Gymnasium


 

Adam Kempf: Erlebtes und Erlittenes. Gedichte. Eigenverlag. Werbach 1987.

Als dieser Gedichtband 1987 erschien, wurde er zunächst ohne größere Aufmerksamkeit und ohne nachhaltige Wirkung wieder beiseite gelegt. Die Rasterfahndung der eigenen Kriterien was ein Buch für einen wertvoll, interessant macht griff bei den Versen Kempfs, den man am Tauberbischofsheimer Grünewald Gymnasium einige Jahre als Lateinlehrer erlebt hatte, nicht. Kempf, aus Werbach stammend, in Werbach wohnend, war wohl einer der wenigen Lehrer, die mit dem voll gefüllten Schülerbus mittendrin in der lärmenden Schülerschar zur Schule fuhren. Das war auch die Welt Adam Kempfs: Die Schule, das Gymnasium, Latein und Griechisch. Endgültig verdeutlicht im Gedicht „Sehnsucht nach der Schule“ (Seite 52): „Möge Gott mich gesund erhalten! / Nie wird meine Lieb’ erkalten / Zu den alten Griechen, Römern. Hab’ stets Sehnsucht nach den Räumen, / Wo ich einst als Lehrer stand / In der „Alten“ Zauberland.“ Zufälligerweise wurde man auf die Gedichte Kempfs aufmerksam, als man den ehemaligen Lehrer in den 80er Jahren bei einer Schienenbusfahrt von Bad Mergentheim in Richtung Lauda erleben konnte, wie er übernächtigtem, vom Alkohol gezeichnetem Jungvolk, deklarierte, dass er Hunderte von Gedichten geschrieben habe und zudem mehr oder weniger eine kostenfreie Schulstunde hielt, die allerdings wenig fruchtete, da das angeschlagene Jungvolk wohl kaum die humanistische Bildung eines Gymnasiums erfahren hatte und sich über die Bemühungen Kempfs eher belustigte, den älteren Herren mehr schrullig empfand. Der erstaunliche Prachtband „Tauberfränkische Schatztruhe. Versuch einer Anthologie“ von Bruno Rottenbach, Frankonia Buch, Tauberbischofsheim 1997(?) nahm Kempf mit der Wertung „ist nicht alles große Dichtung“ auf. Große Dichtung, das war auch nicht die Intention, der Anspruch Kempfs. Der Widmung ist zu entnehmen, dass er alle Zeilen nur für seine Lebensgefährtin, seine Ehefrau schrieb. Kempf gibt Auskunft über sein Leben, seinen Werdegang, über sein schulisches Erleben und Wirken, über seinen Herkunftsort Werbach. Die Gedichtzeilen, die oftmals holprigen, oft auch sehr schlichten Verse von Kempf machen sein Leben, seine Lebenseinstellung nachvollziehbar.

Kempf, wie viele Lehrer und Pfarrer aus Tauberfranken, dem Odenwald, dem Bauland, dem Gau, stammte aus ärmlichen Verhältnissen, der Vater war Steinhauermeister und Nebenerwerbslandwirt. Insofern war Kempfs Weg ins Gymnasium nicht vorgezeichnet. Wie bei vielen in unserer Region erkannte der Ortspfarrer sprachliche Fähigkeiten in dem Jungen, erteilte diesem Sprachunterricht in Latein und machte den jungen Kempf Gymnasiumsreif. Zu Fuss zum Bahnhof in Hochhausen nahm Kempf den alltäglichen Weg zur Schule. Da damals noch die Ansicht herrschte, dass Klassenarbeiten in der ersten Stunde geschrieben werden müssen, da hier noch die Schüler geistesmäßig am frischesten, konnte die Klassenarbeit erst angefangen werden, wenn Kempf – als Letzter an der Schule eintreffend – vom Tauberbischofsheimer Bahnhof anmarschiert war (Gedicht auf Prof. Leo Schleyer, Seite 104). Die Schüler aus Tauberbischofsheim und dem Konvikt hatten einen zeitlichen Heimvorteil gegenüber Kempf, konnten früher erschienen, waren nicht an einen Fahrplan gebunden, nicht Zugverspätungen unterworfen. Kempfs Vater hatte ihm den Besuch des Konvikts empfohlen (Vaters Vermächtnis, Seite 72), was aber wohl nicht realisiert wurde. Kempf dichtet von seinen ehemaligen Lehrern und Direktoren wie von huldvollen Majestäten, Zeus gleich, die ihm höhere Weihen zukommen ließen. Selbst der Hausmeister des (alten) Tauberbischofsheimer Gymnasiums wird von ihm hoch gelobt (Gedicht auf Direktor Eduard Rach und seinen Hausdiener Lorenz Kraft, Seite 85 und Gedicht auf Lorenz Kraft aus Böttigheim, Seite 106). Stammte nicht der in Tauberbischofsheim bestens bekannte Ausspruch „Der Herr Direktor und ich haben beschlossen“ von Lorenz Kraft? Kritik an seinen Lehrern wird von Kempf nicht geübt. Vaterfiguren sah er in ihnen, besonders nachdem sein Vater früh verstarb. Lehrer erkannten seine sprachlichen Begabungen und förderten ihn. Einen Schülerstreich, den Kempf in der Obertertia verübte, indem er dem Lehrer einen Gummi ins Gesicht schoß, schmerzte Kempf auch noch bei der Gedichtlegung 1987, in Erinnerung, dass er einem Förderer seiner Person mit einem naiven Streich bedeckte. Majestäten gleich die Reaktion des Lehrers. Nur die Frage „Wer war das?“, nach der Selbstmeldung Kempfs ein gestrenger Blick und die Aufforderung „Setz dich!“ (Gedicht auf Prof. Leo Schleyer, Seite 104). Kein langer Cirkus, echte Autorität und fertig. Respekt! Und Respekt ist das was Adam Kempf seinen Lehrern, Förderern und väterlichen Freunden gegenüberzeigt. Und Dank (Für Professor Alois Philipp – Königshofen). Kempf wusste, dass ihn das Gymnasium aus dem vorgezeichneten Lebensweg als Steinhauer oder Landwirt enthob, ihm eine andere Welt ermöglichte, die er vor allem in den Lateinern und Griechen, wenn auch längst vergangen, mythisch aufgeladen fand und empfand.

Aber auch seine Schulkameraden werden von Adam Kempf verehrt, gelobt, hochgehoben. Paul Julier wird von ihm als Original betitelt (Gedicht auf Paul Julier, Seite 94). Ja, Ja. Wer kennt schon noch Lehrer, die morgens aus der nahe gelegenen Sauna kommend, das Gymnasium (Grünewald) mit Badelatschen und im Bademantel betreten? Der Rezensent verspürt heute noch die physischen Nackenschläge Juliers, die der Rezensent in der Mathestunde an der Tafel versagend, brutal gezielt erhielt und dazu den Reim erhören durfte „An der Tafel steht ein Greis, der sich nicht zu helfen weis!“ Physischer und psychischer Knockout, schon in den ersten Runden. Er war ein Original, dieser ehemalige Faschingsprinz und Dirigent! Der Rezensent gehörte nicht wie Adam Kempf zu den Schülern, die auf dem Gymnasium gefördert wurden. Vielmehr rechtschnell hinaus befördert. Auch der spätere Tauberbischofsheimer Pfarrer und Dekan Ludwig Mönch rechnete zu Adam Kempfs Schulkameraden (Gedicht auf meinen Mitabiturienten Ludwig Mönch aus Freudenberg am Main, Seite 82), die ehrend bedichtet werden. Während dessen der Rezensent eher eine Reaktion Mönchs im Religionsunterricht in der Erinnerung hat, in der dieser, über uns als aufmüpfigere Schüler der Nach69er Zeit verzweifelter, uns zurief, dass er im Kriege den Kopf für uns hingehalten hätte und deshalb unsere aufmerksame Zuhörerschaft und aktive Mitarbeit verdient hätte. Wir Nachkriegsgeborene hatten allerdings vom Kriege und vom Kriegerzähltbekommen längst genug, hatten mit dem ehemaligen Feinde oft genug fraternisiert „Ami – Kaugummi!“, verlangten nach Coca-Cola und Pommes frites, sympathisierten mit den Schmuddelkindern aus Degenhardts Unterstadt, in denen wir uns selbst – zumindest teilweise – erkennen konnten, träumten von schlagfertigen Frauen wie Emma Peel, von sexy Girls in knappen Hotpants, von bewusstseinserweiternden Drogen, von aufregender nichtkommerzieller Undergroundmusic, von politischem Engagement, das aus dem engen Kleinstadtkäfig hinaus half. Revolte war angesagt (in der Zeit, als man Adam Kempf als Lehrer begegnete) bzw. kündigte sich an, wenn auch meistens nur im kleinsten Maßstab verwirklicht. Revolte war allerdings nicht die Sache Adam Kempfs, hier herrschen eindeutig Lehrerlob, Schulkameradenlob, Verehrung der Eltern auf den lyrischen, poetischen Feldern. Etwas auffällig ist, dass Kempf alle Direktoren des Tauberbischofsheimer Gymnasiums – denen er biographisch begegnete - bis auf Leo Klein in seine Gedichte einbezieht. Unklar, was uns das sagen könnte, eventuell sagen sollte.

Kempfs Gedichte lassen sich größtenteils chronologisch zuordnen, Gedichte aus den Jahren 1943-1947, in denen das Versmaß mit fast juveniler Kraft eingehalten wird, Gedichte aus den 1980er Jahren, in denen Kempf seine Lebenserinnerungen auffrischt, niederschreibt, mehr der Bericht als das gereimte Gedicht ihm wichtig ist. Der zweite Weltkrieg war ein Einschnitt in Kempfs Leben, er heiratete mitten im Kriege, wurde lebensgefährlich verwundet, geriet in Gefangenschaft, sein Bruder fiel, die Mutter verstarb. Das alles schlägt sich in den Gedichten der Kriegsjahre nieder, die dennoch auch Liebesgedichte, Hommagen an die Ehefrau zuließen. Den Krieg empfand Kempf als brutal, aber der deutsche Sieg wurde von ihm erhofft, zudem finden sich typisch soldatische Heldengedichte: „Stalingrad, Wolgastrand. / Heldengrab, Kampfesland! / Uns’res Leid’s innig Band, / Unserer Treue Unterpfand! // Stalingrad, Trümmerfeld! / Heldenlied aller Welt! / Jeder Schein hier zerfällt. Stammelnd Wort nur missfällt. // Stalingrad, ein Fanal! / Wendepunkt! Führst einmal / Uns empor aus dem Tal / Zu des „Reiches“ Siegesmahl??? (Gedicht Stalingrad, Seite 21) oder „Tränen Eure Lieb’ bezeugen. / Ehrfurchtsvoll sollt Ihr Euch neigen / Vor den Männern, und vor allen, / Die für Deutschland sonst gefallen! // Denn aus Tränen, Blut und Trauer / Füget sich eine Mauer: / Darauf gründend, burgengleich, / Wachse einst das Deutsche Reich.“ (Ihrem Tod die Treue, unserem Stolz die Tat, Seite 15). Der Schrecken des Krieges wird nur aus deutscher Sicht gezeichnet, damals herrschende Terminologie aufgreifend: „Trotz Mord an Greisen, Frauen und Kindern, / Die Tatkraft lassen wir uns nicht mindern. / Mag feige durch Terror es jetzt triumphieren. / Den Kampf wird Albion doch verlieren!“ (Terrorangriff, Seite 17). Den Glauben an den „Endsieg“ hatte Kempf (1943) nicht verloren, ein Widerstandskämpfer war er nicht. Nach dem Kriegsende erhielt er den „Persilschein“: „Nach dem Krieg kam die Entnazifizierung. / Rudolf hatte gut noch in Erinnerung, / Was wir damals sagten, schrieb recht gern dann mir / Ein Entlastungszeugnis. Herzlich dank’ ich Dir.“ (Gedicht auf Rudolf Wohlfahrt und seine Frau, Seite 99).

Weltmännische Erfahrungen waren wohl Adam Kempfs Sache nicht. Nur zwei Reisegedichte, ein Gedicht über einen schulischen Griechenlandaufenthalt (Für Kempf als Lateiner und Griechen ein Zauberland; Im Memoriam Wilhelm Ost, Seite 91) und ein vierzeiliges Urlaubsgedicht (Kuhgeläut in Mellau, Seite 40) künden davon. Seine Naturgedichte, Naturbeobachtungen, Landschaftsbeschreibungen bleiben auf Werbach und engste Umgebung begrenzt. Adam Kempf begegnet seiner Werbacher Lebenswelt, seinem Herkunftsort unbefangen, undistanziert, spiegelt mehr Bubenstolz und Kindheitsglück wieder, die humanistische Bildung Kempfs führt nicht zur Abgrenzung der eigenen Abstammung. Kempf hat auch kein kritisches Verhältnis zu dieser und bildet diese in ihrer Originalität direkt ab. Tauberfränkische Lebensverhältnisse, kleine Alltagsgeschichten sind Schwerpunkt der Kempfschen Gedichte über Werbacher Originale, Mundartliches wird eigensprachlich korrekt niedergeschrieben, die herrschende Trunksucht der Werbacher Unterschicht ohne Anklage verzeichnet, eher schmunzelnd verkündet.

Große Dichtung ist im Gedichtsband von Adam Kempf nicht zu finden, vielmehr ein Selbstzeugnis in Gedichtsformen, die über genauere Analyse ein tauberfränkisches Leben nachzeichenbar macht, von dem man selbst einen kleinen Teilausschnitt, aus Schülersicht, erfahren konnte. Wenn zudem die eigene Familiengeschichte mit dem Geburtsortes Kempfs, Werbach, bis ins Jahr 1670 stammbaummäßig dokumentierbar ist, darf man getrost diesem Bändchen, auch wenn man es vor über zwanzig Jahren eher unbeeindruckt weggelegt hat, seine Referenz erweisen.