Die wahre Höhe und Größe des Dörnersduure

 

 

"Der Thürmersturm, von dem der Volksmund sagt, sein Leibesumfang sei gleich seiner Höhe, wie bei einem Bischofsheimer Ratsherrn" (Bildunterschrift S. 243 zu Erinnerung an Tauberbischofsheim von Friedrich Alfred Schmid Noerr. In: Das badische Frankenland. Odenwald - Bauland - Taubergrund. In: Badische Heimat. Zeitschrift für Volkskunde, Heimat-, Natur- und Denkmalschutz, Jahresheft 1933)


 

Der Türmersturm ist der Eiffelturm von Büscheme. Sehbar von fast überall. In der Kleinstadt. Und er beschaut auch fast alles in Büscheme. Besonders was in der Dörgei so los ist. Mit Roland Barthes könnte man fast schließen, dass man in Büscheme den Türmersturm nicht nicht sehen kann. Er richtet den Büschemer Blick auf sich. Zentriert ihn an seine Randlage beim Schloss. Der Türmersturm ist das Objekt, das ins Auge gefaßt wird, aber auch den Blick auf sich zieht, auf sich "nordet". Im Gegensatz zum Eiffelturm, ohne Funktion zusammen montiert, hatte der Türmersturm bedeutende Funktionen. Wachtturm. Geleitturm. Im Gegensatz zum Eiffelturm wird der Türmersturm nicht mehr alltäglich bestiegen. Nicht mehr alltäglich zur Ausschau auf Büscheme, auf den Kleinstadtraum, auf die umgebende Landschaft gebraucht. Geleitzüge erreichen Tauberbischofsheim auch nicht mehr. Kaiserkrönungen finden auch nicht mehr statt, so dass die Reichsinsignien nicht mehr in Tauberbischofsheim Halt machen. Der Türmersturm wird also kaum mehr für ihn Besuchende als Ausgangspunkt eines Blickes auf die Büschemer Kleinstadtlandschaft genutzt. Im Gegensatz zum Eiffelturm wird der Türmersturm als eigenes Subjekt aufgefasst. Mit eigenem Bewußtsein und Sein. Als wäre er lebendig. Das zeigen Gedichte. U. a. von Hugo Pahl, vom Schollenhupser. Die Brauerei Zipf sprach in ihrer Werbung vom Turmtrunk. Den sollte man vielleicht wieder einführen. Türmersturmtrunk. 


 

Falls nichts los war, rannte der Stützescheißer an seiner Außenwand hoch: Oben im Türmersturm hatte der Nachtwächter einige Kumpanen zur Gesellschaft. Beim Kartenspiel. Einer ruft aus dem Fenster: "Stützescheißer dohäär!" Ein feuriger Mann kletterte mit seinen Krallenhänden den Türmersturm hoch. Die Gesellschaft rief die Heiligen an. Der Feurige verschwand. TuD 113. Stützescheißer dohäär!   45


 

Im Frankenthaler Wilhelm Weigands reckte er gar die Zunge heraus: "... auf  den sogenannten Türmersturm verbracht wurde, der wie ein grauer Meilenzeiger der Vergangenheit in dem städtischen Getriebe stand. Auf den Turmknopf aber setzte der findige Frankenthaler einen riesigen geschnitzten Mohrenkopf, dessen blutrot Zunge mit dem langsam hin- und herschwingenden Pendel in Verbindung stand. Ging nun das Pendel nach rechts, so zog der Mohr seine steife Zunge ein, und ging es links, so reckte er seine steife Zunge, unter fürchterlichstem Augenrollen, wieder heraus." Wilhelm Weigand, Die Frankenthaler, S. 8, Fünfte, überarbeitete Auflage, Leipzig o.J.


 

Das hohe Symbol Büschemes hat dennoch einiges inzwischen von seiner früheren Strahlkraft, Blickanziehung verloren.   

 

Hugo Pahl schrieb in den Bischemer Böse Buwe über die Traurigkeit des Dörnersduure. Warum er sou ä Gsiechd moacht. Wie änn kloaner Buu. Wenig beachtet blieb, dass der Türmersturm allerhand Gründe hatte für diese Bockig- und Traurigkeit. Eine kleine literarische Spurensuche in der Büschemer Historienbetreibung zeigt das auf.

 

Büscheme als Stadtgebilde wird oft mit seiner altersgrauen, manchmal heruntergekommenen Verwinkeltheit seiner schmalen Gassen und schiefen Häusergiebel beschrieben. Welch Gegensatz dazu die Mächtigkeit des aufragenden Türmersturm im städtischen Ensemble. Der alles überblickt, auf den alle hinaufschauen.

 

"Überall in unsere Gassen grüßt der stolze Türmersturm, der an machtvoller Schönheit und Größe weit und breit seinesgleichen sucht. Auf einundzwanzig Mauer- und Tortürme schaute er ehedem herab." (BBB, S. 5, Das ist unser Bischeme)

 

Schon andere Töne finden sich in demselben büschmerischen Bändchen. Da ist der Türmersturm schon wesentlich kleiner, hat seine solitäre Rolle verloren:

 

"Du liewer, alder Dörnersduure,

Liewes, aldes, graues Haus,

Gug doch nid sou böös häud rüüwer.

Zu, wi sieht'n däss scho aus?

 

Duure, Duure, moach koa Sache,

dummer, liewer Kerle du!

Geh, wäär wärd denn sou a Gsiechd aa moache,

Dust groad wie änn kloaner Buu.

 

Oh dummer Kerle, liewer gudder Dörnersduure, stoulzer du.

 

Wärrst merr doch nid böös goar sej,

Weil iech, dr Käärcheduure, grösser binn als du?"

(BBB, S. 94, Hoamliche Zwiesprooch)

 

Das war eine Demütigung für den Türmersturm der Neubau der Stadtkirche und die Aufstockung des Kirchturmes. Kurz vor dem 1. Weltkrieg. Klar zu sehen war der Türmersturm nun die zweite Geige unter den städtischen Gebäuden, Gebilden. Doch noch mehr schmerzte, dass immer weniger wußten, wie die wahre Höhe,  was Größe des Türmersturmes ist. Und das obwohl immer wieder Schulklassen zum Türmersturm geführt wurden. Und Opfer des mathematischen Überzeugungsgeistes von Lehrern wurde. Irgendwie hätte der Umfang des Türmersturmes was mit seiner Höhe zu tun. Umfang gleich Höhe? Oder so?

 

Ogiermann nannte 1955 einen Umfang von 28 Meter und 37 Meter Höhe (S. 209). Stadtarchivar Hans Werner Siegel folgte 1990 in seinem Stadt- und Geschichtsführer für Büscheme dieser Höhenangabe. Carlheinz Gräter maß den robusten, aber sich nach oben hin verjüngenden Türmersturm 1969 auf 42 Meter. (Gräter, S. 14)

 

Auch HDS, der Wertheimer Hans Dieter Schmidt hält sich an die 42 Meter Höhe. Er befindet, dass Büscheme sogar im Schatten des Türmersturms liegt. Billigt also dem Dörnersduure eine hohe Bedeutung zu. Als hoher Hüter der kleinen Stadt:

 

"Er ist zweiundvierzig Meter hoch und wirft zumeist einen langen Schatten. Man hat ihn auf den freien Platz vor dem kurmainzischen Schloß gesetzt. Rund und hochgereckt steht er da, grau verputzt undmit ein paar winzigen Fenstern hoch oben, dicht unter der welschen Haube, die keck auf seiner Spitze sitzt. So etwa sieht er aus, der Türmersturm, und man ist stolz darauf, ihn zu haben, hier in dieser kleinen Stadt, die sich um ihn ausgebreitet hat und die er zu behüten scheint, auch heute noch."

(Kapitel: Im Schatten des Türmerturms: Tauberbischofsheim. In: Hans Dieter Schmidt, Melusine und schwarze Wasser, Wertheim 1980, Seite 117)

 

Friedrich Alfred Schmid Noerr analysiert eine Doppelmitte von Stadtkirche und Türmersturm (S. 254f.): "Lieb und vertraut aber und nach allen Seiten in die Landschaft hinaus grüßte die wohlgeformte Barockhaube des Kirchturms. Sie, mit dem massigen Türmersturm zusammen, stellte mit Selbstverständlichkeit das Herzbild der Heimat vor. Zu ihm griff der Blick dutzendmale am Tag hinüber, wenn wie am Rundlauf, die Unternehmungslust mit Leib und Seele  weithinaus den waldigen Horizont des Städtleins umschwand.

Diese Doppelmitte von Stadtkirche und Türmersturm, die Tauberbischofsheim von weitem schon das von den Runen der Geschichte würdevoll gezeichnete Gesicht  verleiht, ..."

 

Im Internet finden weitere Höhenangaben: "Der Türmersturm aus dem 13. und 15. Jahrhundert steht inmitten des Platzes. Der Turm mit seinen 28 m Höhe und 119 Stufen ist besteigbar." http://www.belocal.de/tauberbischofsheim/sehenswuerdigkeiten/schlosshof-kurmainzisches-schloss-mit-tuermersturm/159844 


 

Stupide abgewertet wird der Türmersturm bei Stupidedia: "Außer diesem unwichtigen Türmersturm, der inmitten des Stadtzentrums steht, gibt es in Tauberbischofsheim einfach nichts, aber auch garnichts zu sehen. Außer das Schlosscafe vielleicht."

 

http://www.stupidedia.org/stupi/Tauberbischofsheim

 

Nicht mehr die gleichwertige Büschemer Doppelspitze, nun auch nicht mehr das wichtigste Gebäude, sondern gar keine Wichtigkeit mehr für den alten Wachtturm. Wer versteht da nicht, dass der Dörnersduure sou a Gsiechd moacht? 


 

Zumal er sich einer ungewollten Liebschaft erwehren muss. Einer niederen, die ihn von seiner Höhe in die Tiefe hinab zwingen würde, wenn er diese erwidern würde: "D'r Türmersturm trinkt, un die Kröüt, die säuft aa, Sie dut sou verliebt, als wär sie sej Fraa." (Hannjörch Schollenhupser aka Franz Döhner, Dem Bischemer Stoadt-Roat! In: Der Schollenhupser, S. 160, Tauberbischofsheim 1988)


Eine Zeichnung um 1905, also noch vor dem Neubau der Stadtkirche und der Erhöhung des Kirchturmes, zeigt die Büschemer Doppelmitte von Türmersturm und Kirchturm. Die Zeichnung mit der alten Stadtkirche stellt allerdings den Kirchenturm höher als den Türmersturm dar. Wenn der Kirchenturm heute 69 Meter hoch ist, um 13 Meter erhöht wurde - eine andere Zahlenangabe nennt 18 Meter Erhöhung -, und diese Zahlen stimmen sollten, dann hat der alte Kirchenturm 56 Meter Höhe gestemmt. Bzw. die zweite Angabe nehmend 51 Meter. Die Zahlenangaben für den Türmersturm sind darunter. Entscheidender als die tatsächliche Höhe ist die Doppelmitte, das nahezu gleichwertige Erscheinungsbild von Kirchenturm und Türmersturm im Stadtbild - von nah und fern. Das durch die Erhöhung der Kirchenturmes gestört, ungleichgewichtig geworden ist. Sakral schlägt profan. Obwohl der neue Kirchenturm seine Größe nicht ausspielen kann. Die Glocken können nicht so schlagen, wie sie es von der Höhe her könnten. Dann gerät die Statik des Kirchenturmes ins Wanken. Er wurde ja schon mehrfach nachgebessert in der statischen Funktion.

 

Und unklar bleibt, welche wahre Höhe und Größe der Türmersturm hat. Wurde Büscheme nicht einmal in den 1960'ern zur unmeßbaren Rätselstadt? Oder so? Man sollte mal die Büschemer Landschieder mit ihren Meßruten zum Türmersturm senden, um die Höhenfrage endgültig zu klären. Dann kehrt der so mächtig aufgebaute Türmersturm vielleicht wieder zu seiner wahren Größe zurück. Eine erneute Erniedrigung erfuhr der Türmersturm 2015. Nicht er wird dank der Bürgerstiftung angestrahlt, sondern der Kirchturm. Nachts ist nun der Kirchturm der Turm in Büscheme, der nicht nicht gesehen werden kann.

 

Wie hoch ist eigentlich der st.martinliche Kirchturm? Es gibt Angaben mit 69 m und dass er vom alten romanischen Turm ausgehend um 13 Meter erhöht worden wäre. Auf einer Postbildkarte mit einigen historischen Angaben konnte man 18 Meter Erhöhung lesen. Der Betonplattenturm von St. Bonifatius bringt's auf 35,7 Meter Höhe.

 

Ein weiteres Büschemer Zahlenrätsel ist es die Zahl der Büschemer Türme aufzulisten. Die Türme der Büschemer Stadtbefestigung mit 20 oder 21 Türmen. Berberich wies auch gleich auf die unterschiedliche Zählweise hin: "Die ungleichmäßige Zählung von 20 oder 21 Türmen kommt daher, daß Einige den Wasserturm, weil er etwas kleiner war, nicht unter die eigentlichen Befestigungstürme rechnen." Julius Berberich, Geschichte der Stadt Tauberbischofsheim, S. 265. Friedrich Alfred Schmid Noerr kommt sogar auf 24 Wehrtürme. Der 1848er und Türmersturmretter Zugelder ging einschließlich Türmersturm von 20 Türmen aus, denn er rief bei der Verteidigung des Türmersturmes vor dessem Abriß: " Wir haben 20 Türme gehabt und jetzt noch den einzigen ..." Der Zürnersche Grundriss von 1790 trägt zudem erheblich zur Verwirrung bei. Man kann mindestens 22 Türme zählen?

 

 Mittelalterliches Stadtbild mit Mauern und Türmen

 

 

Der Türmersturm, die Türme der ehemaligen Wasserburg, werden nicht zu den Türmen der Stadtbefestigung gezählt. Der Wasserturm war der Auslaß des Mühlbaches in den Grabenbereich vor der südöstlichen Unterstadt, dem Bachviertel.


 

Noch schwieriger als die Rätsel wieviel Türme es in der Stadtmauer gab, ob sie geschlossen oder offen, ist es die Türme beim Namen zu nennen:


 


 

Centturm, Gefängnisturm, Turm beim unteren Tor

Turm beim oberen Tor

Wasserturm evtl auch Mühlturm (Badgasse, Auslaß Mühlbach)

Hexenturm, neuer Turm (Ende Klostergasse)

Schneckenturm (Ende Blumenstraße / Frauengasse)

Hungerturm (Rest noch vorhanden)

Bürgerturm auch Strafturm (Ende Bachgasse)



 

und als Solist:  Türmersturm 



Ein wesentlich kleines Rätsel ist, wieviele Stufen gibt es im Türmersturm. Zählen dabei die Außenstufen mit? Angaben gehen von 119 bis 123 Stufen.


 

Anhand von alten Ansichtskarten bin ich zum Bau der Eisenbahnlinie Tauberbischofsheim - Königheim um 1914 auf weitere Widersprüchlichkeiten zwischen dem Kirchturm, Martinskirche und Türmersturm eingegangen. Eine Ansichtskarte der Görres Buchhandlung, von der damals noch unbewaldeten oberen Hangseite des Höhberges aufgenommen, zeigt Überraschendes. Schwieriger ist das Alter der Aufnahme der Postkarte zu bestimmen. Ab 1908 gab es die Görres Buchhandlung. Die Ansichtskarte ist aber weit vorher fotografiert wurden. Das Gymnasium hat noch nicht die Turnhalle zur Zehntgasse zu. Die wurde 1903 erbaut. Es gibt noch keine Bahnlinie in Richtung Königheim. Das Kirchenschiff zeigt aber die Form der neuen St. Martinsstadtkirche. 1914 eingeweiht. Also einige Jahre vorher in Baubetrieb errichtet. Der Kirchturm ähnelt dem erhöhten. Es fehlt im aber die neue Höhe. Türmersturm und Kirchturm bilden also noch die fast gleichberechtigte Büschemer Doppelspitze. Ohne dass der Kirchturm den Türmersturm von der Höhe her eindeutig überragt. Diese alte Ansichtskarte hat also eine kleine Montage in sich, um den Kirchneubau hervorzuheben. Wenn auch die Maßstäblichkeit nicht gelungen ist. Viele Postkarten, Ansichtskarten auf Tauberbischofsheim wurde früher von der oberen Hangseite des Höhberges geschossen. Da noch baumfrei. Nur der Kopfwald ganz oben bestand schon seit längerer Zeit. Diese wunderbaren Stellen zum Fotografieren sind Büscheme verloren gegangen. Wunderschön der Blick auf den Rundbogen der Bahnbrücke, die weitläufige Kurve des Bahngleises zum Bahnhof hin, die weite Sicht ins breite Taubertal in Richtung Impfingen. Heute gelingt höchstens noch beim Bismarckturm ein fotografischer Schnappschuss auf das Stadtbild.

 

 

 


 

 

 

 


 

 

 

 


 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Statt dem Türmersturm wird der Kirchturm beleuchtet