Kleinstadtforschung


Mein Geburtsort, meine Kindheit, meine Jugendzeit in Tauberbischofsheim konfrontierten mich mit dem Kleinstadtleben. Aber auch die umliegenden Kleinstädte wie Külsheim, Grünsfeld, Lauda, Boxberg, Wertheim, Bad Mergentheim, Walldürn, Buchen. Es ist auffällig, welche Kleinstadtdichte unsere Region, der benachbarte Raum hat. Und dass in diesem großen ländlichen Raum größere Städte fehlten. Die Perspektive hieß für viele Abwanderung in den städtischen Raum. Mit der Jugendhausbewegung im tauberfränkischen Raum sowie Odenwald, Hohenlohe, entstand zum ersten Mal ein Diskussionsforum über die Provinz. Und die darin befindlichen Kleinstädte und Dörfer. Über Strukturen, Machtverhältnissen, Lebensformen. Im Traum-a-land Zusammenhang wurde das Leben in der Provinz, in den Kleinstädten, zu einem wichtigen, zu einem permanenten Thema. Das mich auch auf den weiteren Lebenswegen begleitete. Bis heute. In der Zeitschrift PRO REGIO und mit der Onlinepublikation PRO-REGIO-ONLINE beschäftigten wir uns in den letzten Jahrzehnten ausführlich mit dem Wandel der Kleinstädte. In meinen Beiträgen war der tauberfränkische Raum mit seinen vielen Kleinstädten, war Tauberbischofsheim auch immer der Resonanzboden für Analysen. Das Thema Kleinstädte wird von der Wissenschaft sehr stiefmütterlich behandelt. Es gibt nur selten Publikationen. Es gibt kaum eine Forschungstradition zum Thema Kleinstadt. Wenig zur aktuellen Entwicklung der Kleinstädte. Zum Wandel von Kleinstädten seit 1945 siehe:

http://www.pro-regio-online.de/downloads/klein1.pdf 

http://www.pro-regio-online.de/downloads/klein6.pdf

http://www.traumaland.de/html/ab_1945.html

http://www.traumaland.de/html/kleinstadte.html
Hier ist die Beobachtung aktuellerer struktureller Entwicklungen tauberfränkischer Kleinstädte, damit auch besonders Tauberbischofsheims, eingeflossen.

TauberBischofsheim hat mehrere Phasen von Entwicklungen erlebt. Eine selbstbewußte bis zum 2. Juni 1525. In der man in der Landschaft des Mainzer Oberstiftes eine führende Rolle einnahm. Eine geknechtete unter der Knute von Kurmainz bis Napoleon kam und alle Zuordnungen ändernde. Wenn auch eine Zeit des erfolgreichen Weinbarocks. Eine hinterländische als badischer Provinzort mit Verlust der bisherigen Wirtschaftsbedeutung als Weinort mit kultureller Provinzialisierung bis in die 1980er Jahre hinein. Eine modernisierte als aufstrebende Kleinstadt in Prosperität seitdem. 
 
Das Bild von Bischeme, Büscheme, Bischi, von TauberBischofsheim ist allerdings immer noch geprägt vom Bild eines Provinzortes. Weltfern, hintendran. Aktuelle Tendenzen werden meistens nicht wahrgenommen. Tauberbischofsheim ist kein Tauberbischofheim. Also kein Heim für einen tauben Bischof. Um mal diesem Kalauer einzubringen. Einen Bischof gab es also nicht. Jedenfalls nicht als direkten Einwohner. Bischofsheim war eine Amtsstadt an der Tauber. Jahrhunderte lang eine kurmainzische. Der kurze Aufstand während des Bauernkrieges wurde mit vollständiger Unterwerfung beantwortet. Statt zu einem Zentrum frühbürgerlicher Revolution und christlicher Reformation wurde Bischofsheim zur Stätte von Gegenreformation und Innerer Mission. Das prägte den Bischemer Untertanen-Geist.
 
Tauberbischofsheim ist eine süddeutsche Kleinstadt. Die Ummauerung sorgte für eine dichte innerstädtische Besiedlung. In der Unterstadt waren die Quartiere links und rechts der Hauptstrasse die der Unterschichten: Häcker, Tagelöhner, Ziegenbauern, Gerber usw. Einige Quartiernamen wie Dörgei, Wallachei, Mongolei, Bolagei und Kloa-Venedich zeigen dies an. Die Stadtmauer engte den kleinstädtischen Horizont ein. Der Niedergang der Weinwirtschaft führte zur Provinzialisierung. Anschluss an die Industrialisierung wurde zunächst nicht gefunden.  
 
Die Ansicht des *bischemer* Stadtbildes hat im Verlauf der letzten Jahrhunderte einige Veränderungen erfahren. Abriß der umgürtelnden, einengenden Stadtmauern und Stadttürmen. Begradigung des Tauberverlaufes. Bau der Bahnlinie. Stadterweiterungen. Abriß von Stadtvierteln. usw. Autoren wie Wilhelm Heinrich Riehl, Wilhelm Weigand, Friedrich Alfred Schmid Noerr, Carlheinz Gräter haben ausführliche Schilderungen des Stadtcharakters, sowohl des Stadtbildes als auch der Bewohner hinterlassen. Innensichten, des einfachen Häckerlebens, der Provinzialisierung dieser Kleinstadt, bieten Josef Dürr, Hugo Pahl, Otto Heilig. Wilhelm Heinrich Riehl befand Tauberbischofsheim bei seiner Wanderung auf dem Weg zu einer „halbwegs neuen Stadt“. Baulich ist das umgesetzt. Den altstädtischen, wohlgeformten Baukörper umgestülpt. Das Alte flächenhaft entfernt. 
 
Wilhelm Weigand präsentiert an einigen Stellen in den mehrfach überarbeiteten Auflagen seines Romanes "Die Frankenthaler" die resignierte Alltäglichkeit, Spießbürgerlichkeit, den ewigen, sich wiederholenden Kreislauf Bischofsheims um 1900 herum: "... war mit der Zeit klein, lahm und buckelig geworden und zum philisterhaften Spießbürger herabgesunken. Alles, ohne Unterschied der Person oder des Standes, lebte gedankenlos von der Hand in den Mund. ... und die Gewerbetreibenden, samt den Stadtbauern, die mit den gleichen Augen wie ihre friedlichen Ochsen durch die Tore gingen, hatten Mühe genug, sich auf den Beinen zu halten, und waren, aus purer Angstmeierei, jeder fruchtbaren Neuerung von Grund aus abgeneigt. ... irgendeinem blöden Spießbürger, der in seinem ganzen Mostschädel nicht so viel Ideen besaß, als er in seiner kleinen Zehe. Die Beamten aber, die sich von dem Mark des Volkes mästeten und hochmütig in ihrem Kasino beisammenhockten, waren in ihrer Art nicht besser. Diese ganze Gesellschaft hatte keine Ahnung, wieviel Uhr die Weltgeschichte geschlagen hatte". Die Kritik Weigands an der biederen engen Alltäglichkeit, am immer wiederkehrenden Kreislauf ähnelt stark der kritischen Sicht Hermann Hesses an seinem Geburtsort Calw, aka den kleinen Erzählungen um Gerbersau. Hesse und Weigand sind sich begegnet: Bei den süddeutschen Monatsheften. Weigand als Herausgeber, Hesse als Autor mit dem Erstdruck "In der alten Sonne". 1905. Das Gerbersau zum Thema hatte. Ob Calw, Gerbersau, Frankenthal oder Tauberbischofsheim - die ausgebliebene Modernität, die kleinstädtisch-kleinbürgerliche Enge, das fehlende Weitdenken, das biedere Herumwirtschaften der Honoratioren, die Welt der kleinstädtischen Sonderlinge und ihre Sprüche - diese Kleinstädte hatten ihre literarisch begabten Kritiker und scharfsinnige Beobachter. Und wurden in deren Erstlingswerken zur Literatur. 

Das Thema Kleinstadt begegnet einem durchaus in der Literatur und Wissenschaft. Aber man muss sich auf das Thema einlassen wagen. Es gibt ja viel größere Themen, mit denen man glänzen kann. Die Kleinstadt, die Provinz, das bleibt immer gern im akademischen Abseits. Man wohnt als Wissenschaftler zwar gern im ländlichen Ambiente, beschäftigt sich aber inhaltlich wenig mit ihm. Es wird zwar gern über Kleinstädte gesprochen, aber viel zu wenig analytisch. Adorno lobte Amorbach als Städtchen, das ihn quasi auf alles Spätere vorbereitete, indem er das Städtische, das Urbane finden konnte. Das würde ich von Tauberbischofsheim so nicht behaupten wollen. Es fehlte mir an Tauberbischofsheim doch so einiges. Von dem, was ich wollte, von dem, wohin ich wollte. Aber es hat mich als Kleinstädter geprägt.