Nationalsozialismus in Tauberbischofsheim

Die historische Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Tauberbischofsheim ist auf keinem besonders vollständigen Stand. Die Stadtgeschichte von 1955 war wohl - wie alle anderen aus dieser Zeit und bis in die späten 1970er Jahre - zu nahe dran, um eine historische Darstellung leisten zu können. Nur punktuell wird die NS-Zeit gestreift. Die Absetzung des Bürgermeisters Diebold, obwohl er 1933 auch von den Mitgliedern der NSDAP mitgewählt wurde. Die Zeit des als Bürgermeister eingesetzen Parteigenossen Hans Knab. Vor allem seine baulichen Maßnahmen. Die Herrichtung des Froschgrabens. Die Kanalisierung in der Unterstadt. Die Umwandlung des Rathaussaales mit Wappen und Hakenkreuzen. In der 1955er Stadtgeschichte als "stilgerecht" erneuert eingestuft. Die Beseitigung von Steinriegeln auf dem Edelberg mit Gründung des städtischen Rebgutes. Die Schaffung der Martini-Messe. Auch heute noch wiederkehrend. Noch kürzer abgehandelt wird die Bürgermeisterzeit des ehemaligen NDSAP-Kreisleiters Wilhelm Vollrath von 1936 bis 1943. Der Krötenbrunnen beim Schloß wurde in seiner Amtszeit eingerichtet.
 

Unter dem NS-Bürgermeister Knab wurde 1934 eine Broschüre herausgebracht, die Tauberbischofsheim in der NS-Zeit präsentieren sollte. Ich habe auf www.traumaland.de unter: http://www.traumaland.de/downloads/regio.pdf vor einigen Jahren einige Bemerkungen dazu geschrieben, die ich hier wiederholen will:
 

Tauberbischofsheim im badischen Frankenland. Herausgegeben im Auftrag der Stadtverwaltung Tauberbischofsheim, Hannover 1934.

 

Wer einen Band von 1934 in die Hände nimmt, denkt als erstes, wieviel Nationalsozialismus wird mir hier entgegen schreien? Der nach dem Juni 1934 publizierte Band schreit allerdings noch recht wenig nationalsozialistisch daher, verkündet wenig von nationalsozialistischen Bewegungen auf Tauberbischofsheimer Grund und Boden. Ein ansonsten allgegenwärtiges Hakenkreuz ist in dem knapp über 20 Seiten schwachen Band nicht zu finden. Der Bürgermeister von Tauberbischofsheim beendet sein Geleitwort kurz und knapp: Knab, Bürgermeister. Kein Sieg Heil, kein sonstiger deutscher Gruß, überhaupt kein Gruß! Allerdings lädt der Bürgermeister nur deutsche Männer und Frauen, Buben und Mädels zu einem interessanten und angenehmen Aufenthalt in Tauberbischofsheim ein. Knab war allerdings kein von den Bürger Tauberbischofsheim gewählter Bürgermeister, sondern ein von der „NS-Gaubehörde“ (Siehe Kiefer/Haun, IV. Aus der Geschichte der neuesten Zeit (1800-1955) In: Tauberbischofsheim. Aus der Geschichte einer alten Amtsstadt. Tauberbischofsheim 1955. Herausgegeben im Eigenverlag der Stadtverwaltung) eingesetzter Bürgermeister, der mit diesem Behördenakt den am 28. Mai 1933 durch den Bürgerausschuß wiedergewählten Bürgermeister Diebold ablöste. Der Bürgerausschuß bestand aus 18 Vertretern, neben dem Bürgermeister Diebold, der sich der Stimme enthielt, erhielt Diebold die zehn Stimmen der Zentrumsvertreter sowie die acht Stimmen der NSDAP unter ihrem Rathausfraktionsvorsitzenden Emil Mott. Unter Bürgermeister und Sturmbannführer Hans Knab (aus Eberbach) wurde Tauberbischofsheim mit der Neuanlage eines Weinberges auf dem Edelberg wieder zu einer Rebenstadt. Unter Knab wurde auch der Rathaussaal „stilgerecht erneuert“ (Kiefer/Haun, S. 437), wobei unter stilgerecht eher völkisch beeinflusste Wandgemälde, unter anderem zum Bauernkrieg 1525, zu verstehen sind. Insofern spricht aus den Geleitworten des Bürgermeisters und Sturmbannführers die Weltanschauung der NSDAP, die Ausgrenzung, Vertreibung, Vernichtung alles Nicht-Deutschen sprachlich ankündigt und einschließt. Verblüfft nimmt man zur Kenntnis, dass der Stadtpfarrer von Tauberbischofsheim Weick ein Hauptschreiber des Werkes ist, auch wenn dieser in seiner Einführung „Tauberbischofsheim im badischen Frankenland“ Riehls Gang durch das Taubertal reichlich plündert, bleibt für Weick ausreichend Platz, die Kirchengeschichte Tauberbischofsheims auszubreiten. Daß der Pfeifer von Niklashausen „sein sozialistisches Evangelium“ predigte, deutet darauf hin, dass das nationalsozialistische Lektorat entweder nicht existierte, nicht aufpasste oder keine nationalsozialistische Sprachregelung dafür kannte. Die Ankündigung „Tauberbischofsheim wird wieder eine Stadt des Frankenweins“ in einem Artikel von E. Brunner zeugt von der nationalsozialistisch begründeten Neuanlage einer Rebanlage auf dem Tauberbischofsheimer Edelberg durch 15 Arbeitslose. Über deren Arbeitsbedingungen erfährt man nichts. Ideologisches Ziel war es allerdings, die Tauberbischofsheimer Landwirte aufzurütteln und in ihren brachliegenden Weinbergen wieder Edelreben – deutschen statt der Amerikanerrebe, die als Ersatz für die durch die Peronospora vernichteten einheimischen Rebsorten gepflanzt worden war – zu setzen. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. In kurzen Bemerkungen zu den landwirtschaftlichen Verhältnissen im Bezirk Tauberbischofsheim durch Lienhard wird das Ende der fränkischen Erbteilung von Bauernhöfen, wohl durch den nationalsozialistischen Erbbauernhof, als beseitigt angekündigt, was nicht von Dauer war. Nur in den Anzeigen am Schluß des Bandes finden sich einige deutliche nationalsozialistische Einschübe in das damalige Tauberbischofsheim. Beim Aufruf der Stadtverwaltung „Besucht Tauberbischofsheim“ wird Tauberbischofsheim als Geburtsort des Vorsängers der NSDAP Richard Trunk hervorgehoben. Eine Anzeige der völkischen Buchhandlung am Tauberbischofsheimer Marktplatz, gleichzeitig die Zweigschriftleitung des gauamtlichen Organs der NSDAP Gau Baden „Volksgemeinschaft“ weist auf die Heimatbeilage „Der Franke“ hin. Das war ein recht völkischer Franke. Ein Textilkaufhaus präsentiert sich neben dem Angebot von Herrenstoffen und Aussteuerartikeln als Vertriebsstelle der NSDAP inklusive Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenständen der SA, SS, HJ, JV BDM sowie dem Festanzug der Deutschen Arbeitsfront. In einer Anzeige desselben Textilkaufhauses im nach 1950 erschienenen Führer und Handbuch Tauberbischofsheim im schönen Taubertal annoncierte das Haus neben Herrenstoffen und Aussteuerartikeln nun Berufskleidung. Nur einige Straßen und Platznamen zeugen von der Zeit des Nationalsozialismus, wie die typische Robert-Wagner-Straße und der Adolf-Hitler-Platz. 

 

Setzen wir nun die Betrachtungen zur 1955er Stadtgeschichte fort mit den Tagebuchaufzeichnungen von Josef Kiefer. Die Tagebuchaufzeichnungen von Josef Kiefer, möglicherweise nachträglich bearbeitet, betrachten die letzten Kriegstage ab dem 21. März 1945. Hier finden sich immerhin einige kritische Worte. Wenig kritisch wird die NS-Zeit von Richard Trunk und Florian Werr abgehandelt. Letzterer Referent im Ministerium des Innern, stellvertretender Landesführer des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin, Verfasser zu Schriften zur Umsetzung der Rassengesetze.
 

So im Nebenbei erfährt man, dass auf dem Gelände der Edeka - heute Flüchtlingswohnheim - früher das Reichsarbeitsdienstlager stand. Während das weibliche Gegenstück auf dem Straßenbauhof nicht erwähnt wird. Wie die NSDAP in Tauberbischofsheim entstand, aus welchen Schichten der Bevölkerung sie sich zusammensetzte, wo ihre Lokale waren, sich ihre Buchhandlung befand, die Maßnahmen gegen die jüdischen Bürger, die Haltung der Bevölkerung - alles nicht behandelt.
 

Auch die 1955er Stadtgeschichte habe ich auf www.traumaland.de  http://www.traumaland.de/downloads/regio.pdf einigen Betrachtungen unterzogen, die hier auszugsweise aufgeführt werden sollen:
 

Auf NS-Aktivitäten wird im Zuge der Absetzung des Bürgermeisters Diebold eingegangen. Die Jahre des NS-Bürgermeisters Wilhelm Vollrath, des ehemaligen Kreisleiters der NSDAP im Kreis Tauberbischofsheim, von 1936-1945 werden in wenigen Zeilen inhaltslos umschrieben. Warum war das Schicksal der Tauberbischofsheimer Juden in dieser Stadtgeschichte nicht erwähnenswert? Wie die NSDAP in Tauberbischofsheim gewirkt hat, bleibt völlig offen. Das Heranrücken des Kriegsgeschehens im März 1945 wird ausführlich dargestellt. Das Volkssturmbataillon Tauberbischofsheim, nominell 750 Mann stark, wurde am Tage des Einmarsches der US-Amerikaner alarmiert, „in Erkenntnis der ‚Gefechtslage’ zogen es aber die Volkssturmmänner vor, nicht anzutreten oder wenigstens nicht auszurücken.“ (S. 454). Von zeitgeschichtlichem Wert sind die Tagebuchaufzeichnungen von Josef Kiefer, die leider erst ab dem März 1945 berichten. Leider scheinen die Tagebuchaufzeichnungen ungekennzeichneten redaktionellen Überarbeitungen unterworfen zu sein, so dass nicht eindeutig ist, wie die Originalaufzeichnungen Kiefers lauten. Gern würde man Tagebuchaufzeichnungen aus der gesamten NS-Zeit Tauberbischofsheims lesen. Tauberbischofsheim ist in den Märztagen 1945 zu einem Durchgangslager der sich chaotisch zurückziehenden deutschen Truppen geworden. Das Tauberbischofsheimer Konvikt war seit August 1941 zum Lazarett umgewandelt worden und hatte teilweise eine Belegung von 600 Mann Verletzten. Am 24. März zogen die Insassen der geräumten Lazarette in Heidelberg durch Tauberbischofsheim. Kiefer schreibt zu diesem für die Beobachter entsetzlichen Anblick der Verwundeten, die zum großen Teil zu Fuße durch die Stadt ziehen mussten: „Ihr Anblick wirkte auf das deutsche Gemüt wie ein Keulenschlag, niederdrückend und herzzerreißend. … Eine innere Wut packt den deutschen Menschen, der hier mitansehen muß, wie eine unselige Führerschicht das deutsche Volk in dieses schreckliche Elend hineingeführt hat.“ (S.456) Wie der Anblick der Tauberbischofsheimer Juden, die z. B. im September 1939 aus ihren Wohnungen geholt und durch die Stadt getrieben wurden, auf „deutsche“, auf christliche Tauberbischofsheimer wirkte, bleibt die Tauberbischofsheimer Stadtgeschichte von 1955 leider schuldig. Auch wenn es von einem offenem Widerstand nichts Berichtbares gibt, aber dennoch waren viele der vom Katholizismus überzeugten Tauberbischofsheimer nicht auf der Seite der NSDAP. Und einige wagten auch den „kleinen“ unbemerkten Widerstand: Die im Gemeindehaus eingesperrten Tauberbischofsheimer Juden wurden mit Lebensmittel, die heimlich über die Mauer geworfen wurden, versorgt. Auch jüdische Geschäfte, vor denen SA-Männer breitärschig sich platzierten, wurden durch die Hintertür von Einkäufern weiterhin zum Einkauf besucht. ... Die Chance, Alltagszeugen und Alltagszeugnisse, mit in die Stadtgeschichte aufzunehmen, wurde bis auf wenige Ausnahmen vertan. Aus Kiefers Tagebuchaufzeichnungen erfährt man im Nebenbei, dass im Jägerhäuschen des Tauberbischofsheimer „Schlosses“ monatelang eine Abteilung der Gestapo sich einquartiert hatte. „Von der Tätigkeit dieser Männer hat man sich in Tauberbischofsheim mancherlei erzählt.“ Leider geht auf dieses „mancherlei“ die Stadtgeschichte nicht weiter ein. Am 28. März werden in Tauberbischofsheim die NSDAP-Parteifahnen eingezogen, die Führerbilder werden abgehängt, die Hakenkreuze verschwinden. Das Kreuz des Katholizismus hat wieder symbolisch in Tauberbischofsheim die Jahrhunderte alte Vormacht übernommen.

 

Unter den aufgeführten Ehrenbürgern und bedeutenden Tauberbischofsheimern wie Richard Trunk und Florian Werr werden Richard Trunks NS-Lieder in keinerlei Weise erwähnt. Zu sehr verbildlicht Richard Trunk wohl die Wunschrolle, dass auch aus einem Tauberbischofsheimer etwas werden kann. Schließlich wurde das Gedichte des späteren Reichsjugendführers Baldur von Schirach vertonende Opus 65 Nr. von Richard Trunk, „Adolf Hitler, dem Führer, gewidmet“  (entstanden 1932!), demselben Adolf Hitler, dem Führer, im Mai 1934 vorgetragen. Das war noch kein vereinsamter Führer im „Bonker“: „Sein Opus 65 besteht aus vier Teilen: 1. Hitler, 2. Des Führers Wächter, 3. O Land, 4. Horst Wessel. Schirach hat übliche ‚religiöse’ Hymnen geschrieben (Wir alle glauben, Deutschland, an Dich); Thema des 1. Teils: Führer und Volk sind eines. ‚Ihr seid viel tausend hinter, / und ihr seid ich und ich bin hier. / Ich habe keinen Gedanken gelebt, / der nicht in euren Herzen gebebt.’ Das ist sinnfällig in Musik gesetzt. Der Bariton wird selbständig geführt, soll‚ stets hervortreten’ nämlich der Führer, während Tenöre und Bässe als Einheit dazukommen, als das Volk. Der Bariton beginnt ruhig und feierlich, nach Choral-Art, darauf die übrigen Stimmen als Antwort, der erste Schluß in unbestimmten, die Terz aussparenden Fis. Im weiteren Verlauf wird ein bedeutungsträchtiger Verminderer angesungen und schließlich in Takt 9 der Durschluß auf H um so wirkungsvoller herausgestellt. Trunk verlässt das Schema Führer – Volk in einem Fugato-Teil, greift aber am Schluß wieder darauf zurück und führt es effektvoll zu Ende: Während Tenöre und Bässe in einer Art Parallelorganum in archaisch anmutenden Quarten und Quiten fortschreiten, ruft-singt der Bariton ‚Deutschland’ dazu, bis alle gemeinsam im Unisono enden.“ (Antoinette Hellkuhl: „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun“. Der Deutsche Sängerbund in faschistischer Zeit. In: Hanns-Werner Heister / Hans-Günter Klein (Hrsg.): Musik und Musikpolitik im faschistischen Deutschland, Frankfurt 1984, Seite 199f. Das machte die in Tauberbischofsheim viel gerühmte Tondichterkunst Trunks aus: Das Volk auf die Stimme Hitlers einzustimmen, gesanglich gleichzuschalten! Die Vertonungen Trunks entsprachen der Musikpolitik der NSDAP, Gesang und Chorgesang einstimmig zu harmonisieren, alle singen für die zukünftigen Schlachten, alle singen sich für die kommenden Kriege ein. Tondichtungskunst als machtpolitisches Mittel, Tondichtungskunst als Kriegsvorbereitungskunst! Dass der aus Tauberbischofsheim stammende Facharzt für Hautkrankheiten Florian Werr im Dritten Reich zum Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und Referent im Ministerium des Innern werden konnte, machte die Bearbeiter der Stadtgeschichte nicht im geringsten stutzig oder zum Anlaß, dessen Rolle und Schriften näher in Augenschein zu nehmen. Florian Werr hat einige offizielle Schriften veröffentlicht, die die Stellung des NS-Staates zum Verhältnis von deutscher Rassenerhaltung und Geschlechtskrankheiten verdeutlichen (sollten), so z. B. in der Schriftenreihe des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst, Heft 28, Die Geschlechtskrankheiten und das Ehegesundheitsgesetz. Im Auftrage der Reichsarbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten., Berlin 1936. Hier ging es nicht um die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten, hier ging es um die Pflicht zur Erhaltung der Rasse, der Verpflichtung zur Reinhaltung der Rasse!

 

Zur Rolle von Richard Trunk im Nationalsozialismus bin ich weiter eingegangen auf:

http://www.traumaland.de/downloads/nationalsozialismus.pdf

 

Der 1934 erschiene Stadtführer war wohl nach 1945 nicht mehr tragbar. Um 1950 erschien ein neuer "Führer" über Tauberbischofsheim. Auch hier will ich einige kurze Bemerkungen dazu von www.traumaland.de hier einbringen:
 

Karl Kolb / Josef Kiefer: Führer und Handbuch. Tauberbischofsheim im schönen Taubertal. Herausgeber: Fränkische Nachrichten, Tauberbischofsheim, o. J. (um 1950 erschienen)

 

Der Nachfolger des 1934 veröffentlichten Bandes über Tauberbischofsheim, der nun wesentlich handlicher, kurz gefasster Tauberbischofsheim vorstellt. Modern tritt dem Leser das generelle Gedutzt-Werden in diesem schmalen Bändchen gegenüber. Dieses „Du“ ist wohl noch der amerikanischen Besatzung Tauberbischofsheim geschuldet, denn der US-Resident Officer hielt noch in der Bahnhofstrasse 15 Hof, der sich mit den US-Angelegenheiten befasste. Ein besonders wachsames Auge hatte der US-Resident Officer wohl nicht, denn der aus Tauberbischofsheim stammende Tondichter Richard Trunk konnte in diesem Bändchen trotz seiner offensichtlichen Verstrickungen in der NS-Zeit problemlos gefeiert werden. Für eine Beachtung der NS-Zeit war wohl die Seitenzahl des Führers durch Tauberbischofsheim zu gering. Besonders herausgestellt werden die Tauberbischofsheimer Grünanlagen, die auch durchaus pittoresk in den beigefügten Bildern in den Blickpunkt des Betrachters treten. Ein Hinweis, dass die städtische Grünanlage des „Froschgrabens“ entlang der unteren Schmiederstrasse unter dem NS-Bürgermeister Knab errichtet wurde, fehlt. Nach der breiten Vorstellung der „herrschaftlichen Häuser“ wird die „Türkei“ als Stadtteil mit romantischem Gepräge vorgestellt, nicht mit Fotos, sondern in Holzschnitten von Hugo Pahl. Die Lebenswirklichkeit in diesem Armen-Leute-Viertel wird allerdings nicht erwähnt. Der schmale Band war wohl auch Einstieg in die 1955 erschienene Stadtgeschichte, zu der der damalige Stadtarchivar Josef Kiefer einen wichtigen Beitrag liefern sollte, was durch seinen Tod im Jahre 1954 verhindert wurde.

 

Kehren wir nun wieder zurück zur offiziellen Tauberbischofsheimer Geschichtsbetreibung. Die Stadtchronik von 1997, von Gehrig und Müller, sollte die Lücken der 1955er Stadtgeschichte schließen. Beschränkt sich selber aber auf die Jahre 1600 - 1900 (S. 12) Kurz wird auf die Geschichte der Tauberbischofsheimer Juden eingegangen. Wenn auch wenig original mit Aktenaufarbeitung, sondern mehr mit Zitaten bekannter Literatur. Bernhard Müller leistete 1980 in einer wissenschaftlichen Arbeit zu Juden und Judenpolitik in Tauberbischofsheim 1933 - 1945 Pionierarbeit. Leider ist diese Arbeit nur maschinenschriftlich im Stadtarchiv vorhanden. Für einige Zeit war sie gar verschwunden. Hier hätte die Bürgerstiftung, die Stadt Tauberbischofsheim Gründe genug, oder auch die Tauberfränkischen Heimatfreunde, sich um eine Publikation für breitere Büschemer Kreise zu sorgen und zu finanzieren.
 

Von Schülerseite aus wurde in den letzten Jahren einige Aufarbeitung der Jüdischen Geschichte in Tauberbischofsheim in den Jahren 1933 - 1945 geleistet. Auch mit Aktendurchsicht. Dadurch wurde deutlich, wie damals vieles umschrieben wurde. Die Deportation der Büschemer Juden wurde in der Büschemer Amtssprache als "wegverbracht" umschrieben.  So konnte man sich als Akteur der NS-Vorgaben gleichzeitig selbst entlasten. Dokumentiert in:
Gerd Stühlinger, Johannes Georg Ghiraldin, Sarah Schroeder, Christoph Ries, Katja Rüger, Gunter Schmidt und Stefan Henninger (Projektgruppe Mahnmal, Herausgeber): Wegverbracht. Das Schicksal der Tauberbischofsheimer Juden 1933-1945. EINE DOKUMENTATION. Tauberbischofsheim 2009. Inzwischen hat es die "WEGVERBRACHT" Serie auf vier Bände gebracht. Die Geschichte der Tauberbischofsheimer Juden wird wieder deutlich. Nachlesbar.
 

Auf www.traumaland.de habe ich einige Hinweise zur Geschichte der Büschemer Landjuden gegeben:
http://www.traumaland.de/html/landjuden.html
 

Auch die Schülerzeitung des Gymnasiums, Bullauge, leistete etwas Aufklärung. So im Heft Nr. 17. Josef Heer tilgte dagegen in seinem stattlichen Fotoband "Liebes Heimatstädtchen Tauberbischofsheim" Hakenkreuze auf den wehenden Fahnen durch Übermalung. Wenn auch nicht vollständig gelungen. Im Fotoband der Tauberfränkischen Heimatfreunde konnte man die Fotos der Gleichschaltung in Tauberbischofsheim während der NS-Zeit fast ohne Einschränkungen sehen. Vergleicht man das Titelbild mit dem gleichen Bild auf Seite 47 fehlt dort das Hakenkreuz rechts oben, auf das man auch noch extra auf Seite 47 hinweist. Man sieht im Bild die Gastwirtschaft Zur Bretze als Gasthof Zum Hakenkreuz. In der Bretze wurde auch 1931 die Ortsgruppe der NSDAP gegründet. Gründungsmitglieder waren u. a. M. Meßler, Gg. Mott, Adolf Dehn, Alois Halbauer, Jos. Mackert, Karl Stein, Rich. Seubert, Gg. Martini, Joh. Klein, Norbert Halbig, Rudolf Tavernier und Otto Holch. Namen die zeigen, dass diese Gründungsmitglieder aus der Mitte Büschemes kamen. Bilder des großen Fahnenappells des Deutschen Roten Kreuzes zeigen dessen integrale Verstrickung in das dritte Reich. Blut war schließlich der Stoff der Nazis. Bei einem Foto eines Aufmarsches von NS-Horden in der Schmiederstraße durchfährt es einen mit großem Schrecken. Die Büschemer Bevölkerung steht brav andächtig daneben wie bei einer Prozession. Die NS-Bewegung in der Kleinstädten entstammte aus der Mitte der Bürgerschaft. Nicht vom Rande her. Der tief eingedrungene Katholizismus in Büscheme verhinderte dass die Nazis während freier Wahlen die Mehrheit erringen konnten. Das Zentrum war eine Macht. Die aber vor den Nazis nach 1933 kapitulieren mußte. Dennoch war der Büschemer Katholizismus eine Waffe gegenüber der NS-Ideologie. Die Mehrheit der Büschemer Erwachsenen bekam nach 1945 auch den Persilschein. Traurig ist allerdings, dass Tauberbischofsheim dem einzigsten, dem wichtigsten Büschemer Widerstandskämpfer, Johann (Hans) Brümmer, Vorsitzendem der IG Metall Deutschlands in den 1950er Jahren, dem vergessensten Sohn Büschemes, null komma nix gedenkt. Siehe:

http://www.traumaland.de/html/brummer.html

Es gibt noch viel nachzuholen in Büscheme!


Über den kleinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Tauberbischofsheim findet sich auf dieser Webseite ein kleines Beispiel über den Polizeiwachtmeister Josef TreuNach den Angaben auf dieser Seite zu folgen, wurde Josef Treu aus dem Polizeidienst degradiert, da er in keine der NS-Organisationen eintreten wollte. Und arbeitete 1937/1938 dann als Amtsvollzieher der Stadt Tauberbischofsheim. In dieser Funktion soll Josef Treu verantwortlich gewesen sein, dass die Sprengung der Tauberbrücke 1945 in einer Fehlzündung endete.

 

Die Herrschaft des Nationalsozialismus in Tauberbischofsheim wird zudem behandelt in: Joachim Braun, Nationalsozialistische Machtübernahme und Herrschaft im badischen Amtsbezirk/Landkreis Tauberbischofsheim, Wertheim 2014. In: Hrsg. Historischer Verein Wertheim in Verbindung mit dem Staatsarchiv Wertheim. Veröffentlichungen des Historischen Vereins Wertheim Band 8 sowie in: Joachim Braun, Die Entwicklung des Nationalsozialismus im badischen Amtsbezirk Tauberbischofsheim von 1924 bis 1932. In: Wertheimer Jahrbuch 1993, S. 289 - 316. Hier werden die groben Linien der Machtübernahme, Machtausübung aufgezeigt, die Tauberbischofsheim mit betreffen. Dennoch: Es fehlt eine genaue, nahezu lupenhafte Darstellung der Vorgänge in Tauberbischofsheim, wie die Bevölkerung, Personen involviert waren, von Maßnahmen betroffen waren, Widerstand in kleiner Form geleistet haben. Nahezu mikroskopisch fein behandelt wird der Nationalsozialismus in Wertheim aus der lokalen Opferperspektive von Dieter Fauth.


 

Das bauliche Erbe des Nationalsozialismus in Tauberbischofsheim ist gering. Die 1940 errichtete Betonbrücke wurde unlängst abgerissen. Der erste Erweiterungsbau des Finanzamtes mit dem Adler auf der solitären Eingangssäule, mit nun abgeschlagenen Hakenkreuz. Das Reichsarbeitslager Männer war nur ein Gelände mit Holzgebäuden, das danach von Edeka, Standortverwaltung, Zoll und nun als Flüchtlingsunterkunft in Beschlag genommen wurden. An der früheren alten Würzburger Straße. Die festen Gebäude wurden erst in den 1950er errichtet. Das Reichsarbeitslager Frauen fast gegenüber an der (neuen) Würzburger Straße. Heute rangiert heute die Straßenbauverwaltung. Ein Gebäude mit Säulen wäre entsprechend genauer auf sein Alter / Herkunft zu untersuchen. Auf einem älteren Foto, leider von der hinteren Seite her, sieht man an dieser Stelle ein festes Gebäude. Am Marktplatz, Haus Nr. 4, gab es eine Völkische Buchhandlung, in der auch die Zweigschriftleitung der in Heidelberg erscheinenden, aber nur 2 mal in der Woche, Tageszeitung "Der Franke", ihr Machwerk betrieb. Zum Ärger der Nationalsozialisten war die Büschemer Presse vom Zentrum dominiert. Den Luftraum-Beobachtungsbunker auf dem Brenner beseitigte man bei der wohnbaulichen Erschließung des Brenners in den 1970ern.


Es ist Zeit, dass die NS-Geschichte Tauberbischofsheims vollständig(er) aufgearbeitet wird.