Bahnhofstraße

Das Schaftor war das verkehrsmäßig unbedeutendere Tor der Vorstadt. Stand auf der Höhe der Abschlußmauer des Friedhofes um die Peterskapelle Richtung des Schafweges. Wer zum Sprait, Richtplatz, zur Lehmgrube, zum Bödemle, wollte nahm dieses Tor. Also nicht nur einwandfrei gekennzeichnete Schafe. Schäfer. Als die Moderne mit der Eisenbahn endlich auch Büscheme erreichte. Mit einem Bahnhof außerhalb des Stadtgefüges, verbreiterte man den bisherigen Weg Richtung des Schaftores, riß Häuser ab, riß den Überweg vom Gasthaus Sonne zum heutigen Gasthaus Ritter ab. Öffnete der Moderne in Büscheme also auch optisch einen Weg. Eine Straße. Wenn auch nur eine kurze. Bis zum Bahnhof. Was ja auch dem Namen nach die Funktion einer Bahnhofstraße ist. Wie in allen Kleinstädten mit Bahnhof, war das eine der Entwicklungsachsen einer Kleinstadt in wilhelminischen Zeiten. Die andere war die Entstehung einer zweiten unteren Vorstadt. Diesmal auf der anderen östlichen Tauberseite. Zusammen mit Schmiederstraße und später der Wellenbergstraße bildet die Bahnhofstraße ein neues Amtsviertel außerhalb der bisherigen und vormaligen Stadtmauern. Die Bahnhofstraße wurde von der Stadt mit der besten Hoffnung angelegt, dass sich hier neuer Verkehr entwickeln würde, eine neue vorzeigbare Straße entstand. Deshalb wurde auch das Schaftor, das dem neuen erwünschten Verkehr im Wege stand, beseitigt. Ebenso sollten Misthaufen verschwinden, die dem neuen Leitbild einer Prachtstraße nicht entsprachen. Heute ist die Bahnhofstraße durch die Verkehrsführung auf die Bahnschranke hin eher zweigeteilt. Die Hauptrichtung zielt auf die andere Seite ins Industriegebiet. Am ZOB endet die Bahnhofstraße eher unbedeutend. In direkter nördlicher Richtung blieb sie ohne besondere Fortsetzung.


Für uns als Kinder war weniger das Historische der Bahnhofstraße interessant. Sondern dass es hier ein Spielwarengeschäft gab. Ein Laden mit Modelleisenbahnangeboten. Der Spielwaren Hoffmann war so etwas wie unser Paradies. Da konnten wir die Märklin-Eisenbahn Schachteln anschauen. Mit den Loks, Waggons. Meistens mussten wir uns mit dem Kauf der günstigsten Waggons begnügen. Oft auch von Rocco. Bahnhofsgebäude, Häuser, Tankstellen wurden von Faller gekauft und zusammengeklebt. Meistens entstand auf der Platte, auf der die Eisenbahnlandschaft aufgebaut wurde, eine kleine idealisierte Kleinstadt, eher ein Bahnhof mit Dorf aufgrund der wenigen Gebäude. Die Verkäuferinnen beim Spielwaren Hoffmann waren allerdings nicht besonders geschult, mit uns jungem Einkaufspotenzial umzugehen. Die waren eher ungeduldig, erpicht uns möglichst schnell aus dem Laden hinaus zu bekommen. Wir dagegen wollten die Warenwelt voll auskosten, auch wenn wir nicht das nötige Kleingeld hatten. Und vor einem Kauf auch möglichst viel sehen, berühren. Leider führte Spielwaren-Hoffmann keine Wiking-Autos. Ein sehr großer Mangel. Die sahen wir meistens bei Spielwaren-Burger in Bad Mergentheim bei sonntäglichen Spazierfahrten. Da war der Laden allerdings verschlossen. Und wir konnten uns nur die Nasen an der Fensterscheibe platt drücken. Und keine Sehnsüchte erfüllen. Hier zeigte sich eine tendenzielle Abwanderung zum Einkauf in Würzburg ab. 


Auch die Büschemer Bahnhofskneipe hatte mit ihrem eher schäbigen Charme gewisse Reize. Hier trank man eine Halbe. Die Bahnhofskneipe war mit dem Kiosk verbunden. Da besorgte man sich gern eine Zeitung oder Die Zeit. In der Nähe war die Gaststätte Beutler / Härdtlein. Eher ein Kiosk mit größerem Schankraum. Auch hier lief man regelmäßig Samstag Nachmittags ein. Die Geschäfte waren ja bereits geschlossen. Und bevor sich kleinstädtische Langeweile breit macht, wurden besondere Orte aufgesucht.