Otto Heilig - der Grammatiker des Büschemerischen




Otto Heilig: Beiträge zu einem Wörterbuch der ostfränkischen Mundart des Taubergrundes. Beilage zu dem Programm der Grossh. Bad. Realschule zu Heidelberg. Leipzig 1894. 


Eine kleine Kostprobe zu seiner 1898 erschienenen Grammatik der ostfränkischen Mundart des Taubergrundes bot Otto Heilig mit seinem, nahezu modernen, die Kleinschreibung bevorzugenden Wörterbuch zur ostfränkischen Mundart des Taubergrundes. Allerdings priorisiert Heilig eine phonetische Umschrift vor allem des Tauberbischofsheimer Dialektes, also eine Darstellung nach lautgesetzlicher Art. Das erschwert dem in der Phonetik Ungeübten erheblich den Zugang zur Taubergründer Mundart. Erst mit dem von Otto Heilig herausgegebenen Gedichtband von Josef Dürr, Schlehe un Hasselnüss', G'schichtli un Gedichtli aus'm Taubergrund gelang eine dialektbestimmte Darstellung in Schriftform. Diese wirkte sich auf Nachfolger stilbestimmend aus. Otto Heilig, in Tauberbischofsheim als Gymnasiallehrer tätig, obwohl in Walldürn geboren, sprach die Bischemer Mundart schon seit seiner frühen Jugend und setzte ihr neben Josef Dürr das wichtigste Denkmal.



 

 

 

 



Otto Heilig: Grammatik der ostfränkischen Mundart des Taubergrundes und der Nachbarmundarten. Lautlehre. Sammlung kurzer „Grammatiken deutscher Mundarten“. Herausgegeben von Dr. Otto Bremer, Band 5. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1898

 
Gern, nahezu ehrfürchtig, nimmt man als Bischemer Bub Otto Heiligs großes Werk in die Hand. Mit der 1967 erschienenen überarbeiteten Ausgabe von Josef Dürrs ebenso großartig mundartigen „Schleh‘ unn Hoassel Nüss‘ erfuhr man erste Hinweise auf Heiligs Grammatik und in der eigenen Vorstellung erwuchs ungeheure Vorstellungen von diesem Buch, das man so lange begehrte und lange nicht in die Hände bekam. Naiv glaubte man an eine Grammatik, wie man sie am Matthias-Grünewald-Gymnasium Mitte der 60er vorgelegt bekam: knapp gehaltene Lautlehre, dann Formenlehre (Deklination, Konjugation) und als Steigerung die Satzlehre (Syntax).
 
Unvergeßlich das Erlebnis des Aufpralls der eigenen Mundart mit den Anforderungen humanistischer Bildung, das Mundartliche nicht nur energisch, sondern auch droh gebärdlich vertreibend wollend: Ein Cousin, auf die Frage nachdem Woher, antwortete mehrfach mit „Uissi“, die zunehmende Rotköpfigkeit und wallende Erregung des fragenden Lehrers ignorierend. Erst mit der Nennung „Uissigheim“ endete dieser Akt fast gewalttägig zu nennender Eindämmung der einheimischen Mundart. Gottlob Haag hob immer wieder wundervoll den Aufprall der hohenlohischen Mundart mit der durch Lehrer vorgetragenen Aufforderung zur Unterwerfung mundartlicher Prägung hervor: Schwäbische Lehrer, zur Nivellierung hohenlohischer Eigenarten – also auch der Mundart – abkommandiert, explodierten bei in hohenlohischer Mundart vorgetragenen Einwürfen: „Schwätzet Hochdeutsch!“ Selbstverständlich im breitesten Schwäbisch vorgetragen! Auch bei Zugfahrten von Stuttgart in Richtung Lauda war die Diskriminierung der fränkischen Mundart permanent offensichtlich: „Wie schwätzen denn die?“ war eine wiederkehrende Frage, die erst ab Lauffen, nachdem die „Schwoabensäckel“ endlich ausgestiegen, dankbarerweise verstummte.
 
Das Werk Heiligs beschränkt sich vornehmlich auf die Lautlehre, die Aussprache der ostfränkischen Mundart des Taubergrundes. Schriftliche Dokumente der Mundart lagen kaum vor. Heilig führt einige Proben der Urkundensprache, Bauernregeln, Kinderlieder, Dorfsprüche, Sagen sowie des musikalischen Satztones an. Gerade alte Urkunden eignen sich für eine grammatikalische Interpretation des Mundartlichen, da die Schreiber wegen Fehlens einer einheitlichen deutschen Schreibweise noch so schrieben wie sie auch sprachen. Sehr nachteilig ist die Darstellung der Mundart in phonetischer Schreibweise, die vielen Lesern zu ungewöhnlich wäre, wenn Heiligs Buch noch gelesen würde. Leider bemühte sich Heilig nicht darum, mundartliche Worte und Begriffe in eine Schriftform zu bringen. Das hätte seine Grammatik auch entsprechend den gewöhnlich Mundartsprechenden zugänglicher gemacht. Dies gelang erst 1919 mit der von Otto Heilig besorgten Ausgabe von Josef Dürrs „Schlehe un Hasselnüss‘. Allerdings wurde erst mit der 1967 sprachlich an die Mundart angepaßteren Schreibweise Ausgabe „Schleh‘ unn Hoasselnüss‘ das ostfränkisch Mundartliche Tauberfrankens in eine endgültigere Schriftform gegossen. Otto Heilig ist eindeutig der Pionier, hatte allerdings mit der Publikation von H. Breunig: Die Laute der Mundart von Buchen und dessen nächster Umgebung. Gymnasialprogramm von Tauberbischofsheim 1891 einen wichtigen Vorläufer. Auch Wilhelm Weigands 1889 erstmals erschienenes Werk „Die Frankenthaler“ gebührt für die Darstellung tauberfränkischer Mundart in seinem Roman entsprechender Respekt. Heilig betont selbst, dass die tauberfränkische Mundart „nur von dem gewöhnlichen Manne (vom Bauern, niederen Gewerbetreibenden u. dgl.) gesprochen“ (S. 2, §2) wird. Sie übt dagegen „auf den Gebildeten der Gegend wenig Einfluss aus“ (S. 2, § 2). Ob da die Spracherziehung im Tauberbischofsheimer Konvikt und seiner Vorgänger, insbesondere bei der katholisch geprägten Pfarrer- und Lehrerintelligenz eine wichtige Rolle spielte, sich von der eigenen Mundart zu emanzipieren oder gar zu distanzieren? Und den Schülern den Dialekt auszutreiben? Die taubergründer Mundart zeigte sich allerdings gegenüber der Schriftsprache als resistent, soll heißen hochdeutsches Schreiben und Lesen führt nicht allein zur Verdrängung des Mundartlichen. Dazu bedarf es wohl der Disziplinierung der Aussprache durch Lehrer, Eltern, der Selbstdisziplinierung (Abheben vom gemeinen Volk, Abwendung von der Region, der eigenen Herkunft, nicht der Region zugeordnet werden wollend) bzw. der Intellektualisierung). Die tauberfränkische Mundart selbst wird von Jung und Alt gesprochen, ohne dass eine sprachliche Differenzierung nach dem Alter auftritt (S.2, §2).
 
Warum stellt sich ein Entziehen der taubergründer Mundart ein? „Die Mundart klingt roh, massiv, abgehackt, weniger flüssig und geschmeidig als das Rheinfränkisch bei Heidelberg“ (S. 5, §7). Vielfach werden sich Tauberfranken in der Fremde selbst peinlich berührt empfunden haben, wenn sie bei einer Anfrage mundartlich antworteten. Zu sehr hatte die Marginalisierung des nordbadischen Hinterlandes persönlich empfundene Stigmatisierung hervorgerufen, zu sehr läßt die eigene Mundart in einer entfernten Stadt ausgesprochen das eigene Hinterwäldlersein, das Entstammen aus einem Krähwinkel oder gar Bauerndorf, aus einer zurückgebliebenen, stark bäuerlich geprägten, unterentwickelten hinterländlichen Region erkennen. Mit der neuen sozio-kulturellen Durchmischung der tauberfränkischen Kleinstädte und ihrer jeweils umgebenden Kleinregion seit den 1980er Jahren wird die tauberfränkische Mundart nicht mehr als Brandmal ländlicher Herkunft empfunden, sondern ist zunehmend auch ein Stilmittel der kulturellen Distinktion, Ausdruck regional geprägter Prosperität, Differenzierungsmittel selbstbewußter Herkunft.
 
Wo werden die Taubergründer Mundart und direkte Nachbarmundarten gesprochen? Die Bezeichnung Taubergrund ist inzwischen längst verblichen, wird nicht mehr benutzt, durch Tauber-Franken abgelöst. Wie läßt sich die Taubergründer Mundart spezifizieren, von anderen Mundarten unterscheiden? Generelle Unterscheidung ist die Zugehörigkeit zum ostfränkischen Sprachgebiet. Die ostfränkische Mundart des Taubergrundes trennt sich in der konsonantischen Verschiebung des germanischen „p“ zu „pf“ vom benachbarten rheinfränkischen Sprachgebietes (S. 2, §3). Die Umgebung von Buchen, Mudau, Hainstadt, Walldürn ist dabei ein sprachliches Übergangsgebiet. Otto Heilig teilt die Taubergründer Mundart und direkte Nachbarmundarten in sprachlich zusammenhängende Gebiete ein, die allerdings nicht als völlig einheitliche verstanden werden dürfen: Tauberbischofsheim; Nord (N) mit Hochhausen, Werbach, Reicholzheim; Westen (W) mit Königheim, Uissigheim, Külsheim, Gissigheim, Brehmen, Dittwar; Süden (S)mit Dittigheim, Distelhausen, Gerlachsheim, Königshofen, Heckfeld, Windischbuch; Osten (O) mit Grünsfeld, Poppenhausen, Krensheim, Grossrinderfeld (S. 3, §5). Auffällig ist jedem, dass in unserer Mundart vielfach z. B. für Ortschaften mehrere Aussprachen möglich sind. Für Uissigheim „Üssi“ und „Üssiche“, für Gissigheim „Gissi“ und „Gissiche“, für Tauberbischofsheim „Büschi“ und „Bischeme“, wobei Wertheimer hier hinterlistig „Bschisme“ anführen. Heutige Nennungen wie „Tauber“ und „Tbb“ entziehen sich nahezu dem Mundartlichen, da Bischofsheim erst nach der Badisch-Werdung den Zusatz Tauber erhielt. Die Gaumundart des Grün- und Wittigbachtales steht der Sprache des Taubergrundes „nahezu als fremdes Idiom“ (Vorwort, Seite VI) gegenüber. Ein Ausläufer der Ochsenfurter Gaumundart oder alt-alemannischen bzw. thüringischen Einflusses? Diese Frage läßt Heilig offen (Vorwort, Seite VI). Der Übergang vom Ostfränkischen zum Rheinfränkischen vollzieht sich auffälligerweise auch nahezu analog zur geologischen Unterscheidung von Muschelkalk und Bundsandstein-Gebieten (ungefähre Grenzlinie Wertheim, Külsheim, Walldürn, Buchen) (S. 1, §1).