Meine kleine Stadt - Büscheme

 

Büscheme. Meine kleine Stadt. Mein Geburtsort. Mein Kindheitsort. Meine Jugendflucht. Die engen krummen Gassen. Windschiefe graue Häuschen. Der stolze übergroße Marktplatz. Die allzu gerade gezogene Tauber. Ein Kanal. Der steile Höhberg. Der hohe Türmersturm. Die Büschemer Sproach. Mit ihren oft derben Sprüchen. Das weite Tal. Die aufgetürmten Steinriegel. Die vielen Hügel. Die sanften Klingen. Die abgerissenen Häuserzeilen. Die niedergelegten Stadtmauern. Bauliche Modernisierung statt kultureller Moderne. 

 

Meine kleine Stadt war für mich auch immer das Vorbild für andere Städte. Da wo ich ähnliche Verdichtung suchte, fand. Plätze, enge Gasse, verwinkelte Räume, krumme, schiefe Häuschen. So stellte ich mir Heimat vor. Wenn auch immer viel größer, als das was ich in Büscheme vorfand. Nicht höher, sondern viel mehr von dem schon Gekannten, Vertrauten. Mehr Stadtviertel vom Vorhandenen. Aber mit Raum zu Unbekannten, Neuem. Die Utopie von Mehr, von Neuem speiste sich aus dem Alten. Wenn sie auch nicht mit diesem identisch war.

 

Wie oft bin ich in die kleine Stadt gelaufen. Durch die Kleinstadt. Auf der Suche nach Etwas. Auf der Suche nach Mehr. Meistens befand ich mich bei dieser Suche schnell außerhalb. Zu kurz waren die Gassen. Zu wenig bot die Kleinstadt dem Suchenden an Halt. Zu wenig zum Bleiben. Zu gering war die Substanz. Die ich hier vorfand. Ich wollte Mehr, Anderes, Neues. Das es hier nicht gab. Das führte zur Abwendung. Zu Ablehnung. Auflehnung. Widerstand. Dennoch habe ich in mir ein Bild von Büscheme als Heimat gehabt, von dem die meisten Büschemer überhaupt keine Vorstellung hatten. Ich wollte aber kein Zuviel von engster Heimat, das viel zuwenig hatte, zu wenig ermöglichte. Freiraum wurde woanders geboten. In Büscheme waren die Räume klein. Zu eng. Und besetzt.

 

Freiraum gab es mehr außerhalb der kleinen Stadt. In den dazu gehörigen Fluren. Auf leicht gewellten Gewannen. Steilen Hängen. Geheimnisvollen verlassenen Orten früherer Bebauung. Versteckte Orte, die keiner mehr nutzte. Kleine Hütten. Trockenmauern. Interessante Stellen bei den Stoarasseln. Geheimnisvolle Sagen. Überwucherte ehemalige Warttürme. Abgebrochene. Planvoll angelegte Wiesenbewässerungsgräben. Inzwischen ungenutzte. Da war Wunschland. Traumland. Flächen zum Tag-Träumen. Weiter weg der Zauber der Tauber. Richtung Impfingen. Verwitterte Bildstöcke, Sühnekreuze. Die kleine, vergangene Geschichten erzählten. Die die Landschaft mehr als nur reine Bearbeitungslandschaft erschienen ließen. Sie fast magisch aufluden. Immer wollte ich auch an die Grenzen gehen, Grenzen ablaufen, Niemandsländer finden, die keinem gehören, die Übungsplätze für das Überschreiten des Vorhandenen waren. Die Büschemer Gemarkung bot dem Suchenden mehr als die enge, eng geschnürte, eingeschnürte Innenstadt. Überall fand man Spuren von Vergangenem, das keiner mehr brauchte, das aber Botschaft gab von Etwas, aus dem Mehr entstehen kann. Meine kleine Stadt - Büscheme, bot mir mehr Vergangenes als Gegenwärtiges, Zukünftiges. So war es schwierig, darin ein Platz zu finden. Zu bekommen.

 

 

 

 

 

 

Meine kleine Stadt - Seine kleine Stadt

 

Ein Versuch. Wie sehe ich - den Blick Hermann Hesse auf Calw aufnehmend - Tauberbischofsheim? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen Hesses Gerbersau und Wilhelm Weigands Frankenthaler mit Büscheme? Eine schwäbisch-fränkische Kleinstadterörterung.

 
Meine kleine Stadt - seine kleine Stadt. Kleinstadt - Kleinstadt. Tauberbischofsheim - Calw. Frankenthal - Gerbersau. Ich und Hermann Hesse. Wilhelm Weigand - Hermann Hesse. Mein Blick - Sein Blick. Meine Erinnerung - Seine Erinnerung. Kleinstädte stehen hier also im Blick. In unterschiedlichen Blickperspektiven. Wie sah Hermann Hesse seine Geburtskleinstadt Calw. Wie sehe ich den Blick Hesses auf C
alw aufnehmend Tauberbischofsheim? Was gleicht sich? Was unterscheidet sich?

 

Was hat Hesse mit Büscheme zu tun? Er war nie in Tauberbischofsheim. Nie persönlich. Seine Bücher schon. Es handelt sich also um poetisches Wunschzusammenbringen von Kleinstadterfahrungen: seiner um Calw, Gerbersau, einiger von Wilhelm Weigand mit Frankenthal, für eine tauberfränkische Kleinstadt um 1890 herum und meine Sichten auf Tauberbischofsheim, meine Erlebnisse mit der büschemer Erwachsenenwelt, mit Büscheme als kindlichem und jugendlichem Aktionsraum. Dort gab es ein Zuviel an Pietismus, hier für mich ein Zuviel an Katholizismus, zu viel katholisches Blattgold über nacktem Elend, zuviel Schein, wenig Sein. Im Pietismus muss der kindliche Wille gebrochen werden, damit dem göttlichen Willen Platz geschafft werden kann. Im Büschemer Katholizismus herrschte eine strenge deterministische Lehre. Alles war vorbestimmt. Ein strafender Gott hat alles vorgedacht. Man war nicht Subjekt, sondern ein an Bendeln hängender Hampelmann, der Vorbestimmtes befehlsgemäß ausübte. Da war zuwenig Platz für individuelle Entwicklung, für persönliche Individuation. Hesse war in eine elterliche Ordnungswelt der Sauberkeit, einer braven vorgegebenen Welt eingezwängt. Das führte zur Auflehnung, zum Blicken und Sehnen nach anderen Welten. Hesse hatte allerdings im Gegensatz zu mir in seiner Familie einen großen Geistesschatz in der Bibliothek des Großvaters, die ihm Flucht und Entkommen bat, ihm alternative Lebensformen zeigten. So eine Bibliothek fehlte mir, nach so einer reichlich gefüllten Bibliothek suchte ich, nach Wissen, nach anderen Stimmen, Bildern, Geisteshaltungen. Für Hesse war Calw Heimat, für mich war Büscheme auch ein kräftiges Stück Heimat-Losigkeit. Heimat-Los. Ich suchte ein Los-Kommen von der Heimat, aber auch ein Heimat Los beweg dich endlich. Eine Auseinandersetzung mit Heimat, die Hesse so nicht führte, da er auf die Kleinstadt als Heimat zurückblickt, als poetischer Ort. Ich blicke durchaus auch nach vorne. Mein Verhältnis zur Kleinstadt als Herkunft und Hinkunft ist etwas kompliziert-dialektischer angelegt als das Hesses zu Calw.

Hesse hatte in Calw Kindheit und Jugendzeit, Weigand hatte seine Kindheit in Gissigheim, Jugendzeit und höhere Schulzeit in Wertheim. In Büscheme war er wohl nur Hauslehrer. Er sammelte aber früh allesmögliche an der Tauberfränkischen Geschichte. Er war ein guter Alltagsbeobachter. Für ihn war die Kleinstadt im Gegensatz zu Hesse keine Heimat des Bubenglücks.

Hesses Weg in der Kleinstadt war der einer persönlichen individuellen Individuation, der Weg zum Dichter werden; meiner war der der Schaffung jugendkultureller Teilgegenöffentlichkeit im Büschemer Leben, zu zeigen das es auch ein Leben außerhalb des festen, oft restaurativen Büschemer Establishments gibt, dass die Büschemer Gesellschafts- und Vereinswelt nicht alle Bedürfnisse abdeckt. Also Jugendhausinitiativen, Alternativzeitung, Widerstand gegen die Daimler-Benz Teststrecke, Traum-a-Land.

Hermann Hesse hat keine besonders analytisch ausgeprägte Sicht auf Calw / Gerbersau. Er verbleibt mehr deskriptiv, wenn auch hier sehr ausführlich, ausholend. Sehr genaue Beobachtung. Sehr exakte Wiedergabe. Er hat keine siedlungsgenetische Herangehensweise an seine Kleinstadt. Calw / Gerbersau ist für ihn vor allem ein poetischer Ort, poetische Heimat. Vielfache Versuche der Erinnerungskultur an seine Kindheit und Jugendzeit. Für Hesse war jede wieder aufgetauchte Erinnerung an ein Kindheitserlebnis bedeutungsvoller als sechs ausgegrabene Römerlager. Für mich ist ein wiederaufgetauchter Büschmer Spruch wie "Der is mr vergroade" bedeutender als das Herumgebuddel an einem Keltenlager. Büscheme liegt ja vor dem Limes. Aus römischer Sicht gesehen außerhalb.  Es gilt ja auch noch die wiederaufgetauchten Erinnerungen, Geschichten, Geschichtchen poetisch zu sichern, mit allen wichtigen und weniger wichtigen, aber oft schönen Einzelheiten niederzuschreiben. Hesse hat jung angefangen, seine Kleinstadtgeschichten niederzulegen, festzuhalten. Immer wieder. In allen seinen Lebensabschnitten. In seinen ersten Romanen. Erzählungen. Selbst in Hauptwerken wie Demian, Steppenwolf, Glasperlenspiel. Immer wieder findet sich die Kleinstadt beschrieben darin. Personen, Orte, Stellen, Plätze, Kleinräume, Winkel, verborgene Nebengebäude, Innenhöfe der Kleinstadt. Oft leicht verfremdet, aber immer wieder erkennbar. An tatsächlichen Personen festmachbar. Wenn auch immer mehr als nur realistische Wiedergabe. Poetische Kleinstadtliteratur. Seine Romane sind auch immer Kleinstadtromane. Der Reichtum seiner Bücher speist sich aus kleinstädtischem Fundus. Weltbücher sind also auch Regionalromane, Kleinstadtromane. Wenn auch weit mehr als blanke Heimat- und Lokalliteratur. "Calw ist für Hesse nicht nur ein geographischer, sondern ein geistiger Ort, er bezeichnet Herkunft und Rückkehr. Calw ist für ihn das, was Dublin für Joyce, Illiers für Proust war." (Siegfried Unseld auf dem Buchumschlag zu Kurt Ziegler, Calw, 1963) Man darf hier dem großbürgerlichen großstädtischen Verleger von Weltliteratur getrost ergänzen, verdeutlichen. Hesse faszinierte die Alltäglichkeit Calws, Gerbersau, da er aus einer fremdenden Sphäre des pietistisch Missionarischen stammte, die fast reinlich getrennt von Calw war: "Es war die kleine Stadt, das Stückchen profaner Welt mit Wandel und Handel, mit Hunden und Kindern, mit Gerüchen nach Kaufläden und Handwerkern, mit bärtigen Bürgern und dicken Frauen hinter den Ladentüren, spielenden und johlenden Kindern, spöttisch blickenden Mädchen." (Hermann Hesse, Glasperlenspiel)

1901 unternahm Hermann Hesse einen Versuch, kleine Calwer Erzählungen im Calwer Tagebuch zusammenzufassen. Einzelne Erzählungen in einen poetischen Zusammenhang zu bringen. Der Versuch blieb unabgeschlossen. Die Erzählungen wurden, wenn auch in anderer Version, mit anderen Titeln zunächst einzeln publiziert. Aber im Calwer Tagebuch gibt Hesse Rechenschaft über seine Art der Kleinstadtsicht. Wie er selbst seine Kleinstadtbetrachtungen einschätzt. Selbstkritisch sieht er seine historische Sicht auf Calw: "Was ich von seiner Geschichte weiß, ist mager und bietet keinen hinreichenden Stoff zu bürgerstolzen Lobpreisungen. ... Was ich Rühmliches und Herzliches von unsrem Städtchen zu sagen habe, das gehört alles in den Kreis meiner Knabenerinnerungen ...." (Hermann Hesse, Calwer Tagebuch, in: Herbert Schnierle-Lutz, Hermann Hesse in Calw, S. 116). Also keine umfassende geschichtliche Kenntnisse der Calwer Chronik. Keine intensivere Beschäftigung mit der Geschichte. Die Sicht des Schriftsteller ist die Sicht auf Calw aus seinen Knabenerinnerungen heraus. Ebensowenig findet bei ihm Heimattümlerei statt: "die Landschaft ist einfach und die Stadt selbst hat keine Sehenswürdigkeiten. Die schönen alten Bürgerhäuser kann man an den Fingern einer Hand abzählen, das Rathaus ist alt und hübsch, doch ohne starke Eigenart und nur die alte steinerne Nagoldbrücke mit der gotischen Brückenkapelle erinnert daran, daß das bescheidene fleißige Nest mehr als nur zwei Jahrhunderte alt ist." (Hermann Hesse, Calwer Tagebuch, in: Herbert Schnierle-Lutz, Hermann Hesse in Calw, S. 116) Er überhebt nicht die Kleinstadt seiner Kindheit, stellt sie nicht als Einzigartig dar, als Ansammlung des Wundervollen, wie es sonst in der Heimatliteratur stattfindet. Die Kleinstadt Calw ist das Ensemble, das volle Reservoir, das Hesse das autobiographische Wieder-Erleben und Arbeiten als Dichter und Schriftsteller ermöglicht. Seine Poetik, seine Prosa durchwebt bis ans Feinste, Kleinste. "Die innere, lebenslange Gebundenheit an das Landstädtchen an der Nagold prägte bis in Details das Prosawerk Hesses. Wobei es weit mehr die topographischen, städtebaulichen, atmosphärischen und individualpersonellen Besonderheiten waren und die damit verbundenen Gefühle, die literarischen Niederschlag fanden, als die häufig genug ernüchternd empfundene Realität Bevölkerung." (Sebastian Giebenrath, Siddhartha aus Gerbersau, S. 12)

Calw wird durch die vielen kleinen und kleinsten Erzählungen und Erinnerungen Hesses ausgezeichnet. Wenn er es auch oft Gerbersau nennt. Nach einem Berufsbild, dass in Calw stark ansässig war, wichtige Bedeutung im Ortsleben hatte: die Gerber. Deren Häuser, deren Wohngebiet, Wohn- und Arbeitsstrasse, Bearbeitungsräume und -flächen. Auch gibt es zu Calw - Gerbersau - Hermann Hesse eine selten anzufindende Menge von Sekundärliteratur, wichtige Spurensuche auf Hermann Hesses Gängen durch die kleine Stadt, durch die Gassen, im Kontakt mit Ortsbewohnern. Viele lokale Orte, Gebäude, Plätze, Personen lassen sich so identifizieren, nachvollziehen. Mit den vielen Büchern von Herbert Schnierle-Lutz lassen sich Rundgänge durch die Kleinstadt machen, die Spuren Hermann Hesses aufsuchen. Oder mit den Werken von Siegfried Greiner zu Hermann Hesses Jugend in Calw anhand von Textdokumenten und Ortsbegehungen sowie vielen alten Kleinstadtbildern. Oder im Briefwechsel von Hermann Hesse mit Calwer Einwohnern. Mit dem Schwarzweißfotos-Band Calw von Kurt Ziegler 1963. Oder mit dem wunderschönen Bildband von Friedrich Beck "Seine kleine Stadt - Calw und Hermann Hesse". Ausgezeichnete Farbfotos aus den 1960/1970er Jahren, die Calw oft aus der Hinterwinkelperspektive zeigen, vor den städtebaulichen Modernisierungen ab den 1980er Jahren, die massiv ins Stadtbild Hesses eingriffen. Immer wieder wird das Thema Hermann Hesse und Calw neu angegangen, neue Blickweisen eröffnet, erarbeitet. Ein selten reicher Fundus, den uns diese Kleinstadt bietet. Etwas, was andere Kleinstädte kaum haben, hatten. Auch zeichnet Calw aus, dass immer wieder heimische, ansässige Autoren das Thema Calw - Gerbersau - Hermann Hesse bearbeiten. Und trotz allem lokalem Stoff nicht im Lokalen stecken bleiben. Nicht darin versinken. Nicht festsitzen. Heimatliteratur bekommt hier ein ganz neue Bedeutung und Qualität.

1977 erschienen die Gesammelten Erzählungen von Hermann Hesse in vier Taschenbüchern. Die kleinen, kurzen Erzählungen wie Der Hausierer, Erlebnis in der Knabenzeit, In der alten Sonne, Karl Eugen Eiselein, Die Marmorsäge, Garibaldi, Schön ist die Jugend und viele weitere faszinierten mich mit ihrem ländlichen, kleinstädtischen Background. Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich sehr intensiv mit den Strukturen der heutigen Kleinstadt, mit Provinzorten, mit deren inneren Verhältnissen und Machtstrukturen. Ebenso mit der historisch-gesellschaftlichen Provinzialisierung des ländlichen Raumes, der Kleinstädte, des tauberfränkischen Raumes. Dazu kamen intensivere Beschäftigungen mit den Gedichten von Josef Dürr, mit den Büschemer Bösen Buben. Hier ließen sich viele Gemeinsamkeiten mit den kleinstädtischen Personen, die Hesse schilderten, erkennen. So entstand der persönliche Wunsch, irgendwann mal sich mit diesem kleinstädtischen Stoff, den Hesse lieferte, näher zu beschäftigen. In den Nuller Jahren der 2000er fand ein Reprise der Kleinstadtdiskussion, Kleinstadtforschung statt. Hier sei auf die Veröffentlichungen zum Themenschwerpunkt "Die vernachlässigten Kleinstädte" auf www.pro-regio-online.de verwiesen. Viele Sichtweisen auf die Kleinstädte konnten hier verstärkt, inhaltlicher diskutiert, neue Sichten gewonnen werden. Auch wieder entdeckt werden. Wie das geographische Kleinstadtbuch von Grötzbach, das einem lehrt, eine Kleinstadt siedlungsgenetisch zu schauen. Im Zuge dieser starken Zuwendung zum Kleinstadtthema fand auch endlich ein Zugang zu Wilhelm Weigands Büchern zum tauberfränkischen Raum, zu den dortigen Kleinstädten statt. Besonders zum Frankenthaler, als poetischer Kleinstadtraum Wilhelm Weigands. Ebenso wie Hermann Hesse widmete Weigand viele seiner kleineren Erzählungen der Betrachtung von Kleinstädten, aber auch den Dörfern. Hier seien Erzählungen und Novellen, wie Der Messiaszüchter, Michael Schönherrs Liebesfrühling, Das Abenteuer des Dekans Schreck, Die Iliade von Bobstadt, Honickl von Helmhausen genannt. Weigand erlangte ungefähr 10 Jahre vor Hesse seine literarischen Meriten. Ebenso vielfach mit kleinstädtischen, ländlichen Erzählstoffen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Hesse und Weigand ist, dass Weigand in Gissigheim seine Kindheit verbrachte, einem Dorf, und erst spät eine Kleinstadt als Schüler mit besonderer sprachlicher Begabung als Aktions- und Lernraum kennen lernte. Zudem nach dem Studium mit der Rückkehr in den heimatlichen Regionsraum, als er in Tauberbischofsheim und Adelsheim Hauslehrer war und sich endgültig gegen den Lehrerberuf und für das Dichterdasein entschied. Hier lernte er die kleinstädtischen Honoratioren- und Beamtenschaft kennen, die Stagnation der Kleinstädte, die er in den Frankenthaler kritischen Beobachtungen und Bemerkungen unterwarf. Er hat also weniger intensive Erinnerungen an eine Kindheit, Jugendzeit in den Kleinstädten als Hermann Hesse. Erwachsene Personen spielen als Aktionsträger in seinen kleinen Novellen eine wesentlichere Rolle, während bei Hermann Hesse die Kleinstadt immer wieder aus dem Knabenblick geschildert, betrachtet wird. Den Zusammenhängen, den Unterschieden zwischen dem poetischen Kleinstadtort Weigands Frankenthal und Tauberbischofsheim bin ich spurenlesend in einigen Veröffentlichungen nachgegangen. Auch hier kam wieder der alte Wunsch auf, sich intensiver mit dem Kleinstadtbildern Hermann Hesses zu beschäftigen. Endlich auch mal etwas schriftliches dazu zu liefern. Hesse und Weigand sind nach dem 1.Weltkrieg sehr unterschiedliche Wege gegangen. Hesse wurde zum Pazifist, Anti-Nationalist, Weigand zu einem Vorliteraten der Volksgemeinschaft, der inneren Kolonisation, der Volk ohne Raum Völkischen, zum Antisemiten.

Nachdem ich mich einige Zeit lang mit meinem neuen Wohnort Westerstede und dem Ammerland als umgebende Region beschäftigte, kam in mir der Wunsch auf, mich endlich mal wieder auf Tauberbischofsheim als Thema einzulassen. Immer wieder mal hatte ich etwas zu Büscheme geschrieben, aber nie so richtig mal am Stück, längerfristig, ausholend, einholend, Altes auskramend, Randgeschichtchen aufwärmend, Vergessenes einbeziehend. Flurumgänge, Grenzsteinsuche, heimische Geschichtchen waren der Stoff. www.büscheme.de wuchs mit der Zeit, wucherte kräftig aus, Seltenes wurde aufgegriffen, Randständiges, Abgelagertes. Und auch hier kam in mir der Wunsch auf, endlich einmal eine intensive, dichte Zeit zu haben, und sich den kleinstädtischen Geschichten und Erzählungen von Hermann Hesse zu widmen. Welch Freude für mich war es, die umfangreiche, wunderbare Sekundärliteratur zu Hesse, Calw, Gerbersau zu entdecken, zu lesen, die Parallelen, die Unterschiede zu Tauberbischofsheim zu sehen, zu finden, zu entdecken. Reichlich gedeckt war der Calwer Tisch, qualitativ hochwertig der Stand der Publikationen.

Zunächst möchte ich einige Blicke auf kleinere Erzählungen werfen, um auch in winzigen, witzigen Details Gemeinsamkeiten zwischen Calw/Gerbersau und Tauberbischofsheim/Frankenthal zu finden, mögen sie auch noch so gering sein.



In der alten Sonne

In der Erzählung "In der alten Sonne" läßt Hesse die beiden Protagonisten Hürlin und Heller einen Dialog der Schimpfworte abhalten, wie er auch im besten Büschmerischen Milieu der am Rand Gelandeten, Gestrandeten, in der Dörgei, in der Hadmarshellen Frankenthals hätte ablaufen können:

"Sieh einmal da drunten!" rief er und deutete talwärts.
"Was denn?" brummte der andere.
"Mußt auch noch fragen! Ich weiß, was ich sehe."
"Also was, zum Dreihenker?"
"Ich sehe die sogenannte Walzenfabrik von weiland Hürlin und Schwindelmeier, jetzt Dalles und Kompanie. Reiche Leute das, reiche Leute!"
"Kannst mich im 'Adler' treffen!" murmelte Hürlin.
"So? Danke schön."
"Willst Du mich falsch machen?"
"Tut gar nicht not, bist's schon."
"Dreckiger Seilersknorze, du!"
Zuchthäusler!"
"Schnapslump!"
"Selbereiner! Du hast grat nötig, daß du ordentliche Leute schimpfst."
"Ich schlag die sieben Zähne ein."
"Und ich hau dich lahm, du Bankröttler, du naseweiser!"
(Hermann Hesse, Aus Kinderzeiten, S.184)

Das ist gut abgehört, aufgefangen, wiedergegeben aus dem Calwer Alltag, der Alltagssprache, der Gossensprache, der Kommunikation einfacher Leute. Wenn auch auf den Schwäbischen Spracheinschlag etwas verzichtet wurde. Auf gut Büschmerisch wären hier wohl solche Sätze gefallen wie:

Duu mit dejm Geduu unn dejm Gschaas.
Moach koa sou Gedöös.
Du bist änn elendicher Massich!
Schmeiss merr däss Glumb wäch!
Blärr nid sou!
Broddel nid sou de gonze Daach.
(Bischemer Bösi Buwe, S. 82)
Änn Drääg host;
Du reddst in oan Louch zu;
Däss iss verlouche unn verstunke;
Moach koa Zicke;
Wäär's waas, wärd's wisse;
(Bischemer Bösi Buwe, S. 18)

Aufmerken läßt der Satz "Also was, zum Dreihenker?" In Büscheme hätte man gerufen: "Alsou woas, zum Deihenker noa amool? Dreihenker, Deihenker! Was ist ein Dreihenker, was ist ein Deihenker? Und wo kommt das Gerbersauer, das Calwerische r im Deihenker her? Der Deihenker ist in der fränkischen und pfälzischen Mundart bekannt, aber der Dreihenker? Wenn er sich nicht aus dem lokal Calwerischen speist, woraus denn dann? Oder ist hier ein Fehler im Lektorat zu suchen? Aufgrund der Unkenntnis von lokalen Schimpfweisen unentdeckt geblieben und vielfach reproduziert worden? In den folgenden Auflagen und Sammlungen? In Büscheme kennt man zum Deihenker noch den Schimpfsatz "Sou änn Deihenker!", wenn man kindliches, jugendliches Fehlverhalten, schnelle Reaktionen und Ausweichen, Flüchten des Kindes, eines Jünglings, bezeichnen will. 

Die Erzählung "In der alten Sonne" wurde 1905 in den von Wilhelm Weigand mitgegründeten und herausgegebenen Süddeutschen Monatsheften erstmals abgedruckt.



Der Sammetwedel

Der Sammetwedel, eine kleine Schulstreicherzählung über den örtlichen Kramer, verhandelt die von Hesse und anderen Schülern forcierte Nachfrage für Schneeberger Schnupftabak. Den hatte der Kramer nicht vorrätig. Hesse ließ sich zwar andere Sorten zeigen, probierte diese, konnte sich aber scheinbar nicht entschließen und wollte wieder in den Laden kommen, sobald Schneeberger Schnupftabak wieder im Laden zu haben sei. Nach und nach kamen immer mehr Schülern in den Kramladen und verlangten nach dem Schneeberger. Der Ladenbesitzer reagierte zunehmend allergisch auf diese starke Nachfragen und schrie Hinaus. Am dritten Tage dieser Schneebergerei ging Hermann Hesse selbst in den Laden. Und fragte nach dem Schneeberger. Er hatte allerdings keinen Pfennig in der Tasche. Als der Sammetwedel-Kramer ihm nun eine Dose Schneeberger Schnupftabak präsentierte, war Hermann etwas in der Klemme. Er roch zwar am Tabak, beschied aber dann dem Kramer, dass das doch nicht der richtige sei. Der ansonsten sanfte Sammetwedel explodierte nun etwas und wollte sich auf den den Laden verlassenden Hermann stürzen. Er verlor allerdings einen Pantoffel, den Hermann Hesse aufnahm und damit verschwand. Dafür setzte es dann hinterher Prügel vom Vater. Beifall von den Mitschülern. Gab es. Für den Pantoffelraub. Für den Schneeberger.

Für Büscheme gibt es eine hoch übereinstimmende Entsprechung dieses Streiches. Wenn auch die Charakterisierung des Ladeninhabers in der Büschemer Geschichte blaß gegenüber den feinen Hesseschen Zeichnungen des Sammetwedels und seiner Eigenschaften blieb. Dem Büschemer Schulstreich von Präparandenschülern entstammte allerdings ein starker büschemer Spruch: Vreckdi Studentli!

"Studenten der früheren Präparandenschule verlangten einmal in einem Papierwarengeschäft Wochen hindurch Tag für Tag in der großen Pause nach Heringen, bis sich der brummige Ladeninhaber endlich ein Faß herlegte.
Als die Spaßvögel dies 'spitzgekriegt' hatten, blieben sie von nun an dem Laden fern.
'Vreckdi Studentli' war damals ein von dem Mann oft gebrauchter Ausspruch."
(Büschemer Bösi Buwe, S. 41)

In Calw eine Lateinschule. In Tauberbischofsheim bis 1894 ein Pro-Gymnasium. Allerdings schon ab 1882 nicht mehr als siebenklassig, sondern neunklassig. Also eine Vollanstalt, ein Gymnasium. Ein Großteil der Büschemer Gymnasiasten kam aus dem Konvikt. Neben Griechisch lernten diese auch Hebräisch. Vor der Gründung des Konviktes wohnten die Studentli bei Kost und Logis in Büschemer Privatwohnungen. Ein kleiner Zusatzverdienst. Die nicht aus Calw stammenden Lateinschüler waren ebenfalls in Calw in Privathäusern untergebracht. Das Konvikt in Büscheme wurde also nicht zur Zufriedenheit vieler Büschemer Bürger eingerichtet, da diese so einen willkommenen Nebenverdienst verloren. Hermann Hesse mußte dagegen nach dem Besuch des Reallyzeums in Calw, also der vorbereitenden Lateinschule, die Lateinschule in Göppingen 1891- 1892 ableisten, um für das Württembergische Landexamanen fit zu werden, das er im Juli 1891 bestand.



Hotte Hotte Putzpulver

In der Kurzgeschichte Hotte Hotte Putzpulver widmet sich Hesse seinem Verhältnis zu einem Hausierer. Dem aus Liebenzell stammenden Sackzeichner und Händler mit allem Möglichen Christian Friedrich Hartmann (Siehe Brief von Carl Mohl an Hermann Hesse vom 5. 3. 1912. In: Siegfried Greiner, Hermann Hesse - In Calw daheim. Briefwechsel und Begegnungen mit Calwer Bürgern und Freunden der Schwarzwaldstadt, S. 89/90). Ein Sackzeichner bemalte, beschriftete die Leinensäcke der Bauern, in denen diese das Mehl transportierten, aufbewahrten. Als Hausierer für alles Mögliche bot er mit seinem Blechkarren Zündhölzer, Schuhwichse, Insekten-, Seifen und Putzpulver an (Siehe Siegfried Greiner, Hermann Hesse Jugend in Calw, S. 69). Für Hesse war dieser Hausierer und Sackzeichner wie ein Bote aus einer anderen Welt. Eine ihm geheimnisvolle und doch nahe Welt, von den Eltern ihm verboten, die ihn aber magisch anzog. Obwohl dieser Hausierer von seinem nachlässigen Äußeren, von seiner Haltung her wenig hergab: "Er war ein leidlich robuster Zwerg mit dummschlauen Augen, schäbig und mit einem Anstrich von komischer Biederkeit. Man wußte nie, ob er einen Bart habe oder keinen, denn er sah immer aus, als wenn er sich vor drei Wochen rasiert hätte. In jener schlimmen Gasse aber bewegte er sich, als wäre er dort geboren. Er trat in alle diese hohen Häuser mit den niederen Türen, er tauchte da und dort in hochgelegenen Fenstern auf, er verschwand in die feuchten, schwarzen, winkligen Flure, er rief und plauderte zu allen Parterre- und Kellerfenstern hinein. Er gab allen diesen alten, faulen, schmutzigen Männern die Hand, er schäkerte mit den ungekämmten, verwahrlosten Frauen und kannte die vielen strohblonden, frechen, lärmigen Kinder mit Namen. Er stieg auf und ab, ging aus und ein und hatte in seinen Kleidern und Bewegungen und Redensarten ganz den starken Lokalton der finsteren Winkelwelt, die mich mit wohligem Grausen anzog und mir trotz aller Nachbarschaft doch seltsam fremd und unerforschlich blieb." (Hermann Hesse, Hotte Hotte Putzpulver, hier nach der Version des Calwer Tagebuches. In: Herbert Schnierle-Lutz, Hermann Hesse in Calw, Seite 122/123) Hesse verortet die Gasse für Calw in das Hengstetter Gäßle, das sich verzweigt und für spätere Überarbeitung in die Falkengasse für Gerbersau (Siehe Hermann Hesse, Aus Kinderzeiten, S. 7 - 11). Die Büschemer Hinterwinkelwelt, die in ihrer Charakteristik zu der von Hesse beschriebenen passt, ist die Dörgei, im Frankenthaler von Weigand als Hadmarshelle betitelt. Eigentlich ein Flurnamen, der an eine alte (Raubritter)Burg am südlichen Brennerende erinnern soll. 
Eine ähnliche günstige Position hätte es für eine Burg am Heimberg in Richtung Impfingen gegeben. Für mich war anhand der topographischen Karten und der Ortskenntnis potentiell ein Standort der Burg des Hadumars möglich gewesen. Aber das war / ist meine individuelle persönliche Sicht. Für Büscheme werden gern auch noch die Walachei, Bolagei, Mongolei als hinterste Winkel genannt. Quartiere der einfachen Leute, der Tagelöhner, Habenichstse, Ziegenbauern, der Trunksucht Verfallene, Hoffnungslose. Hesse hätte auch in Büscheme viel Stoff für seine verborgenen Wünsche gefunden.


Im Frankenthaler spielt ebenfalls ein Hausierer eine große Rolle, größer als die des Hotte Hotte Putzpulvers, da der Hausierer als politischer Agitator aufritt. Und die einfachen Leute besser anspricht als ein sich im Akademischen verlierender Doktor, der sich der Agrarfrage, der Bodenkultur widmet. Dieser Frankenthaler Hausierer vertreibt Volksbücher, Rosenkränze, Kalender, Hintertreppenromane, Heiligenbilder, Öldrucke, Traumdeutern und ähnlichen Kram (Siehe Wilhelm Weigand, Die Frankenthaler, fünfte überarbeitete Auflage, Inselverlag, Seite 228). Genannt Hausierer-Välte. Er zeigt auf einer Versammlung von arbeitslosen Fabrikarbeitern seine leere Taschen und verdeutlicht sein Programm, dass man sich nehmen muss, was man braucht. Und bringt damit die Masse dazu, sich zu formieren und das Haus des Kleinstadtpatriarchen und Fabrikbesitzers Gramlich zu stürmen und dessen Weinvorräte zu plündern. 

Davon war der Hotte Hotte Putzpulver weit entfernt. Dieser machte Hermann mit seinem oft bösartigem Blick und einem Griff der breiten Hand kräftig Angst. So dass er auch in Hermanns Träumen oft wiederkehrte. Einmal trat Hesse nach einem Besuch in einem benachbarten Dorf aus einem Waldweg heraus auf die Landstrasse und traf direkt auf den Hotte Hotte Putzpulver. Als dieser bösartig blickte und seinen Griff der breiten Hand (nach einem Messer in der Traumvorstellung Hesses) zeigt, floh Hesse völlig verängstigt. Wenn auch wohl völlig grundlos. Früher lebte man als Kind viel mit der Angst. Man wurde verängstigt, einem wurde oft Angst gemacht. Begegnete man in Büscheme als Kind in der Faschingszeit einem Henker, dann war die Angst berechtigt. Man wurde als Kind leicht ein Opfer realer Gewalt. Ein Büschemer mit Holzbein, der als Pförtner arbeitete, machte mir aus welchem Grund auch immer Angst. Kaum sah ich ihn, kaum traf ich ihn, schon rannte ich davon. Obwohl es nicht einmal einen bösartigen Blick oder den Griff der breiten Hand gab. Zu meiner Kinderzeit war der Hausiererhandel schon ziemlich zum Erlegen gekommen. Ich kann mich noch an die Besenbinner aus Eierschi erinnern, die ihre geflochtenen Besen und Körbe hausierend verkauften. Der Blick aus Uissi, verwandtschaftsbedingt, auf die Roatze in Eierschi war einer von oben herab. Eine Art neuer Hausiererei war der Leihbuchhandel, der in Tauberbischofsheim ein Zentrum hatte, da es hier in den 1950er Jahren drei solcher Verlage gab, die Bücher herausbrachten, die dann als Leihbücher im Zigarrenladen, Kramerladen auslagen.  



Der kleine Mohr

Calw und Tauberbischofsheim haben eine Badgasse. Genauer: nur noch Tauberbischofsheim. In Calw heißt die Badgasse nun Badstraße. Solche Umbenennungen kennt auch Tauberbischofsheim. Die Frauengasse wird zur Blumenstraße, die Armengasse zur Frauenstraße. Die Pfarrgasse zur Liobastraße. Als man die Türkengasse wieder Manggasse nannte, vergaß man allerdings die Gasse in Straße umzumünzen. Man will ja in der Kleinstadt irgendwie weg vom Gäßchencharakter. Mit kräftigen Abrissen und Neubauten unterstützt man das. In Tauberbischofsheim hat man an manchen Stellen Schwierigkeiten eine Altstadt zu erkennen. Da hilft sich die Stadttouristik mit der Wortschöpfung Historische Altstadt. Als ob es eine unhistorische Altstadt geben könnte. Geben könnte sie es schon, wenn man historisierend aufbaut. Das bleibt mehr Großstädten überlassen. Nicht ganz. Am Marktplatz die Sternapotheke mit dem Fachwerk des Häckerhauses. Das Schaible-Haus mit seiner Fachwerkinnovation. Vorgehängter Historismus. Wenn auch wenig stilgerecht. In Büscheme kennt man ansonsten mehr ein radikales Weg damit. Die Badgasse in Tauberbischofsheim hat sich dennoch entgegen diesem städtebaulichen Reinigungswillen einigermaßen gehalten. Sie bildet den Abschluß der Unterstadt. Entlang der ehemaligen Stadtmauer. Die Badstraße in Calw verläuft parallel zur Nagold, in Büscheme die Badgasse passt nur ein kleines Stück dem Mühlbach an. Die Tauber ist durch den Wall von der Badgasse abgegrenzt. In der Calwer Badgasse wohnte, arbeitete der Schlosser Mohr. In einem eher finsteren, dunklen, räucherigen Bereich. Mit einem steilen Anstieg. Mit Treppenstufen. In der Büschemer Badgasse gibt es außen keine derartigen Gefälle, Anstiege. Der kleine Mohr wohnte dort. In Calw. Eine kleine Erzählung. Mit etwas traurigem Charakter. Ein Kind, das sehr früh eine besondere Begabung im Zeichnen aufwies. Und sehr jung starb. Für Wunderkinder war in den Kleinstädten kaum Platz. Da ja alles in den alten bekannten, gewohnten Formen der Tradition verlaufen sollte. Da konnte ein Wunderkind eher stören. Hermann Hesse urteilt in dieser Richtung: "denn unser schönes, gewerbefleißiges Nagoldthal ist und war im Hervorbringen von Talenten äußerst sparsam, ja geizig." (Hermann Hesse, Der kleine Mohr, In: Calwer Tagebuch, S. 119) Das war an der Tauber nicht anders. Der Büschemer Bürgerschaft wurde von einem, der einige Zeit in der Tauberstadt verbringen mußte, bescheinigt, wenig musikalisch zu sein. Bis auf Richard Trunk. Hesse stufte seine zahlreichen Gerbersauer / Calwer Betrachtungen als inneres Bild einer schwäbischen Kleinstadt ein, "in der nichts Großes geschah und geleistet wurde", ein Krämer- und Philistertum vorherrschte (Siehe: Hermann Hesse, Prosa. In: Friedrich Beck, Seine kleine Stadt. Calw und Hermann Hesse S. 74) Das galt für Hesses Kleinstadtbilder um 1880 - 1890. Nach 1970 wurden die inneren Potentiale einer Kleinstadt besser gehoben und gefördert. Da können nun auch schon Olympiasieger, Weltmeister, Bundesligaspieler aus der Kleinstadt kommen. Kleinstädtische Firmen erfolgreich auf dem Weltmarkt operieren und bestehen. Talente können heutzutage also durchaus sprießen und werden nicht mehr gleichgeformt. In der Büschemer Badgasse präsentiert eine kleine Werkstatt einen wunderbar geschweiften Dachgiebel. Wohl eine ehemalige Schlosserwerkstatt. Ob es die Mott'sche Schloßerei war? Wollte ich doch schon immer mal genauer wissen. Aber noch nie richtig die Sache angegangen. In der Calwer Badgasse sah Hermann Hesse zum ersten Mal einen Toten. Er war von einem der Brüder des Mohrle - für Hesse überraschend - geladen worden, das tote Mohrle zu schauen. Ein tiefer und weit berührender Augenblick für den jungen Hesse. Auch für mich war der Anblick der ersten Toten seelisch tief wirkend: Mein Opa in Uissigheim, Tote bei einem Verkehrsunfall, die aus dem Auto herausgeschleudert, auf der Straße lagen. Der Bruder meines Vaters, der beim Schlosser Mohrstatt gelernt hatte, richtete sich in der Frauenstraße im Noehaus eine Schlosserei im Erdgeschoß ein. Bei der ich hin und wieder zugegen war. Der büschemer Opa wohnte noch im Obergeschoß dieses Hause und ich brachte ihm öfters mal sein Mittagessen. Am unteren Ende der Frauenstraße, beim Einzweig in die untere Hauptstraße gab es eine Bäckerei Mohr. Dort kaufte ich öfters ein. Vom Opa mit ein paar Pfennig versorgt. Und dann um einen Amerikaner reicher. Vorübergehend. In meiner Lehrzeit hatte ich als Bauzeichner Zeichnungen abzuliefern. Die dürften allerdings weit weniger inspiriert als die des kleinen Mohrle gewesen sein.



Die Heimkehr / Der Messiaszüchter

Das Heimkehr-Motiv, die Heimkehr nach Gerbersau / Calw wird bei Hesse in einigen Erzählungen behandelt. Also auch als Rückkehr nach längerer Abwesenheit. Wie in der Heimkehr von 1909. Vor einigen Jahren vom SWR verfilmt. Wenn auch in der Addition weiterer Hesseerzählungen wie Der kleine Mohr. Der Gerbersauer Schlotterbeck, Sohn eines Gerbers sucht in der Fremde, England, USA, Russland sein Glück. Wird Fabrikant. Kehrt nach Jahrzehnten Abwesenheit als gemachter Mann in seine Geburtsstadt zurück.

"... kreiste die Sehnsucht und Hoffnung des alternden Fabrikanten zu seiner eigenen Verwunderung immer enger und begehrlicher um das Heimatland und um das Städtlein Gerbersau, dessen er in Jahrzehnten nur selten und ohne Rührung gedacht hatte." (Hermann Hesse, Die Heimkehr. In: Der Europäer, Gesammelte Erzählungen, Dritter Band, Frankfurt a. M. 1977, S. 18)

Einige Jahre zuvor hat Wilhelm Weigand seine Rückkehrernovelle Der Messiaszüchter veröffentlicht. Der Literaturredakteur Markus Miltner kehrt während einer beruflichen Schaffenskrise von München als 37jähriger nach Frankenthal zurück. Die Kleinstadt, in der er das Gymnasium besuchte. Literaturneulinge aus Frankenthal haben ihm ihre Werke, Entwürfe zur Beurteilung übersandt. Die er Jahre lang nicht beachtete. Aber nun Vorort ihre Verfasser inspizieren will.

"Ein wundersames Sehnen, wie ein Heimweh nach den lichten Tagen seiner Jugend, quoll in seiner Brust empor. ... und tief im Tale, aus weicherem Glanze, fuhren die Türme Frankenthals, wo er das Gymnasium absolvierte, in selig-seidenes Himmelsblau. Dort rauschten in dem Silberduft der kurzen Sommernächte die Röhrenbrunnen auf den alten Plätzen Mären; dort fiel aus dunklen Stuben, wo erloschene Geschlechter froh gezecht, weinseliges Gelächter in die engen Gassen, wo die Mädchen paarweise durch die Dämmerung gingen ..." (Wilhelm Weigand, Der Messiaszüchter. In: Weinland. Novellen aus Franken. München und Leipzig 1915, Seite 109)

"Und plötzlich durchflammte ihn der Gedanke, daß es nur an ihm liege, diese Hoffnungen der Heimat nochmal zu grüßen und dabei eine schöne Sommerwoche in der alten Mainstadt Frankenthal zu verleben; auch entging er durch diese rasche Reise dem Gerede, das der giftige Angriff des Schmierfinken auf seine Persönlichkeit doch erregen mußte. Und außerdem hoffte er durch die Berührung mit der heimischen Erde wieder einmal jene Kraft aufzufrischen, deren Schwung ihn bis jetzt mit starken Bauernfüßen über alles Narrenelend der Großstadt hinweggetragen hatte." (Weinland, S. 117/118)

Beide befinden sich an einem Wendepunkt. Für der Gerbersauer Schlotterbeck endet die Zeit als erfolgreicher Fabrikant im Ausland, die Ehefrau stirbt. Miltner wird für den Freitod eines jungen Literaten verantwortlich gemacht, den er gefördert hat. Er erinnert sich an eine junge Frau aus Frankenthal, mit literarischen Bestrebungen, die er abgewiesen und doch geliebt hatte. Beiden projizieren für ihre weitere Zukunft Hoffnungen auf eine persönliche Lebenswende in die Kleinstädte ihrer Jugend. Auffällig bei Weigand's Miltner ist, dass er sich eine Katharsis von der heimatlichen Scholle erhofft. Spätere Blut und Boden Motive zeichnen sich hier schon ab, die Abscheu vor den Errungen- und Eigenschaften der Großstadt.

Beide reisen mit der Bahn an. Beide über bzw. aus Bayern. Der Gerbersauer Schlotterbeck nimmt den Zug von Stuttgart über Weil der Stadt, mit dem gewundenen Abstieg ins Nagoldtal. Trotz dieser wunderbaren Bahnästhetik von der Bundesbahn 1992 stillgelegt. Miltner reist über Würzburg nach Frankenthal. Also über die Gauanhöhe, dann durch Wittig- und Grünbachtal, Lauda. Durchaus eine wunderbare Eisenfahrt. Kurvenreich. Ein Wechsel des Landschaftsbildes von einer Weinlandschaft zur Ackerbaulandschaft des Gaues und Wiedereinkehr in die Weinlandschaft des Grünbach- und Taubertales. Während Hesse quasi punktgenau die Strecke nach Calw beschreibt, versteckt Weigand Frankenthal. Das er in seinem Werk an zwei Stellen als Mainstadt statt Kleinstadt an der Tauber tarnt. In der Novelle Die Hexe läßt sich Frankenthal irgendwo zwischen Walldürn, Tauberbischofsheim, Miltenberg verorten. Die genaue Lage bleibt im Ungefähren. Im Gegensatz zu Hesse, der wirklichkeitsgetreu, punktgenau Landschaft und Stadtbild Calws wiedergibt, bastelt sich Weigand seine Landschafts- und Kleinstadtbetrachtungen aus Versatzstücken zusammen. Immer nur anhand kleineren Details lassen sich Teilstücke identifizieren. Er schreibt sich eine eigene Landschaft und Kleinstadt zusammen. Ebenso hält er es mit der Stadtgeschichte, die er über Frankenthal erzählt. Da ein Stück Rothenburg, hier ein bißchen Tauberbischofsheim, dort Wertheim und dazu eine große Menge fiktionale Historie. Weigand verbüschmerte seinen Frankenthaler in Überarbeitungen nachträglich, der aber immer noch genügend Nicht-Tauberbischofsheimerhaftes enthält. Gerbersau ist vielmehr Calw, im kleinen wie im großen, als Frankenthal Tauberbischofsheim. Dieses dient als Projektionsfläche der Vorstellungskraft Weigands. Während Hesse detailreiche Erinnerungen an die Kleinstadt seiner Kind- und Jugendzeit wiedergibt. Weigand dagegen bläht Frankenthal auf. Er macht es gar zu einer ehemaligen Reichsstadt. Mit an die 20000 Einwohner. Zehnmal mehr, als Bischofsheim in seiner Ummauerung bis 1800 hatte. 

"... aber als die Namen der Städte heimatlicher zu tönen begannen und als die Mundart der Mitreisenden immer deutlicher nach Gerbersau hinwies, ergriff den Weltreisenden eine starke Unruhe, bis er, über sich selber verwundert, beinahe mit Herzklopfen die Stationen ausrufen hörte und in den Gesichtern der Einsteigenden lauter wohlbekannt und fast verwandtschaftlich anmutende Züge fand. Und endlich fuhr der Zug die letzte Strecke in langen Windungen talabwärts, und unten lag zuerst klein und von Windung zu Windung größer und näher und wirklicher das Städtlein am Fluß, zu Füßen der Tannenwaldberge. Dem Reisenden lag ein starker Druck auf dem Herzen. Das Nochvorhandensein dieser ganzen Welt, des Flusses und des Rathaustürmchens, der Gassen und Gärten bedrückte ihn mit einer Art von Tadel, daß er alles so lang vernachlässigt und vergessen und aus dem Herzen verloren hatte." (Hermann Hesse, Die Heimkehr. In: Der Europäer, Gesammelte Erzählungen, Dritter Band, Frankfurt a. M. 1977, S. 19)

Schlotterbeck nähert sich seiner Kleinstadt erwartungsvoll. Das Hin und Her der Gleise beim Nagoldabstieg, das langsame Näherkommen der kleinstädtischen Silhouette, das Wiedererkennen des alt Vertrauten, steigern seine hoffnungsfreudigen Sehnsüchte. Dagegen wird bei Miltner die Vorfreude auf die Kleinstadt unerwartet gedämpft:

"Nur in Würzburg, wo er sich am Bahnhof den "Fränkischen Boten" kaufte, kam plötzlich ein böses Schmäcklein des unausrottbaren Literaturelends auf seine Zunge: das Anfangskapitel des Romans 'Die Millionenbraut oder Der Segen der Armut' von Herbert von Hutten erschien ihm so kolportagemäßig gemein und schlecht, daß er sich sofort grollend vornahm, mit seiner Meinung über diese schmähliche Seelenvergiftung in seiner Schulstadt nicht hinterm Zaun zu halten. - " (Weinland, Seite 118)

Beide müssen erkennen, dass die Kleinstadt ihrer Jugend in der Realität kleiner, anders ist als in ihren Erinnerungen und hoffnungsgeladenen Vorstellungen. Wenn sie auch viel Vertrautes finden. Beide bewegen sich zunächst unerkannt, als Fremde durch die Kleinstadt. Mit dem "Fränkischen Boten" war Weigand ziemlich nahe der Tauberbischofsheimer Wirklichkeit. Ab 1893 gab es den Tauberboten, der sich dann in den Tauber- und Frankenbote umbenannte. Das Alternativblatt der 1970er nahm ebenfalls den Boten ins Zeitungsboot: Tauberfränkischer Landbote. Da mußte schon Büchner herhalten.

"Der Fremde zog bei seinem langsamen Dahinschreiten manche Blicke auf sich, ohne darauf zu achten. Er hatte die alte beobachtungsfrohe Reiselaune wiedergefunden und betrachtete das alte Nest mit Aufmerksamkeit, ohne es mit Begrüßungen und Fragen und Auftritten des Wiedererkennens eilig zu haben. Zunächst wandelte er durch die etwas veränderte Bahnhofstraße dem Flusse zu, auf dessen grünen Spiegel wie sonst die Gänse schwammen und dem wie ehemals die Häuser ihre ungepflegten Rückseiten und winzigen Hintergärtchen zukehrten. Dann schritt er über den oberen Steg und durch unveränderte, arme enge Gassen der Gegend zu, wo einst die Schlotterbecksche Weißgerberei gewesen war. Da suchte er jedoch das hohe Giebelhaus und den großen Grasgarten mit den Lohgruben vergebens. Das Haus war verschwunden und der Garten und Gerberplatz überbaut. Etwas betreten und unwillig wandte er sich ab und weiter, um den Marktplatz zu besuchen, den er im alten Zustande fand, nur schien er kleiner geworden, und auch das stattliche Rathaus war weniger ansehnlich, als er es in der Erinnerung getragen hatte." (Heimkehr, S. 19 / 20)

Der beschriebene Weg vom Bahnhof, durch die Bahnhofstrasse, über den Steg gibt passgenau das Stadtbild Calws wieder. Die um 1860 errichteten Bahnhöfe der Kleinstädte sind aufgrund des Platzbedarfes weiter außerhalb des Kleinstadtzentrums. Die Bahnhofstrasse, die Strasse zum Bahnhof werden immer von Wilhelminisch geprägten Gebäuden begleitet. Auch neu errichtete Amtsgebäude siedeln sich hier in der Nähe an. Neben den mittelalterlich erfolgten Vorstadtbereichen, oft noch ummauert, ist der gründerzeitliche Bereich um den Bahnhof die erste städtebauliche Erweiterung außerhalb der Stadtmauern. Wenn auch von einer völlig anderen Architektur geprägt, als das Fachwerksgesicht der alten Kleinstadtmitte. Weigand ist leider viel weniger detailreich bei der Schilderung des ersten Ganges durch die Kleinstadt. Er beschreibt mehr innere und äußere Gefühls- und Wetterlagen. Mindert so den Erkennungswert des Stadtbildes. Der Tauberbischofsheimer Bahnhof ist wie viele Eisenbahn- und Amtsbauten aus rotem Buntsandstein errichtet. Buntsandstein findet sich aber auch in Calw als Baumaterial wieder.

"Ueber der schönbetürmten Reichsstadt Frankenthal stand ein flammendes Gewitter, als der Zug, der den Doktor Miltner und seine Hoffnungen langsam dahintrug, in dem kleinen Bahnhof aus rotem Mainsandstein einfuhr. Der Reisende übergab seinen Handkoffer einem halbwüchsigen Eingeborenen und blieb erwartungsvoll stehen, bis sich das rasche Wetter, das in hellen Stürzen niederging, verzog; denn er wünschte, nach so langer Abwesenheit, die ersten Eindrücke als weihevoller Fußgänger zu genießen. Eine wonnige, berauschende Frische lag in der sommerlichen Luft, als er, in leichter Erregung, die summende Werktagstadt betrat, durch deren Gassen trübe Bäche gurgelnden Gewitterwassers schossen. Doch ein seltsames Staunen überkam ihn, als er die alte heimische Herrlichkeit, die in seiner Phantasie in alter Größe glänzte, so klein geworden und wie zusammengeschrumpft vor seinen Augen liegen sah. Es war ihm fast zumute, als gerate er in eine fremde Welt, in der ihm nur das unaufhörliche Geklingel der Ladenschellen und der Ton eines schwindsüchtigen Klaviers, auf dem eine ungeübte Hand den 'Traum einer Jungfrau' träumte, vertraut vorkam, und ganz allmählich legte sich ein verlorenes Gefühl der Einsamkeit schwer auf seine heimatlich gestimmte Seele." (Weinland, Seite 118 / 119)



Blick auf Stadtbild und Gemarkung

Hesse streifte wie ich gern durch die Gemarkung, durch die Fluren außerhalb der engen kleinstädtischen Gemäuer: "Um uns her war die kleine Stadt, alt und buckelig, und mittendurch floß ein schöner Fluß, gekrümmt und etwas finster, und dies alles liebte ich und nannte es Heimat, und im Walde und Fluß kannte ich Gewächs und Boden, Gestein und Höhlen, Vogel, Eichhorn, Fuchs und Fisch genau." (Hermann Hesse: Kindheit des Zauberers). Der Blick gilt nun mehr den Orten in der Kleinstadt, in der kleinstädtischen Gemarkung, der Siedlungsgenese, dem kleinstädtischen Weichbild, den Straßen, Gassen, Gewässern. Besonders hilfreich sind hier die Spurensuchen von Herbert Schnierle-Lutz (Hermann Hesse in Calw) und Siegfried Greiner (Hermann Hesse. Jugend in Calw), die die Erinnerungsgeschichten von Hermann Hesser verorteten, in Calw sichtbar machen. Die Tauber kann entlang Büschemes, zwischen Dittigheim und kurz vor Impfingen, kaum als schöner Fluß bezeichnet werden. Hier hat sie gerade ihren größten Zauber verloren: Ihre Windungen, langen Schleifen, ihr Hin und Her im Talgrund. Auf alten Karten vor der Begradigung lassen sich diese noch erahnen. Die Tauber ist überwiegend ein schöner Fluss, hat ein schönes Tal, mal eng, mal weit, bei Büscheme und Hochhausen am weitesten, kaum noch als Tal erkennbar. Die Nagold bei Calw verläuft gewunden, gekrümmt, im engen Tal, mit steil ansteigenden Hängen. Die Tauber bei Tauberbischofsheim ist auf dem Reißbrett planerisch designt. Eine frühe Ausgeburt der Modernisierung. Ein erster Opfer naiv durchgeführter Modernisierung. Denn die Böschungen, zu steil angelegt, rutschten während der ersten Regenfälle nach ihrer Anlegung. Von der Tauberbrücke hatten die Büschemer einen schönen Blick auf die Segnungen der Moderne. Wohl aber auch damals ein notwendiges Opfer, um die Überflutungen der Stadt Tauberbischofsheim zu beenden. Erst der Rhein, dann die Tauber. Gerade gezogen, kanalartig, schnelles Fließtempo, keine besondere Tiefe, gleichmäßige Böschungen, vom alten Baumbewuchs der Erlen, Weiden, Pappeln weitgehend befreit. Kein Fluß, der einen Hesse hätte locken können, seine Angel hier zu schwingen, der Badelust zu frönen. Gerne durchlief ich durch die weit ausholenden Büschemer Fluren. Wenn auch eines Tages bei mir der Heuschnupfen dieses Ausbüchslust, die Erkundung von Freiräumen, einschränkte.

Die Büschemer Tauber war kein besonderer Spielplatz, überhaupt kein Angelplatz wie in Calw für Hermann Hesse, gespielt wurde eher am Graben der Tauberwiesenbewässerung, der in den Hang zum Wörtplatz eingegraben war, entlang der Kastanien, der mit einer eisernen Brücke über den früheren Verlauf des Brehmbaches aus Richtung Dittigheim herkam. Sich Richtung Tauberwiesen / Impfingen fortsetzte. Die Tauber rauscht schnell an Büscheme vorbei, genauso schnell wurde sie für das Kinderspiel langweilig. Ein Höhepunkt war mal, dass ich in der Tauber einen mit kleinen Rauten gestalteten Stein fand. Als Kind konnte ich damit nicht viel anfangen. Verpflanzte ihn in unseren Garten. 

Ebenso wenig wie für das Kinderspiel wird die Tauber auf Büschemer Gemarkung von Mühlen genutzt. Die Müller und Gerber in Büscheme nutzen den Mühlkanal, in Calw die Gerber, Müller, Manufakturbetriebe die Nagold. Die Nagold zweigt sich auf durch die Stauwehre, Stellfallen. Die Tauber verläuft nahezu geradlinig in ihrem künstlich aufgehäuften Böschungsbett. Wilhelm Weigand läßt im Frankenthaler auf der rechten Flußseite die Moderne in Gestalt einer Papierfabrik einziehen. Deren Maschinen von einem Wassergang betrieben werden. Prompt erreicht ein Hochwasser die Fabrik, überschwemmt und verschlammt diese. Die Arbeit wird eingestellt, die nun arbeitslosen Arbeiter vollführen einen kurzen Aufstand und stürmen das Haus des Fabrikgründers Gramlich und schlagen das Inventar kurz und klein, trinken die besten Weine aus.

Brehmbach und der davon abzweigende Mühlbach sind die eigentlichen Büschemer Gewässer. Spielen, Angeln, Mühlen, gewerbliches Arbeiten und Nutzen. Der Ortsname Tauberbischofsheim zeigt nur die Lage Bischofsheims an, an der Tauber. Die Nutzung, die Hingabe, das Kinderspiel gehört aber den kleinen Gewässern wie dem Mühlbach und dem Brehmbach. Die Nagold hatte eine Stellfalle, eine Insel, den Brühl. Lauter Spiel- und Aktionsorte für Hermann Hesse. Der Brühl mit seinen Kastanien gleicht dem Büschemer Wörtplatz mit seinen Kastanienreihen, aufgewallt. 

Die Nagold wurde zur Flößerei genutzt. Zum Transport der Baumstämme aus dem Schwarzwald in die industriellen Zentren wie Mannheim. Die Flößerei war wichtig in Nagold, das erste Floß im Jahr war ein wichtiges Ereignis. Hermann Hesse fuhr gern auf einem Floß mit. Unerlaubt wegen der Gefahren. Büscheme kennt keine Flößerei. Früher war das Taubertal eher waldarm, rebenreich. Man betrachte die alten Stiche, die die Hügel an der Tauber unbewaldet zeigen. Am Anfang der Tauber gib es ja nur die ackerbaulich bestimmte Rothenburger Landwehr. Auch von dorther konnte keine Flößerei kommen. Büscheme war ein wichtiger Geleitort auf der Route Nürnberg - Frankfurt. Schwerere Gegenstände wurden in Bischofsheim bei der Tauberbrücke auf Schelche verladen und dann über Wertheim nach Miltenberg transportiert. Man wußte um die Höhen und Tiefen bei Külsheim und Tiefenthal, die den Transport dort behinderten. Für Hesse war neben dem Angeln, dem Schwimmen, dem Floßfahren das Schlittschuhlaufen auf der Nagold ein wichtiger Kindheitsaspekt. Die Tauber friert wegen ihrem starken Gefälle seltenst zu. Dennoch gab es bis zum 1. Weltkrieg einen Schlittschuhklub. Der hatte eine eigene Klubwiese an der Tauber. Wohl eine irgendwie bewässerte Wiese, die im eisigen Winter dann gefror. In Calw waren die Flößer und die Tuchmacher wichtiges Gewerbe. Patron für die Flößer war Nikolaus / Nepomuk, der vielfache, vielfältige Brückenpatron. In Tauberbischofsheim steht Nepomuk nicht mehr auf einer Brücke. Er steht nun ganz oben auf der westwärts gerichteten mächtigen Giebelwand des St. Martinskirchenschiffes. Die dreibogige Brücke in Calw über die Nagold mit ihrer kleinen Nikolauskapelle war ein absoluter Wunsch- und Sehnensort von Hermann Hesse. Eines der ältesten Bauwerke von Calw, da die Stadt einige Zerstörungen wie im Dreißigjährigen Krieg an ihrer Substanz hinnehmen mußte. Bei der Büschemer Tauberbrücke ist in ihrem jetzigen Zustand nichts mehr von der Historie übriggeblieben. Außer ihrer Lage. Früher eine mächtig trutzende siebenbogige, tatsächlich sogar neunbogige Steinbrücke mit steinerner Brüstung. Mit der Leonhardikapelle auf der rechten Tauberseite beim Brückenbeginn. Für Hesse war die Brücke der liebste Platz im Städtchen, das kann die Tauberbrücke längst nicht mehr bieten. Egal wie sie in ihren verschiedenen Variationen ausgesehen hat. Dem Kaiser mißfiel sie besonders bei seinem Kaisermanöver 1909. So schön die alte mehrbogige Tauberbrücke auch ausgesehen haben mag. Sie war für die Tauberfluten ein erstklassiges Hindernis und sorgte zunehmend dafür, dass die Überschwemmungen immer höher wurde. Die Ablagerungen von Schlamm, Sand, Steinen verringerten immer mehr den Durchflußquerschnitt der Bögen. Beim grandios hohen Hochwasser von 1784 (Siehe die Hochwassermarke in der Innenstadt) mußte das aufgestaute Tauberwasser quasi den Weg über die Brüstung hinweg nehmen, was die Rekordhochwassermarke erklärt. Danach wollten die Büschemer nur noch querschnittsstarke Brücken ohne Brüstungshindernis haben. Ohne Rücksicht auf irgendwelche historische Ansichten. Hauptsache die Tauberfluten verlassen so schnell als möglich die Büschemer Gemarkung. Inzwischen versucht sich die dritte Brücke nach der vielbogigen Steinbrücke an dieser Aufgabe. Dauerhafte Bauästhetik, Brückenpatina kann so nicht erreicht werden.

Die Nagold war tief, weidenbesetzt, die Tauber hatte bei Bischofsheim lange nur wenig Baumbesatz. In der Nagold konnte geschwommen, getaucht werden, in Büscheme war das nicht möglich. Zu flach kommt die Tauber in ihrem Zwangsbett daher. Die Nagold diente der Fischerei. In Büscheme kennt man noch den Fischer Hodis mit seinem Schelch und Fischernetzen, die an der Tauberböschung zum Trocknen aufgehängt waren. Schlauchbote treiben nun öfters wieder die Tauber hinunter. Die Tauberbegradigung dient dabei eher als Abschreckung. Nachdem man die bisherigen schönen Windungen genossen hatte. In Calw vernahm man das Rauschen der Mühlenwehre, in Büscheme rauscht die Tauber wegen des starken Gefälles vorüber.

Die Nagold wird noch von zwei Stegen, dem Wein- und dem Badsteg überquert. Später baute man noch eine neue Brücke für den Autoverkehr, die Marktbrücke. Die Büschemer Tauberbrücke wurde von den Büschemern gern als Steg bezeichnet. Wer an der Tauberbrücke wohnte, bekam den Namen, der vom Steg mit. Früher war in Büscheme alles auf die Tauberbrücke zentriert. Was mit zunehmenden Autoverkehr zu chaotischen Verhältnissen führte. Nichts ging mehr richtig vorwärts. Als Füßgänger war man auf der Brücke ziemlich eingeengt, bedroht von den Pfützen, durch die die Autos fuhren. Man überquerte die Tauberbrücke bei Regen und Schneematsch im Spurt, um nicht völlig vollgespritzt zu werden. Die Umgehungsbrücke entlastete ab den 1960er Jahren. Für eine Fußgängerüberquerung völlig ungeeignet. Ein erster hölzener Steg wurde um 1975 errichtet. Es folgten dann noch die Nordbrücke und der McDonaldsteg.

Die Plätze und Bebauung am Fluß wurden sowohl in Calw als auch in Tauberbischofsheim städtebaulichen Eingriffen, Neugliederungen, unterworfen. Der frühere Charakter der Plätze wie dem Brühl, der Hesse gut gefiel, und dem Büschemer Wörtplatz ging dabei weitgehend verloren. Asphalt, der schäbige Charme eines Großparkplatzes machte sich in beiden Kleinstädten breit. Sowohl auf dem Brühl und dem Wörtplatz fanden früher Festveranstaltungen statt. Messe, Zirkus, Bierzelt. Der Parkcharakter verschwand. Die Kastanienalleen wurde gerupft. Sowohl Brühl als auch Wörtplatz wurden nach 2000 neu gestaltet, umgestaltet. In Büscheme hört man manche von einem Reichsparteigelände lästern. Mit Speerschen Lichtdomen. Planerisch entworfene Fremdkörper. Mit völlig eigener Ästhetik. Die vom alten Stadtkörper sich abhebt. Veranstaltungsanimationen wie Massenzumbatanzen finden nun hier statt. Der Alltagsgebrauchwerts ist eher gering. Die Gestaltung ladet die Longboarder zum Präsentieren ihrer Künste und Haltungsstile ein. Und gerade das wird dann per Schild und Aufschrift verboten. Beim Brühl soll sich nun wieder so etwas wie ein Parkgefühl einfinden.

In Calw ist die Nagold direkt nah der Stadt, in Tauberbischofsheim rückt die Altstadt einiges von der Tauber weg. Um nicht völlig überschwemmt zu werden. Das versuchte man auch nach 1800 durch Erhöhung des Walles zum unteren Tor hin zu verhindern. Am Wörtplatz standen noch eine Mangerwerkstatt und Färberei, später ein wilhelminisches Schlachthaus, eine Zeitlang eine hölzerne Markthalle fast zentral auf dem Wörtplatz. Auf der Ostseite der Tauber wurde direkt an der Tauberbrücke nach 1890 einige Häuser erbaut. Die Bischofstrasse, nach Hesse die Gerbersauer Gerberstraße, war in Calw die Strasse mit sehr prächtigen Häusern, mit großbürgerlichen Lebensstil. Interessanterweise gibt es in Bischofsheim keine Bischofsstrasse. Es gab ja auch keinen Bischof in Bischofsheim. Man gehörte zum Herrschaftsgebiet eines Bischofs. Dem Mainzischen. In der Erzählung Heimkehr sah Herr Schlotterbeck, dass die Häuser (entlang der Ledergasse) dem Fluss ihre ungepflegten Rückseiten und winzigen Hintergärtchen zeigten. Während die prächtigen Häuser der Bischofstraße ihre wundervollen Fassaden dem Fluss zuneigen. Die Osttauberseite Büschemes zeigte sich da wesentlich ärmlicher. Mit einem Leprosen- und Siechenhäuschen. Das gab es natürlich zu meiner Zeit nicht mehr. Da gab es ja das neue Spital, Krankenhaus an der Schmiederstraße. Da kam ich auch auf die Welt nach Büscheme.

In Calw wird die Nagold ja wesentlich mehr wirtschaftlich, flusswassertechnisch genutzt als in Tauberbischofsheim. Sie teilte sich bei einem Stauwehr in zwei Arme. Es gab noch die sogenannte Insel, die Inselgasse. Beim Eisenbahnbau wurden sowohl im Nagoldtal und im Taubertal italienischer Arbeiter eingesetzt, die die einheimische Kleinstadtwelt mit Fremdheit konfrontierte. In Calw ließen sich in der Inselgasse italienische Familien nieder. Ob sich in Büscheme in der Türkengasse Türken niedergelassen haben, was zur Benennung Dörgei führte, ist unklar, zweifelhaft. In Calw waren die italienischen Familien, Familiennamen lange Realität. Das holte Büscheme erst in de 1950ern und später nach.

Calw hatte mit der Bischofstraße eine Vorstadt, mit prächtigen Häusern, die es mit den Häusern am Marktplatz aufnahmen, bzw. diese in ihrer Bauform übertrafen. Bischofsheim hatte eine westliche Vorstadt, Voorschd genannt. Leider durch einen großen Brand ist wenig von der ursprünglichen Bausubstanz vorhanden geblieben. Die rokoko-klassizistisch anmutende Sonnenapotheke ist hier das Schmückstück. Es dominiert der wilhelminische Baustil. Viele der besonders großartigen Gebäude in Calw wurden von demselben württembergischen Architekten entworfen. Das gilt nicht für die büschmerischen großbürgerlichen Gebäude. Das Bögner-Palais ragt in Büscheme heraus. Mehr eine Schloßvilla. Weinadel, kein echter Adel ist hier Pate. Weinreichtum, nicht Geburt, Blutlinie spiegeln sich hier. Die Vorstadt auf der anderen Seite entwickelte sich erst in ihrer Gründerzeitlichkeit nach 1890. Der Wohnbereich, in dem ich aufwuchs, war um 1960 noch ein vom Altstadtkern weit entferntes Neubaugebiet. Der Brenner wurde erst danach als Neubaugebiet erschlossen.

Die Calwer Altstadt weist eine ziemliches Gefälle zur Nagold hin auf. Es gibt steil ansteigende Gassen. Die Unterstadt Büschemes dagegen liegt in einem flachen Bereich. Den Marktplatz noch eingeschlossen. Erst danach steigen Hauptstraße, Pfarrgasse / Liobastrasse, Manggasse hößenmäßig an. Der Büschemer Marktplatz ist großartig angelegt. Er überrascht jeden mit seiner Größe, aber auch Leere. Er scheint rechteckig zu sein. Bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass fast jedes Haus die Fluchtlinie bricht. Dieses Brechen gibt dem Marktplatz Büschemes seine ästhetische Wirkung. Die funktionale Notwendigkeit eines derartig großen Marktplatzes hat Bischofsheim inzwischen verloren. Deshalb weiß man heute auch nicht mehr so richtig viel mit dieser Größe anzufangen. Die großen Karawanen der Geleitzüge müssen nicht mehr auf dem Marktplatz untergebracht werden. Als Götz von Berlichingen bei Mergentheim einen Nürnberger Geleitzug auf dem Weg nach Bischofsheim überfiel, hatte er ca. 120 Mann aufbieten müssen. Von befreundeten adligen Rittern der näheren und weiteren Umgebung in Franken ausgeliehen. Das unterstreicht. welche Länge, Größe, personelle Besetzung damals ein Geleitzug hatte. Diese verkehrten in Messezeiten in geringen zeitlichen Abständen. Der Calwer Marktplatz zeigt sich schmal und länglich. Mit großen Brunnen. Der Büschemer Röhrenbrunnen neben dem Missionskreuz beim Rathaus sah dagegen kläglicher aus. Ohne die Calwer Schönheit, die Hesse am dortigen Brunnen gefiel. Hesse sprang als kleiner Junge in den unteren Marktbrunnen. Und wurde von einer jungen Frau gerettet. Reale oder poetische Rettung? Ich hatte in Büscheme so ein Untergangs- und Errettungscenario nicht. Obwohl mir das zweite davon durchaus gefallen hätte. Am neuen Büschemer Brunnen bei der Liobakirche ließe sich das ja nachholen. Aber ob mich ein junge Frau herausziehen würde? Herausziehen könnte? Das läßt einen vorausschauend ans Abnehmen denken. Der Calwer Marktplatz sowie der Büschemer haben bei den begleitenden Häuserfronten Verluste erlitten. Die Raumwirkung der Marktplätze blieb erhalten. Die Büscheme haben wir nun Fassaden-, Fachwerkssimulationen.  Zu Hesses Zeiten war der Marktplatz noch voll mit Pferden, Kühen, Wagen und Wägelchen, Fuhrwerken, Handwerker konnte man noch direkt bei der Arbeit beobachten. Das sieht man auch auf alten Fotos des Büschemer Marktplatzes. Der hat seine Schattenseiten bei den Appellen des Dritten Reiches erlebt. Da gibt es noch erschreckende Fotos davon, wie sich das Rote Kreuz als Blutopfer auf dem Marktplatz in den Nationalsozialismus einreiht. Einige der wichtigen Gebäude des Calwer Marktplatzes sind vom württembergischen Hofbaumeister Fischer geplant worden. Um 1800 herum. Die MarktplatzBauten Büschemes sind älterer Herkunft mit dem Bögner-Palais als Glanzstück.

Das Calwer Rathaus übertrumpft bei weitem das Büschemer Rathaus mit seiner Reichspostneugotik von 1866. Beide Rathäuser haben zum Marktplatz hin eine Säulen-, Pfeilerfront. Das Rathaus hat früher auch noch eine öffentliche Funktion als Marktbereich, Markthalle, Fleischerbank. In Büscheme erinnert eine Waage nach diese Nebenfunktion eines Rathauses, als nicht nur administrative Vorgänge das Rathaussein bestimmten. Beide Rathäuser weisen das Wappen ihrer Kleinstadt auf.

Die Geschäftshäuser der kleinen Ladengeschäfte gleichen sich in Büscheme und Calw. Das Erdgeschoß in beiden Kleinstädten meistens mit Bundsandstein gestaltet. Mehrheitlich im 19. Jahrhundert. Darüber thront das alte ehrwürdige Fachwerk. In Calw dominiert hierbei das Andreaskreuz. Die x-förmige Verstrebung der Gefache mit geraden Hölzern. Büscheme weist das fränkische Fachwerk auf. Neben dem Andreaskreuz ist hier oft die Ständerfigur des Mannes zu sehen. Also ein Ständer mit je zwei Kopf- und Fußstreben.

Hesse hat ausgerechnet die Bischofstraße, die vornehmste Straße mit den Prachtbauten als Gerbergasse Gerbersau benamt. In Calw wohnen die Weiß- und Lohgerber vornehmlich in der Ledergasse. Die Schlotterbecksche Gerberei aus der Erzählung Heimkehr war in der Badgasse. Hesse beschreibt die Ledergasse als den Straßenzug Calws, der noch die größte Ländlichkeit aufwies, noch am meisten mit Landwirtschaft verbunden war. In "Unterm Rad" wurde der bäuerliche Eindruck mit dem Vorhandensein von Heuwagen, Heugeruch festgemacht. Die Kleinstadt war um 1900 immer noch im Ackerbürgertum verankert. In Bischofsheim gab es ca. 10 Gerber. Die meisten wurden im städtischen Vermögensverzeichnis allerdings als arm eingestuft. Wohnbereich war die Gerbergasse. Von der es in Büscheme zwei gab: die untere - die heutige Gerbergasse, die obere, heute Bachgasse. Da die Felle und Häute oft ausgewaschen werden mußte, färbte sich das Gewässer im Gerberviertel blutrot. Ein Grund, warum die Gerber immer am unteren Ende der Kleinstädte in Gewässernähe angesiedelt waren. Das war in Bischofsheim, Calw so, ebenso in Weigands Frankenthaler.

Calw hat im engen Talgrund kaum Äcker, Felder. Büscheme liegt dagegen in einer Aufweitung des Taubertals. Mit ausreichend Platz für Wiesen, Gärten im Grund. Ackerflächen auf den erhöhteren Bereichen. Auf den sonnigen Hügelseiten Weinbau, teilweise bis an die flachen Bereiche heranführend. Die Büschemer Gemarkung ist entlang der Tauber eher schmal. Die Dittigheimer Gemarkung reicht ziemlich nahe an die ehemals befestigte Stadt heran. Dagegen zieht sich die Gemarkung in östlich-westlicher Richtung, gegen Großrinderfeld, gegen Königheim hin.

Das Calwer Gymnasium sollte auf Bestreben eines Lehrers nach Hermann Hesse benannt werden. In einer Provinzposse der alten Provinz wurde das damals abgelehnt. Argumente waren, dass Hermann Hesse mit Unterm Rad pädagogischen Bemühungen nicht gerecht werden würde. Manchmal bringt die alte Provinz merkwürdigste Begründungen hervor, besonders wenn sie gegen ein Nobelliteraturpreisträger gerichtet sind. Wesentlich flotter kam das Büschemer neue Gymnasium bei der Namensnennung davon. Mathias Grünewald. Das ist schon eine erstaunliche Wahl. Die hätte auch in Büscheme provinzpossesiver vonstatten gehen können. Man darf allerdings nicht verkennen, dass die Büschemer, der Büschemer Kirchengemeinderat, der katholische, es geschafft  hat, die Grünewaldschen Bilder zu verschachern. Das Weltberühmte, Einmalige, Großartigste aus der Kleinstadt hinaus zu schaffen.

Hermann Hesse wohnte in der Bischofstraße in der Nähe der Bahngleise. Die er gern überquerte. Aber erst nachdem er sich überzeugt hatte, dass kein Bahnbediensteter in der Nähe war. Die konnten beim unerlaubten, unvorschriftsmäßigen Queren der Bahngleise völlig gallig, giftig werden. Die Bahngleise wurden im Tauber- und Nagoldtal in den 1860er Jahren gebaut. Mit durchaus groß angelegten Bahnhofsgebäuden. Hesse beschreibt in mehreren Erzählungen sein heimatliches Ankommen am Bahnhof. Besonders den Abstieg der Bahnlinie von den Höhen ins Nagoldtal. Das kann Büscheme nicht bieten. Da muß man schon ein Stück weiter bahnfahren, ins Vorbachtal mit dem Aufstieg auf die hohenlohische Höhen, oder gen Angeldürn mit dem dortigen Anstieg. Bei Büscheme bietet die Bahnlinie nichts vergleichbar Dramatisches. Die Verengung des Taubertals nach Hochhausen schnürt auch die Bahnlinie im Taubergrund ein. Was auch ein schöner Landschaftsschaufaktor ist. Am Krappen finden sich die Mietshäuser der Eisenbahn für ihre Beschäftigte. Büscheme war ja kein Knotenpunkt. Das Eisenbähnle Richtung Königheim machte mit seinen verschiedenen Spitznamen Kennemer Bimmelbähnle, Kenjum, Brehmbachblitz, Kartoffeldämpfer, Ententöter seine Bedeutungslosigkeit wett. Gab aber keinen besonderen Anlass in Büscheme verstärkt Eisenbahner anzusiedeln. Den gründerzeitlichen Eisenbahnersiedlungscharakter haben deshalb nur die Viertel um den Laudaer Bahnhof. Hesse erwähnt in seinen Erzählungen "Kinderseele" und  "Unterbrochene Schulstunde" Oskar Weber aka Otto Weller, den Sohn eines Eisenbahnkondukteurs, also eine Lokführers. Er suchte die Freundschaft zu Oskar Weber, da dieser der Alltagswelt, der Lebenswelt der einfachen Leute nahe stand, aus dieser kam und sich in dieser wie selbstverständliche bewegen konnte. Hermann Hesse wuchs dagegen in einer von der alltäglichen Lebenswelt des einfachen Volkes abgeschirmten Sphäre auf. Ich selbst war durch den Beruf des Vaters als Heizer und Lokführer mit der Eisenbahn, dem Eisenbahnermilieu, der Eisenbahnergewerkschaft verbunden. Und fahre auch heute noch am liebsten mit der Bahn. Wenn ich auch meistens mit dem Bus von Würzburg in Büscheme ankomme. Also aus dem Nordwesten kommend mit dem ICE eintreffe. Schöner war da die Heimkehr nach Büscheme mit der Eisenbahn über Aschaffenburg - Miltenberg, entlang Main- und Taubertal, über Osterburken - Lauda, Crailsheim - Lauda. Da hatte man eine schöne Anfahrt. Und wurde auch gleich, wenn man im Zug beim Wartesignal auf Höhe des Überganges beim Höhberg stand, an die früheren "Schranke auf" Kommandos an der Schrankensprechanalage erinnert. Die man dann tat, wenn man schon lange illegal das Gleis überwunden hatte. An mir hätte Hesse allerdings keine so starke, abgeschlossene Verankerung in den Alltag gefunden wie bei Oskar Weber. Ich hatte ein starkes noch unerfülltes Sehnen aus dieser Eingebundenheit heraus. Hesse hätte mir da mit seiner familiären Umgebung des Büchermachens, Bücherherausbringens, mit einer großen Bibliothek einiges bieten können.

Neugotik herrscht sowohl in Calw als auch in Büscheme bei den Stadtkirchen vor. In Calw bei der evangelischen, in Büscheme bei der katholischen. Beide sind sehr dominant im Stadtbild mit ihren Schiffen und Kirchtürmen. Beide stehen erhöht gegenüber den Markplätzen. Zu Hesses Kinder- und Jugendzeit reichte noch eine elegante Freitreppe von der Kirche zum Marktplatz hin. In Büscheme führte ein schmales Kirchgäßchen direkt vom Marktplatz zur Kirche. Die Calwer Kirchenfreitreppe hat etwas vom gewaltigen Charakter der Haller Freitreppe. In Büscheme wurde das Pfarrviertel nahezu mit Flächenabrissen ausgelöscht. Der Riedernhof abgerissen. Wegen dem Kirchneubau, wegen dem Bau des Landratsamtes, wegen dem Bau von Mainkaufhaus und Volksbank. So viel auch in Büscheme von der Tradition gesprochen wurde, von deren Erhaltung und Pflege. Für das bauliche Erbe galt das lange nicht. Das herrschte Radikalsanierung, Kahlschlag, Neubaumodernismus.
Sonntags war für Hesse Kirchenzeit. Gelegentlich hielten der Großvater oder der Vater als Vertretung die Predigt. Hesse wählte gegenüber dem Besuch der Sonntagsschule immer die Anwesenheit in der Kirche. Las gern dabei in einem mitgebrachten Geschichtenbuch. In den letzten Jahren, in denen ich noch den Gottesdienst besuchte, stimmte auch nur noch der kunstlederne Umschlag. Des Gesangbuches. Der Inhalt des darin umhüllten Buches war ein anderer. Oft erwähnte Hesse in Erzählungen und Rückerinnerungen die lieblichen Lindenecke bei der Calwer Kirche. Die Büschemer Kirche weist nur einen leeren Rasenplatz auf bzw. Baumschatten beim Liobabrunnen.

Weder in Calw noch in Büscheme haben sich große Reste der ehemaligen Stadtbefestigung gehalten. Was den Büschemern ihrn Türmersturm ist, ist den Calwern der Lange. Ein eckiger Turm, der gleichzeitig auch Gefängnis war. Der runde Türmersturm wie nie auch ein Gefängnisturm. Das waren der untere Turm am unteren Tor und der Wasserturm. Sowohl in Calw als auch in Büscheme gibt es einen Zwinger. Der an die damalige Doppelbemauerung bei den Stadttoren erinnert.

Außerhalb von Calw und Bischofsheim lagen auf der Georgenhöhe, oberhalb der Eichenhalde, und auf dem Sprait (Spraat) die Richtstätten dieser Kleinstädte. In Calw das Schafott, in Büscheme der Richtplatz und der Galgen auf Sprait und am Büchelberg bei der Cent. Die letzten Hinrichtung fanden fast zeitgleich  1818 in Calw, 1820 in Bischofsheim statt. Die Einwohnerschaft hatte dazu versammelt zu erscheinen. Auf dem Büschemer Richtplatz wurde extra eine "Blutbühne" gezimmert. In Büscheme gab es ja auch noch die Vertelisspitze. Hier wurde ein Viertel eines Gevierteilen zur Schau gestellt. Am Büschemer Richtplatz wurde mit dem Schwert gerichtet. Der enthauptete Kopf wurde auf einem Marterpfahl aufgespießt.




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Hermann Hesse, Gesammelte Erzählungen, Zweiter Band 1906-1908. Die Verlobung, Frankfurt a. M. 1977
Hermann Hesse, Gesammelte Erzählungen, Dritter Band 1909-1918. Der Europäer, Frankfurt a. M. 1977
Hermann Hesse, Gesammelte Erzählungen, Vierter Band 1919-1955. Innen und Außen, Frankfurt a. M. 1977
Hermann Hesse, Knulp, Frankfurt a. M. 1979
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