Wiesenbewässerung ab 1866

1866 brachte für das provinzialisierte Tauberbischofsheim einige Errungenschaften der Moderne. Die Eisenbahn. Die Kanalisierung der Tauber. Die Schlacht an der Tauberbrücke zwischen Preußen und Baden / Württemberg. Die zeigte vor allem die chaotische Kriegsführung der Obertanen. Umso prächtiger hinterher die martialischen Denkmale für Gefallene unsinniger Strategien. 1866 bestaunten die Tauberbischofsheimer die Geradliniegkeit der Tauberbegradigung. Die Steilheit der Böschungen. Die abrutschen. Beim ersten größeren Regenanfall. Die die Naivität der Modernisierung zeigten. Die Wiesenbesitzter merkten bald, dass der Begradigung der Tauber eine Austrocknung ihrer Wiesen und der Obstbäume folgte. Eine Wiesengenossenschaft nahm die Bewässerung der Obstbaumwiesen in Angriff. Zunächst zwischen Tauberbischofsheim und Impfingen, dann zwischen Dittigheim und Tauberbischofsheim. Noch sind Gräben, Doppelgräben und Schleusen erkennbar. Allerdings. Wo früher Genossenschaft war, die bis heute nicht genutzte Apfelernte versteigert, ist nun ein Schild zu finden, das auf Privateigentum hinweist und Durchfahren nicht erlaubt.     

  

Ein schönstes Gedichtle auf die Nutzung der bewässerten Tauberwiesen hat Hugo Pahl in Bischemer Böse Buwe veröffentlicht. Die Bewässerungsanlage brachte neben den heute noch vorhandenen Artefakten wie Schleusen, Brücken sogar einen Überbrückungskanal des Brehmbaches. Des alten Verlaufes des Brehmbaches. In den bewässerten Gräben tummelten sich Aale. Neben den Wasserzubringern gab es oft um die Obstwiesen herum Gräben, die Wasser vom genossenschaftlichen Kanal abzwackten. Heute sind diese Doppelgräben fast überall zugeschüttet, verschwunden. Die Wiesengenossenschaft gibt es auf dem Papier noch heute. Hauptfunktion ist die Versteigerung von Obstbäumen, die die Besitzer selbst nicht mehr abernten. Die Trinkkultur des Mostes ist leider niedergegangen, insofern ist der Bedarf an Mostobst gesunken. Die Apfelbäume, Birnbäume werden immer weniger gepflegt, nicht mehr gesäubert, nicht mehr verjüngt. Keiner hat mehr Ziegen, die das Gras der Wiesen bedürfen. Da stört es kaum noch einen, dass die Wiesen trockner werden.

 

Wenig trocken geht es im Gedicht von Hugo Pahl zu. Das schon allein im Titel ein früher in Bischeme gebräuchiges Schimpfwort "Deihenker" aufweist, das heute kaum noch einer kennt. Wunderschön die lokale Sprachstimmung, die Modulation der Beschimpfungen, die direkte Bedrohung durch Körperstrafe, die Steigerungsfähigkeit der Artikulation, die Wiedergabe früherer Wiesen-Alltäglichkeit. Man fühlt sich fast selbst vom Feldschütz, dem Wiesenherrgöttle, verfolgt:

 

 

Sou änn Deihenker!

 

Lausbuu!

Bleibst merr aus dr Wiesen haus!

Woas? Dreckspatz!,

Leckst a no die Zunge raus?

Wart!

Diech Vreckling wärd i krieche.

 

Dr Fääldschütz rennt mit Riesesätze,

Unns Fritzle muß verdeufelt schnell um sej bißle Lääwe wetze ...

Verdoammt, o jeh! Doo kummt änn Groawe,

Moch's Testament, Fritzle,

Jetzt wärd'r die gleich hoawe ....

Ja, host'r gedoocht ...

Sou änn Schlingel! ...

Knapp devor schlejcht dr Fritz,

wi dr Blitz sou fix,

änn scharfe Hoake

unn lösst dr Fääldschütz,

mir nix, dir nix,

in de volle Wässergroawe joache. ... 

 

 

 

Früher verlief ein gerader Graben, von Dittigheim kommend, in Richtung der Böschung des Kriegerdenkmals. Der Bewässerungsgraben war in die Böschung hineingegraben worden. Er überquerte sogar den alten Brehmbach, der noch vor der Tauberbrücke in die Tauber mündete. Baumaßnahmen wie der Schwimmbadbau, der Bau der Umgehungsstraße, Stadionbau, die Verlegung der Brehmbachmündung an die Umgehungsbrücke beendeten das Wirken des Bewässerungssystems. Das mündete nun in den neuen Brehmbach. Die Linienführung ab der Umgehungsstraße bis zum Graben neben dem Badenwerk wurde zugeschüttet.

 

Der Bewässerungsgraben nach der Tauberbrücke war ebenfalls in die Böschung hineinversenkt. Ein sehr seltenes Foto von Friedrich Oeppling zeigt auf Seite 43 im Gedichtli-Band von Eberhard Bärthel "Wasst no?" diese heute von allein kaum noch verständliche Führung des Grabens. Der dann unterhalb des Wörthplatzes verlief, und erst wieder auf Höhe des Badenwerkes an die Oberfläche trat. Auch im Fotoband von Josef Heer "Liebes Heimatstädtchen Tauberbischofsheim" ist auf Seite 144 der Bewässerungskanal an der Böschung des Wörthplatzes zu sehen. Allerdings wegen des des Hochwassers, das fast an den Graben heranreicht, kaum identifizierbar. Tauberbischofsheim hatte eine sehr komplexe Führung von mehreren Gewässern wie der Tauber, des Brehmbaches, des Graben der Wiesenbewässerung und des Mühlbaches zu leisten. Und dazu per Wall die Unterstadt vor Hochwasser zu schützen. Dazu mußte der tief liegende Mühlbach noch in der Tauber entwässert werden. Der Bewässerungsgraben überquerte also auch noch den Mühlbach.


Hinter dem Badenwerk-Gelände gab es eine Wiederholung des Wiesenbewässerungsüberbrückungsbauwerkes, wie es eines über den Brehmbach gab. Zwischen Badenwerk-Gelände und dem alten Schlachthaus zog geradlinig der Mühlkanal seinen Weg, um weiter unten in die Tauber zu fließen. Der Graben der Wiesenbewässerung dagegen bog hier rechtwinklig ab und überbrückte den Mühlkanal mit einer metallischen Wandung, die mit Querstreben versteift wurde. Auch hier turnten wir herum. Allerdings hatte diese Überbrückung nicht ganz das Ausmaß die der über den Brehmbach. Der Mühlkanal wurde zudem kanalisiert. Die Überbrückung verschwand. Kaum noch einer kann sich an sie noch erinnern. Fotos davon sind unbekannt.


 

Handskizzen der Wiesenbewässungsanlage in Richtung Impfingen und aus Dittigheim siehe weiter unten. Sowie ein Lageplan der Überbrückung des Mühlkanals beim Badenwerk und eine Handskizze der Überbrückung des Brehmbaches.


 


 


 



 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 




Wiesenbewässerung Dittigheim - Unteres Taubenhaus


 
 


 


 


 


 


 


 

 

 


Am 15.08.2015 erschien in den Fränkischen Nachrichten ein Artikel von U. Bader zur Tauberwiesenbewässerungsgenossenschaft Dittigheim - Tauberbischofsheim - Impfingen. Die TWG wurde am 7.September 1893 von den Wiesenbesitzern in diesem Bereich, vornehmlich auf den Gemarkungen Dittigheim und Tauberbischofsheim gegründet. Ein Wiesenwart sorgte für die Einhaltung der Nutzungsregeln, die durchaus restriktiv waren. Das Dittigheimer Wehr war damals im Besitz der Tauberwiesenbewässerungsgenossenschaft. Neben der Pflege der Gräben, Schleusen, Wiesen kümmerte sich die Genossenschaft um die Streuobsthochbaumanpflanzungen.





Handskizzen des Wiesenbewässerungssystems



Handskizze Wiesenbewässungssystem ab Tauberbrücke tauberabwärts um 1930

 

Handskizze Rekonstruktion Wiesenbewässungssystem bis zum Mühlkanaleinzweig in die Tauber um 1930


Wiesenbewässerung Taubenhaus mit Freibad um 1930
Überbrückung des Brehmbaches durch den Wiesenbewässerungskanal, früherer Verlauf Brehmbach und unterer Taubenhausweg; Verdohlung des Wiesenbewässerungskanals Richtung Wörtplatz


Überbrückung Mühlkanal durch einen Wiesenbewässerungskanal hinter dem Badenwerk



Die Handskizzen zu einem Teil des Wiesenbewässerungssystem zeigen, wie komplex die Anlage der Bewässerungskanäle war. Es mußten vier Überbrückungsbauwerke aus Metall errichtet werden. Mit denen nahezu sensationell ein Wasserlauf einen anderen Wasserlauf überbrückte. Sehr seltener Anblick. Beim früheren Freibad, bei der Brembachüberbrückung, eine Überbrückung des Mühlkanals beim Badenwerk, eine Überbrückung des Mühlkanals beim Einzweig des Mühlkanals in die Tauber. Viele kleinere Wegbrücken und Schleusen mußten unterhalten werden. Die Wiesenbewässerungskanäle wurden auf beiden Wiesenbereiche der Tauber, links und rechts dieser, geführt. Sie endeten jeweils an der Gemarkungsgrenze zu Impfingen. Und mündeten dort zurück in die Tauber. Es wird anhand der Skizzen auch klarer, warum der Mühlbach auch immer Mühlkanal genannt wird. Innerhalb Büschemes schlängelt er sich, nach dem Austritt aus dem Stadtgebiet nimmt er ganz offen den Charakter eines Kanals mit Geradlinigkeit, gleichmäßigen Böschungen ein. Bis zur Einmündung des Mühlkanals in die Tauber ist das Wiesenbewässerungssystem inzwischen fast vollständig verschwunden. Auch der Mühlkanal ist unter die Erde verlegt. Jetzt machen sich dort Schulen und Turnhallen breit. Das ehemalige System ist so nicht mehr offen nachvollziehbar. Erst nach der Nordbrücke zeigt sich noch die Anlage der Wiesenbewässerungskanäle. Rechts der Tauber ist das Bewässerungssystem inzwischen auch kaum noch sichtbar. Die Brückensteine beim ehemaligen Kiosk Giller wurden nun funktionslos einfach in die Wiese gesetzt. Die Unbegradigung der Tauber ließ weitere Kanäle verschwinden. Ebenso nichtete die Nachbebauung des Tauberuferbereiches in Richtung Umgehungsbrücke vorhandene Reste des Bewässerungskanals, ebenso die Bautätigkeiten des sogenannten Hochwasserschutzes um die Umgehungsbrücke in Richtung Dittigheim.





Wiesenbewässerungssystem Impfinger Grund / Schlachtgrund


Nur noch ganz wenig Reste sind vom Wiesenbewässerungssystem rechts der Tauber zu entdecken. Einige davon in den letzten Jahren verschwunden, versetzt worden. So die Brücke über den Bewässerungsgraben gegenüber der Gaststätte Taubertal, beim früheren Standort des ehemaligen Kiosk Gillers. Die Brückensteine (Schleuse) wurden mit der Modernisierung des Bereichs um die Tauberbrücker - Mergentheimer Straße ihrer Funktion beraubt und recht ortlos in die Tauberwiesen verpflanzt. Die Gräben entlang des Tauberdammes wurden immer mehr verkleinert, zugeschüttet, da ohne die Bewässerungsfunktion ohne echte Aufgabe. So verschwinden nach und nach, nahezu still und heimlich, Zeugen der Geschichte. Vergessen macht sich breit. Zeugen einer kollektiven Geschichte. Die Geschichte der Wiesenbewässerung ist auch eine Geschichte einer genossenschaftlichen Gemeinschaftsaufgabe. Ist auch eine Geschichte, wie die naive Modernisierung Folgen auf Generationen von Büschemer abwarf. Aufgrund der naiven Begradigung der Tauber vertrockneten die Streuobstwiesen, schnitten sie vom Wasserpegel ab. Erst mit dem System der Wiesenbewässerung erhielten Wiesen und Obstbäume wieder reichlich Wasserzufuhr.



 

 







Ein weiteres Wiesenbewässerungssystem, wenn auch wesentlich kleiner, gab es entlang des Rinderbaches, unterhalb des Stammberghanges.