Schüler- und Jugendhausbewegung

Die Tauberbischofsheimer Jugendbewegungen werden mit einigen ihrer Aktionen und Publikationen dokumentiert. Die Tauberbischofsheimer Jugendbewegungen sind Ausdruck für die politisierte Jugendbewegung der 1970er Jahre in einer katholisch-konservativ geprägten Kleinstadt, die für die soziokulturellen Außenseiter der kleinstädtischen Gesellschaft wenig Platz und Verständnis einräumte. Die Jugendbewegungen waren nachholende Versuche, die noch bestehenden geistigen Stadtmauern zu schleifen:


 

http://www.traumaland.de/html/tbb.html


 

 


 

 


 

 


 

Quelle Tauberfränkischer Landbote Nr. 3, Frühling 1979
 


 


 

 

Einige Gedanken über die Jugendsituation Tauberbischofsheim aus den Jahren 1975 - 1977


Vergleicht man Tauberbischofsheim mit anderen Kleinstädten ähnlicher Größe und Kategorie, so ist man leicht geneigt festzustellen, daß in Tauberbischofsheim weniger los ist - man könnte auch von nichts los sprechen - und daß auch die vielen Jahre vorher sich nicht sehr viel erwähnenswertes im Jugendleben zugetragen hat. Weder gibt es Nennenswertes, Spektakuläres, langfristig Anhaltendes und Nachwirkendes aus den Zeiten der Jugendrevolte anzuführen noch daß über eine längere Zeit eine in sich homogenere, auf ein Ziel fixierende Gruppe mit langem Atem versucht hätte, an der Tauberbischofsheimer Erfahrungslosigkeit von Neuem, langweiligen Ereignislosigkeit des still vor sich hinverlaufenden Alltages etwas Entscheidendes zu verändern.

So nimmt Tauberbischofsheim seinen kreisenden, wiederkehrenden, nahezu geschlossenen Lauf. Ein Ausbruch aus dieser Situation, ein dringend benötigter Aufbruch findet nicht statt. Die Abiturienten ziehen von dannen in die großen Städte und kehren gelegentlich zum Wochenende oder während der Semesterferien nach Tauberbischofsheim zurück, um aber möglichst bald wieder von der ganzen Leere Abstand zu nehmen. Das Potential der Abiturienten, Studierenden geht der Kleinstadt größtenteils schnell verloren. Neue Ideen, Konzepte, Aktivitäten können sie in den Tauberbischofsheimer Alltag nicht einbringen. Mit fortwährender Dauer des Studiums findet so eine Entfremdung aus dem Tauberbischofsheimer Leben statt. Eine Entfremdung, die der Kleinstadt mehr schadet, als den distanziert bleibenden Tauberbischofsheimer Studenten. Die leicht Neues in den großen Städten finden, sich dort einbringen und für die Kleinstadt für immer verloren gehen.

Tauberbischofsheim, provinzielle Kleinstadt, 12000 Einwohner, Behörden- und Schulstadt, SPD-Bürgermeister, CDU-Stadtratsmehrheit, politische Jugendgruppen Jusos und JU, ein kleiner Haufen der DGB-Jugend. Die organisierten politischen Gruppen sind bis auf diverse Zeitungsveröffentlichungen, zur Schau Stellungen nicht besonders aktiv. Politische Aktionen, Aktivitäten spielen bei den Tauberbischofsheimern im Alltag keine große Rolle, keine besondere Öffentlichkeit. Wenige Jugendlichen, die politisch angetörnt sind. Einzelbewußtsein, das nicht in fruchtbaren Handlungen, Aktivitäten sich manifestiert.

Freizeitsituation: 2 Discos, ein Cafe ist der Schülertreffpunkt. Ansonsten Kneipen alten Formats, die vor allem Erwachsene frequentieren, also kein Schutzraum für Jugendliche. Eine Besonderheit sind die zahlreichen Plattenpartys, auf denen sind also große jugendliche Volksmassen, im Alter von 14 bis 20 Jahren. Die Plattenparties finden entweder Freitags oder Samstags statt. Unterschiedliche Veranstalter. Ältere Junggebliebene haben hier eher einen schwierigen Zugang.

Die besondere Situation der Jugendlichen, Junggebliebenen ist die Individualität und die Herrschaft der Cliquen. Entweder sind Jugendliche Einzelgänger oder in Cliquen eingebunden, die andere ausgrenzen, auf sich bezogen sind. Das behindert die gemeinsame Aktion der Tauberbischofsheimer Jugend. Es läuft viel auf der menschlichen Seite ab, man spricht viel über seine eigene Situation, über sein Verhalten, Leben, über Veränderungen. Aber das führt bisher nicht zu Rahmenbedingungen, dass die Tauberbischofsheimer Jugend sich auf ein Ziel hin aktiviert, zusammenschließt, Forderungen aufstellt, als große Gruppe öffentlichkeitswirksam bildet.

Es gab vom Oktober 1975 bis Januar 1976 eine kurzlebige Jugendhaus-Initiative. Aktion Wecker. Diese Initiative war nicht aus einer Kontinuität einer etwas homogeneren Gruppe entstanden, sondern war ein zusammen gewürfelter Haufen von diversen Leuten, die mit der gesamten JZ-Thematik nicht besonders vertraut war. So stürzte man sich sehr schnell in technische Sachen (Vereinssatzung), ohne dass sich die Leute selbst etwas näher gekommen wären oder dass überhaupt mal eine inhaltliche Diskussion zustande gekommen wäre. Es gab so kleine Jugendfraktiönchen. Mit dem Bürgermeister wurde auch ein Gespräch geführt, auch die Gemeinderäte gaben sich offiziell geneigt. Ein Hauptzielpunkt war die Veranstaltung einer Rockfete, um eine breitere Basis zu mobilisieren. Mit der hoffte man einen Durchbruch zu schaffen, doch die Fete wurde ein Einbruch. Sie fand zwar statt, aber ohne Perspektive, da es nicht gelang weitere Jugendlichen für die Aktion zu interessieren und als dann im Januar ein Verein gegründet werden sollte, war man personell dazu nicht mehr in der Lage. Die Jugendlichen verschwanden wieder in den Ritzen der Kleinstadtwelt und waren nicht mehr sichtbar, greifbar für gemeinsame Aktionen.

Im September 1976 gab es für kurze Zeit ein Aufflackern der Jugendhausgedankens. Das alte Gymnasium sollte für einen Straßenbau in Richtung Dittigheim abgerissen werden. Da kam der alternative Gedanken, hier Räume für Jugendliche zu schaffen. Eine Anzahl von Jugendlichen meldete sich mit einem Leserbrief zu Wort. Es geisterte auch der Gedanken an eine spektakuläre Besetzungsfete herum, um die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Dazu kam es aber nicht.


 

Auffällig bei den Büschemer Jugendhausinitiativen ist die zeitliche Diskontinuität der Bewegungen. Die Aktivisten konnten immer nur für kurze Zeiten die Jugendhausbewegung in Gang bringen. Es gab immer wieder Pausen, in denen sich nichts tat. Dazu trug das kleinstädtische Sommerleben bei, in denen die Jugendliche die Freiräume nutzen konnten. Der kalte Winter dagegen ist Jugendhauszeit. Jugendhausbewegungszeit.


 

Die Tauberbischofsheimer Jugendhausbewegungen wurden auch zum Beispiel für David Templin in Freizeit ohne Kontrollen. Die Jugendzentrumsbewegung in der Bundesrepublik der 1970 Jahre, Göttingen 2015. Band 52 der Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Herausgegeben von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.


 

"Die zeitliche Kluft zwischen Zerfall und Neugründung, vielfach verbunden mit dem Wegzug älterer und der Politisierung jüngerer Aktivist/innen, bedeutete oftmals eine Zäsur für die lokale Bewegung, die mit dem Abbruch politischer Kontinuität verbunden war. In Tauberbischofsheim im Norden Baden-Württembergs war schon nach einem Zeitraum von zwei Jahren die Weitergabe von Erfahrungen weitgehend unterbrochen: 'Im März 1978 brachten wir endlich wieder eine JZ-Aktion in Bewegung. [...] Von der Aktion Wecker [von 1975/76], Anm. Templin] waren nur noch wenige Leute übrig geblieben, die auch diesmal wieder mitarbeiteten, und so konnten wir auf fast keine JZ-Erfahrungen zurückgreifen':" (S. 380)