Krieger Denk Mal

Büscheme hat einige Kriegerdenkmale. Ein Monument. Zu 1866. Ein Monstrum. Zu 1914/1918. Auf dem Tauberwall. Den Hochaltar der neuen St. Martins-Stadtkirche, 1917 eingeweiht. Wie? Was? Der Hochaltar ein Kriegerdenkmal? Woas? Lassen wir den damaligen Stadtpfarrer Wilhelm Epp zu Worte kommen, um das zu verstehen:

 

 

" Während Ihr draußen mit starker Hand den Feind abgewehrt, haben wir daheim dem obersten Kriegsherrn ein herrliches Kriegsdenkmal errichtet und es am hl. Pfingstfest eingeweiht. Es ist, wie dieses Bild Dir zeigt, der neue Hochaltar zu Ehren des hl. Hauptmanns und Bischofs Martinus." Der Altar als Kriegsdenkmal! Und weil das nicht martialistisch genug war, wurde an der Tauberbrücke noch das Kriegerdenkmal errichtet. In den frühen 1920er Jahren. Ein recht herber Brocken. Dieses Kriegerdenkmal. Verherrlichung statt Gedenken. Steinere Revanche. Diesem Denkmal fehlt das Denk mal! Denk mal nach für was du gut bist, für was du hier stehst! Ein Denkmal wie ein weitere Kriegsdrohung. Kriegsbedrohung. Die bald kam. Der martialistische Krieger blickt allerdings gen Norden. Als ob die Wertheimer der Erzfeind wären. Trotz eindeutiger Absichten also deplaziert. Falsch verstandenes Symbol.

 

Die Friedrichshöhe ist ein weiteres Kriegerdenkmal. Eine Schlachtensäule. In Erinnerung an die Völkerschlacht von Leipzig. Die Badener standen da allerdings noch auf der Verliererseite. Die Friedrichshöhe steht heute nicht mehr an dem Platz, den die Friedrichshöhe zu ihrem besonderen Höhenstandort machte. Man hatte dort einen wunderbaren Rundumblick ins Taubertal. Konnte viele Orte von da oben sehen. 

 

Das 1866er Monument gedenkt keiner getöteten Büschemer Soldaten, sondern den Württembergern, den aufgrund militärstrategischen Ungeschicks umsonst in den Tod getriebenen Soldaten. Eine Kleinstadt gedenkt ihrer Jugend ja erst besonders dann, wenn sie auf dem Felde der sogenannten Ehre dahingangen. Also meistens jämmerlich gestorben ist. Ansonsten gab eine Kleinstadt ihrer Jugend wenig Raum, wenig Freiraum. Vor lauter 1866er Herumfeierei vergaß man wohl den 1870/1871ern - wie sonst überall - ein Denkmal zu setzen. Das holte man nach 1920 für die 1914/1918 Getöteten nach. Mit entsprechender Grimmigkeit. Eindeutigkeit. Wenig Gedenken. Viel Rache. In der Stadtgeschichte von 1955 findet sich dazu die passende Erklärung auf Seite 452: "Zu Ehren der Gefallenen des ersten Weltkrieges hält die herkulische Gestalt des steinernen Kriegers als Symbol der unbesiegten Kraft unter dem hohen Baumdom in den Tauberanlagen treue Wacht." Der Büschemer Krieger Herkules! Aber auch die 1870-71er Gefallenen wurden hier nachholend geehrt. 

 

Auf dem Friedhof versammeln sich fast wie in eine Avenue die Gedenkkreuze für die 1866er, 1939-1945er. In der Sebastianskapelle sind für die 1939-1945 Gefallenen und Vermissten Gedenktafeln aufgestellt. Man kann leicht erkennen, wie rasant die Zahl der Gestorbenen sich gegen Ende des Krieges erhöhte: 1939 2 Tote, 1940 5 Tote, und dann starben sie fast exponentiell. Die Bischofsheimer Jugend, die Männer wurden immer schlechter ausgebildet an die Front geschickt, in längst verlorene Schlachten. Selbst vor dem Beginn des 2. Weltkrieges starb ein Bischofsheimer am 29.6.1939?

 

Im Gymnasium verkündet eine Gedenktafel zum ersten Weltkrieg an 38 gefallene Schüler und 2 gefallenen Lehrern: "Hohe Ehre ist es, tot zu sein, gefallen im Kampf um das Vaterland". Den 55 getöteten Schülern, 27 vermißten Schülern, 5 gefallenen Lehrkräften gedenkt man auf zwei Tafeln zum 2. Weltkrieg mit der Inschrift: "Und die Toten leben, Hell von aller Irdischkeit genesen, Aufgenommen in erhöhtes Wesen." Rabulistik und Verbrämungen eines altsprachlichen Gymnasiums? Durch dessen Leitung? Hans Strubel wird im April / Mai 1946 Direktor des Gymnasiums. Vorher war er Lehrer auf dem Wertheimer Gymnasium. Stieß vielfach mit seinen Bemerkungen über die NSDAP bei der NSDAP Wertheim negativ auf. Er war katholisch, Mitglied der Zentrumspartei. Sein Sohn war lange im Krieg vermißt. Wurde als tot erklärt. Von daher sind die Tafelndes Gymnasiums zum 2. Weltkrieg unter diesen Prämissen vielschichtiger zu hinterfragen. Ebenso gibt es eine Gedenktafel im Konvikt. Und auch der Bismarckturm hat eine. 

 

Auf dem Büchelberg gab es ein Kriegsgefangenenlager im 1. Weltkrieg. Betrachtet man den Gedenkstein für die russischen Toten, wird einem schnell klar, wie schlecht die gesundheitliche, medizinische Versorgung dieser Kriegsgefangenen gewesen sein muss. Dieses Lager war eine Tötungsmaschinerie! Ein Vernichtungslager! Kein Gedenken dafür vorhanden. Kein Bewußtsein. In Stein gemeißelte Vergessenheit.

 

Einer demokratischen Gesellschaft steht es an, an seine frühbürgerlichen Anfänge zu erinnern. Das gilt auch für eine Kleinstadt in demokratischen Zeitläuften. Eine Erinnerung an den Bauernkrieg findet in Büscheme nicht statt. Kein Denkmal erinnert an die geschlossene Entscheidung der Bischofsheimer für den Bauernkrieg. Kein Denkmal erinnert an die auf dem Marktplatz hingerichteten Bischofsheimern am Ende des Bauernkrieges. Den 1848/49ern wird ebenfalls nicht gedacht. Kein Denkmal erinnert an diese frühbürgergesellschaftlichen Büschemer. Zugelder bekam allerdings immerhin eine kleine Straße in der Oststadt. Und es gibt noch den Struwepfad. Mehr Randgeschichte als gedenkhaftes Bewußtsein oder genaue Erinnerung. Es gibt noch vieles nachzuholen in dieser Kleinstadt. Kein Denkmal erinnert an die Volkssturmmänner, die am 31. März 1945 beim amerikanischen Einmarsch trotz Aufberufung nicht antraten. Einem der wichtigsten Söhne dieser Kleinstadt, Johann "Hans" Brümmer, u. a. Vorstand der IG Metall, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus wird in Büscheme am wenigsten gedacht, keine Erinnerung, keine Gedenktafel, kein Bewußtsein. Kein Denkmal erinnert an diesen Sohn der Arbeiterbewegung. Nicht einmal die Gewerkschaft in Büscheme kennt ihn. Obwohl die roten Fahnen der IG Metall in der Büschemer Fußgängerzone munter wehen. Die Vergessenheit in einer Kleinstadt ist manchmal bleiern. Grausam. Man möchte dieser Kleinstadt zurufen: Denk Mal!

 

Der Volkstrauertag wird beim Kriegerdenkmal an der Tauberbrücke, dem eher monströsen, abgehalten. Man gedenkt also nur den toten deutschen Soldaten von 1870/71 und 1914/18. Ein halbiertes Gedenken. Ein mehr als halbiertes. Also. Auch hier heißt es: Denk Mal!




Nachtrag eingefügt 15.12.2016: Wie man hört, tut sich einiges in der Wieder-Erinnerung an Hans Brümmer in Tauberbischofsheim. Das macht einige meiner hart-kritischen Bemerkungen obsolet. Das freut einen sehr, wenn die Erinnerung an diesen Sohn der Stadt in Tauberbischofsheim wieder einsetzt. Johann (Hans) Brümmer gehört nun zu den bekannten Büschemern. Zu einem Büschemer, an den man sich erinnert.


Der Artikel in den Fränkischen Nachrichten vom 19.12.2016 ist auch im FNWeb zu finden unter:

http://www.fnweb.de/region/main-tauber/tauberbischofsheim-konigheim-werbach/ein-fast-vergessener-sohn-der-stadt-1.3086070

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

Ein halbiertes Gedenken: den jüdischen Büschemer wurde nicht "gedenkt"; die acht Toten vom 31.3.1945?

 

 

 

 

Erinnerungstafel an die Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft

 

 

 








































 

 

 

 





Im Juli / August 2016 erlebte das Monstrum einen nie erwartbaren Wandel, ein Come together einer anderen Art. Vom Monstrum zur Pokemon Monster Area! Scharenweise belagern Jugendliche den Rasenplatz vor dem Monstrum, die Sitzbänke bei den verbliebenen Kastanien: