manggasse und hintere Manggasse in Richtung Fischgäßchen. Sind hintere und obere Manggasse identisch? Die Bezeichnung obere Manggasse macht nur dann Sinn, wenn sie auch oberhalb ist, über, höher. Und nur die Gasse von der Mühle hoch entlang des Mühlbaches steigt an. Macht ein oben, das obere sinnvoll.


Auf einem weiteren Lageplan aus dieser Zeit ist ebenfalls "Türkei" für dieselbe Lage ab der Mündung Kloster/Spitalgasse/Badgasse bis zum Fischgäßchen verzeichnet. Gar in das Fischgäßchen hinein. Unklar ist auf diesem Plan, wie die Gasse entlang der Mühlbach zwischen Eich-Gasse und Manggasse heißt.


Otto Heilig variiert die Aussprache der Dörgei. Sie wird eher als Döregai ausgesprochen. Und kennzeichne das büschemer Stadtviertel Turmgau. In Büscheme wird der Türmersturm gern als Dörnersduure bezeichnet. Sprachlich ist es von Gau zu Gei nicht weit. Wurden vielleicht die Stadtviertel in der mündlichen Kommunikation als Gau eingegrenzt? Verkürzte sich das Dörners des Türmerturmes zu Dör? Zusammengesetzt Dör und Gei zu Dörgei? Nicht immer findet die alltagsweltliche Sprache auch den Weg zu den Akten. Das ist allerdings bisher nur Spekulativ.

 

Die Dörgei ist also genau fixierbar im Büschemer Stadtbild. Der Bereich um die Manggasse. Allerdings der erweiterte Bereich, der auch die Eichstraße mit einschließt. Kloa-Venedich läßt sich ebenfalls dem Teil der Manggasse zuordnen, in dem der Mühlbach mit Brückchen überbrückt wird. Walachei, Mongolei, Bolagei scheinen eher scherzhafte virtuelle Stadtviertelbezeichnungen zu sein. Und nicht konkret bestimmten Gassen zuordenbar. Aber es bleiben ja nicht viele Gassen übrig. 

 

Es gibt allerdings einen wichtigen Hinweis auf die Walachei in der Büschemer Historie. Der Büschemer Stadtpfarrer Dr. Karl Rombach stand im badischen Kirchenstreit ab 1853 durchaus im Brennpunkt und wurde eingekerkert (Siehe Julius Berberich, S. 229) "und bildet eine Hauptfigur in dem damals in allen Häusern verbreiteten und mit Leidenschaft gelesenen satyrischen Gedicht: "Die Priesterfängerei in der Walachei." Von Katholikus Stechapfel, 1853. Im Gedicht geht es fast so exotisch zu, wie die Benennungen der Büschemer Stadtquartiere der Armen Leute:

 

"An der Donau schönem Strande,

Die man auch die Tauber nennt,

Liegt ein Theil vom Türkenlande,

Den als Walachei ihr kennt,

Auch die Stadt Konstantinopel,

Grünsfeld, Lauda, Gerlachsheim,

Dittigheim und Philippopel,

Bucharest und Bischofsheim.

 

Wertheim dort am schwarzen Meere,

Werbach an dem Donaustrand,

Gamburg läßt der Russenheere

Dringen nicht ins Türkenland.

Heckfeld schützt die Dardanellen,

Messelhausen steht ihm bei;

Dittwar liefert die Forellen,

Daß der Pascha gnädig sei."

 

Leicht verständlich, dass mit der allgemeinen Kenntnis dieses Gedichtes sich die Walachei bei dem Bezug auf die Türkei bei vorhandener Türkeigasse im Büschemer kollektiven Gedächtnis sich festsetzte. Und wohl um die Bolagei und Mongolei bereicherte.

 

 

Einwohner, die in der Dörgei wohnten, wurden in Büscheme mit dem Spitznamen Dörg angesprochen. Türken haben wohl kaum in der Dörgei gewohnt. In Tauberbischofsheim siedelten sich nach 1945 eher zunächst Aramäer, Italiener, Griechen, Jugoslawen an und damit auch in der Dörgei. Türkische Einwanderer zogen erst nach den 1970er Jahren vermehrt in Büscheme ein. Dann aber kaum noch in der Dörgei.

 

Diese Dörgei, deren Enge, deren Schiefwinkligkeit, der Schmutz, wurde auch zum Vorbild in Wilhelm Weigands "Frankenthaler", die sich vielfach auf das alte Tauberbischofsheim bezogen. Die Dörgei wurde zur Hadmarshelle (in Büscheme eine Flurbezeichnung einer ehemaligen Burg). Einem Stadtviertel, das in seiner Charakteristik, in der Lebensweise der Dörgei gleicht. Aber auch in der Weigandschen Kritik der Moderne zum Ort von Gesindel, roher und roter Gesinnung, als permanenter Brandherd im innerstädtischen Gefüge:

 

"Herr Gramlich verfehlte nicht, dem jungen "Baron" seine Meinung über die Hadmarshelle rein und rund vorzutragen: dieser Winkel der Stadt, wo es jährlich ein paarmal brannte, war ein Schandfleck, den noch keine Feuersbrunst ausgelöscht hatte, und das Ärgste war, daß auch die ländlichen Arbeiter, die der Verdienst in der Fabrik nach Frankenthal gelockt hatte, in der Hadmarshelle, bei dem lichtscheuen Gesindel, unterkrochen und nach kurzer Zeit mit der bekannten roten Gesinnung in der Stadt herumgingen. Herr Gramlich war einfach empört, wenn er an die Bande dachte, und er vermied es stetig, den Weg durch das verseuchte Viertel zu nehmen, wenn ihn sein Weg nach den Talgärten oder in die Weinberge führte." S. 73, 5. Auflage

 

Der Büschemer Dörgei fehlte allerdings das "rote" Element, das die Hadmarshelle kennzeichnet. Die Arbeiterbewegung war in der Dörgei kaum vertreten. Die Dörgei ist das Gassenquartier der armen Leute. Hier gab es ein Leben in der Resignation, in der Marginalisierung. Gute Sprüche, aber wenig Bewußtsein.


Die Dörgei, die sich auf die hintere Eichgasse bezieht, wurde hier behandelt und auch in Fotos dargestellt: hintere Eichgasse


 


 


 


 

Dörgei, Türkeigasse, Stadtmodell 1750























Dörgei, Türkeigasse, Stadtmodell 1750