Rosengasse

 

Die unscheinbarste Gasse Büschemes. Nur wenige kennen ihren Namen. Wenn auch doch mehr als man denkt durchs Gäßchen laufen. Gern verglichen wir früher unsere Kenntnisse der Büschemer Gassen, Wege, Straßen, Flurnamen. Und wetteten, wer die Straßennamen besser als der andere kannte. Auf die Rosengasse konnte man setzen. Die kannte einfach kaum jemand. Das war auch gern gut für eine Extrawette. Da war man auf sicherem Boden. In der Rosengasse wohnt niemand. Die Rosengasse nennt niemand als Adresse. Keiner spricht in Büscheme von der Rosengasse. 


 

Sie gibt ja auch bei genauerem Beschau nicht viel her. Nur ganz wenig. Sie ist kurz. Kürzer als kurz. Kaum angefangen, schon beendet. Also unschaubar und dazu eine der kürzesten Gassen der Altstadt. Fast Hauslos. 


 

Wahrnehmungslos durcheilen die Büschemer diese Gasse. Ohne dass sich der Blick an Besonderem festmachen kann. Die Rosengasse als bloßer Durchgang. Wird von den Geschäften der Hauptstrasse definiert. Und von hinten her durch Liobabrunnen, St. Martinskirche und Freiplatz. Die Rosengasse hat nur dienenden Charakter. Ein Eigenleben ist ihr nicht vergönnt. Seitdem das Restaurant Arena um den Liobabrunnen Tische und Stühle als Biergarten mit Restaurantbetrieb anbietet, hat die Rosengasse einen Funken an Eigenfunktion bekommen. Aber nur an ihrem Übergang zu den Freiräumen links und rechts. In der kurzen bebauten Phase der Rosengasse bleibt sie eigentümlich selbstcharakterlos. Ohne jeglichen Eigensinn. Ohne inneres Sein. 


 

Ist der Türmersturm der Turm in Büscheme, der nicht nicht gesehen werden kann, so ist die Rosengasse die Gasse, die in Büscheme nicht nicht übersehen werden kann. Das läßt sich auch schon daran erkennen, dass der Schreiber dieser Zeilen, trotz einer Manie der Büscheme Abfotographiererei in den letzten Jahren, kein Bild der Rosengasse von der Hauptstraße her hat. Nur Fotos von hinten her. Vom Liobaplatz /-brunnen her. In der Fußgängerzone lenkte der Hahn vom Hahn einen ab. Und noch weiter früher, als es noch den Mainhard statt den Hahn gab, hatte man immer einen mütterlichen Auftrag, der einen zum Mainhard führte. Und da ging man ja von vorne, von der Hauptstrasse aus hinein. Keinen Blick für die Rosengasse verschwendend. Es gab ja auch keinen Kaugummiapparat dort, der einen dahin hätte ziehen können. Zum Friseurladen gegenüber ging man auch nicht, da man zum Baumann zum Abfrisieren geschickt wurde. Schließlich gab es dort Mickey Mouse Hefte zu lesen. Was einem das Wegmachen der Haare erleichterte. 


 

Gäbe es nicht zwei Straßenschilder, eigentlich Gäßchenschilder, mit der Aufschrift Rosengasse, man könnte die Rosengasse für ein reines Phänomen halten. Für ein reines Gedankenkonstrukt. Die Rosengasse ist die büschmerische Art der Bielefeld Verschwörung. Auf die Schnelle und in die hohle Hand geschätzt, kennen über 95% der Büschemer die Rosengasse nicht. Von ihrem Namen her. Gut dass es Google maps oder Bing gibt. Damit kann man heute sich überzeugen, dass es eine Rosengasse in Büscheme gibt. Das war ja früher nicht so einfach möglich. Wenn man auf die Rosengasse setzte beim büschemerischen Straßennamenkennenstreitspiel. Da konnte der andere einfach sagen, die gibt es nicht, und heißt zudem nicht so. Und wenn es sie gäbe, würde sie anders heißen. 


 

Die Rosengasse hat es in Büscheme nicht leicht. Sie hat in ihrer Nichtexistenz für die Büschemer einen äußerst schwierigen Stand. Das ist keine leichte Aufgabe für so ein kurzes, nicht beachtetes, nie zu voller Größe und Länge ausgereiftes Gäßlein. Man kann schon verstehen, dass die Rosengasse fast selbst an ihrem Vorhandensein zweifelt. Sich in ihre Leere zurückziehen will. Noch unsichtbarer machen will als sie es schon ist. 


 

In Büscheme gab es mit der Rosengasse eine Version der Bielefeld Verschwörung, da gab es Bielefeld noch gar nicht. Da redete keiner von Bielefeld, wußte keiner was von Bielefeld. Überhaupt nannte keiner Bielefeld. Schon gar nicht in Büscheme. Da wurde eher die Rosengasse genannt als Bielefeld. Obwohl selbst in Büscheme keiner die Rosengasse kannte. Oder bei ihrem Namen nannte. Das sollte mal durch die Rosengasse gesprochen den Bielefeldern klar machen. Gegenüber der Nichtkenntnisnahme der Rosengasse in Büscheme hat Bielefeld sehr viel Wert verloren. Da müßte man sich schon gegen die Rosengasse verschwören, um das nicht einzusehen. Obwohl es selbst für Eingeweihte kaum verständlich ist, warum es so gekommen ist. 


 

Ein Gang durch die Rosengasse ist wie ein Gang durch die Unvorstellbarkeit. Wie kann man das Nichtsehbare sehen? Das Unschaubare schauen? Und ihm auch noch einen Namen geben? In Büscheme ist letzteres mit der Rosengasse gelungen.


 

Die Rosengasse ist trotz alledem ein genauer Blick von vorn wert. Auch wenn dieser den wenigsten Büschemer gelingt. Wer heute aus dem Quickschuh (Standort ehemaliger Marstall, um 1850 durch den Neubau der Wirtschaft Zum Deutschen Hof ersetzt) heraustritt, blickt zunächst erstmal aufs Smartphonedisplay. Erhebt sich dann der Kopf, ist die Rosengasse, der Eingang in diese, schon längst wieder entschwunden. Den genauesten Blick von vorne in die Rossegasse habe ich am Ostern 2016 nachgeholt. Und fotographiert. Aber erst, nachdem ich von hinten her die Rosengasse durchschritten habe. Das Bewußtsein zur Rosengasse bestimmt das Sein. Schon macht sich der suchende, findende Blick an Vielmehr als früher Gesehenem, Erinnertem fest. Direkt beim Eintritt in die Gasse erblickt man beim Hahn gerundete Thermometer, Barometer. Wenn auch zugestaubte. Früher warf man oft einen Blick darauf. Um kommendes, zukünftiges Wetter vorauszuahnen. Smartphone Apps, die das heute liefern, gab es ja nicht. Das obere Fachwerk mit Andreaskreuzen des Mainhard/Hahnhauses ist durchaus beachtenswert. Ebenso die Kellerfenster. Durchs Fenster konnte man am Ende des Hauses, der Rosengasse, in die Werkstatt des Uhrmachers, Juweliers, Brillenmachers schauen. Von der Hauptstrasse betrachtet, offenbart auch das Arenahaus kaum beachtetes Fachwerk. Das das Fachwerk vom Mainhardhaus aufnimmt, repliziert. Ein Schild, das auf den Biergarten am Liobaplatz hinweist, negiert auf büschemerischte Weise die Rosengasse. Nicht die Rosengasse ist das Ziel, sondern ein anderes. Erneut nur bloßer Durchgang, nicht Eingang in ein Daseiendes. Weder da noch hier noch dort scheint die Rosengasse zu sein. Obwohl sie so fest gefügt ins das städtische Getriebe zu sein scheint. Zu kurz ihre Funktion als Gasse. Zu kurz um Haltepunkt in der Lebenswelt zu sein. Es gibt für die Rosengasse bisher nur ein Hindurch. Keinen Halt, keinen Anhalt, kein Aufmerken für das Wesen dieser Gasse. Steht mal jemand kurz vor der Rosengasse, dann schaut er kurz auf die Speisekarte von Arena. Der Büschemer schreitet bloß durch die Rosengasse. Er nimmt sie nie wahr. Ans Arenahaus ist eine Sitzbank angelehnt. Niemals sah man dort jemand sitzen. Die Sitzbank ist hier mehr abgestellt als aufgestellt. Die Rosengasse ist zwischen den Häusern mit den Bodenplatten der 1970er Fußgängerzone bedeckt. Das zeigt ihre Einvernahme als Zubringer für die obere Hauptstraße deutlich an. Interessanterweise wurde die Fußgängerzone zwischen Hahnhaus und ehemaligen Standort des 1854 abgerissenen Marstalls (ehem. Wirtschaft zum Deutschen Hof, ehem. Metzgerei Hörner, Quick) abweichend von der üblichen Versteinung der Fußgängerzone mit quadratischen Platten belegt.


 

Geschäftsläden gab es in Büscheme einige. Das waren meist noch Inhaber geführte Läden. Mit beschränkter Verkaufsfläche. Und eingeschränktem Angebot. Ein Laden wie der Mainhardt (Jetzt Uhren-Hahn) dagegen suggerierte mit seiner Aufmachung unserem kindlichen Gemüt, alles zu haben. An allen Wänden gab es Schubkästen, in denen das Benötigte, das wir im Auftrag der Mutter zu besorgen hatten, auch vorhanden war. Die Mutter verlangte sowie eher nach dem Gewöhnlichen, dem des häuslichen Bedarfs Entsprechenden, als Ungewöhnliches. Auf all diese Wünsche hatten die Verkäuferinnen im Mainhardt eine Antwort. Uns Kindern erschien dieser Laden als Antwort auf alle Fragen. Auf alle Wünsche. Bedarfe. Als das perfekte Warenhaus. Nie gingen wir ohne das Gewünschte nach Hause. Beim Mainhardt ging es allerdings ja nicht um unsere kindlichen Wünsche sondern um Knöpfe, Nadeln, Borde, Gummibänder usw.  


 

Gegenüber dem Liobabrunnen wird das unbebaute Rasenstück von Steinen abgegrenzt. Wie das Gemarkungssteinfeld beim Schloß. Ein Gemarkungsgrenzstein ist auch deutlich sichtbar. Warum die Steine hier stehen ist unklar. Man hätte hier historisch exakt Zehntsteine aufstellen können, die aus dem kirchlichen Zehnt stammen. Falls es welche gibt.


 

Auf dem Platz des Liobabrunnens, auf dem besteinten Rasen und dem Parkplatz standen früher Häuser. Die im Zuge des Kirchenneubaues abgerissen wurde. Das Hahn- / Mainhardhaus war bis 1803 die mainzische Domkapitelsfaktorei. Im Hof gab es noch Speicher und Lagerhäuser, die aber schon abgerissen sind.


Offen ist die Frage, warum die Rosengasse Rosengasse heißt. Und die Frage seit wann. In einem Lageplan zur Neuerrichtung der Stadtkirche um 1910 war sie als Rosengasse eingezeichnet. Und wenn sie früher mal anders geheißen hat, wie. Falls es sie damals überhaupt gegeben hat.


 


 




 


 


 

Die Rosengasse als Abstellort


Der büschemerische Blick zielt an der Rosengasse vorbei



Die Rosengasse nimmt die Bodenplatten der Fußgängerzone auf - die ist allerdings hier abweichend mit großen quadratischen Platten gestaltet




 

 

Steht jemand in der Rosengasse, dann ist nicht die Gasse im Auge, sondern ein Anderes, hier der Speiseplan



Der Büschemer jederlei Geschlechts und Alters durchschreitet die Rosengasse ohne sie in Blick zu nehmen. Das Auge zielt stets in die Ferne, auf Weiteres. Man schaut in Richtung Quickschuh. Früher Standort des Marstalles. 1854 abgerissen zugunsten eines Neubaus der Wirtschaft Zum Deutschen Hof und eines Stallgebäudes.